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Hörbucht 13 |
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»Du bist einer von denen, der so um die Ecke denken kann«, sagt Frank Lehmanns großer Bruder in Neue Vahr Süd einmal. Und mit dieser Art zu denken hat Sven Regener – Sänger und Trompeter der großen Element of Crime – einen Nerv getroffen: Die drei Bücher der Trilogie um Herrn Lehmann sind schon einige Fantastilliarden Mal über die Ladentische gegangen. Alle, die noch nicht zugegriffen haben, dürfen sich jetzt freuen: Denn sich die Bücher vom Autor vorlesen zu lassen, ist noch viel schöner.
Sven Regener
Der kleine Bruder
5 CDs
Spieldauer: 5:24:00
Tacheles / Roof Music
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Sven Regener
Neue Vahr Süd
12 CDs
Spieldauer: 13:41:00
Tacheles / Roof Music
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Sven Regener
Herr Lehmann
5 CDs
Spieldauer: 5:59:00
Tacheles / Roof Music
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Sven Regener
Herr Lehmann (Hörspiel)
2 CDs
Autor: Sven Stricker / Sprecher: Florian Lukas, Florian von Manteuffel, Bjarne Mädel, Sonsee Neu, Gerd Baltus, Christian Stark, Konstantin Graudus u.v.a.
Spieldauer: 1:56:00
Der Hörverlag
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»Du bist einer von denen, der so um die Ecke denken kann«, sagt Frank Lehmanns großer Bruder in Neue Vahr Süd einmal. Und mit dieser Art zu denken hat Sven Regener – Sänger und Trompeter der großen Element of Crime – einen Nerv getroffen: Die drei Bücher der Trilogie um Herrn Lehmann sind schon einige Fantastilliarden Mal über die Ladentische gegangen. Alle, die noch nicht zugegriffen haben, dürfen sich jetzt freuen: Denn sich die Bücher vom Autor vorlesen zu lassen, ist noch viel schöner (Herr Lehmann übrigens erstmals komplett – die 4CD-Version, die es bislang gab, war unvollständig).
Das liegt zum einen an Regeners »nöligem Sound« (FAZ), aber auch an seiner norddeutschen Unaufgeregtheit und Lakonie sowie dem Bremer Slang an sich (so sagt Regener »dehmlich«, wenn er »dämlich« meint) und vor allem an seinem rasanten Vortrag, der seiner Literatur (die ja gar keine »Hoch«-Literatur sein will) sehr, sehr gut tut. Die FAZ meckert: »Vernuschelte Formulierungen wurden nicht korrigiert.« Das ist ja gerade das Schöne, möchte man da ausrufen, denn nichts wäre doch schlimmer, als wenn Rufus Beck, Roger Willemsen oder sonst so ein »Vortragskünstler« diese Sentenzen vortragen würde.
Der kleine Bruder – zuletzt geschrieben, aber in der Chronologie ganz hinten bzw. vorne – ist dabei eindeutig der schwächste Teil der Trilogie, gewinnt aber in der Lesung auch. Im kleinen Bruder ist Frank Lehmann leider (nur noch) Beobachter – und die »Arschart-Galerie« sowie die Happening-Band von P. Immel im Kreuzberg der 80er Jahre klingen doch zu ausgedacht. Ganz so vulgär war die Szene um Einstürzende Neubauten, Sprung aus den Wolken, Malaria, die hier karikiert werden soll, einfach nicht – da hätte Regener sich mehr Mühe geben müssen. Als Hörbuch trotzdem klasse. Regener kann einfach genial Dialoge schreiben und diese dann prima vorlesen.
Höhepunkt der Trilogie ist genauso eindeutig Neue Vahr Süd – ein Großroman der Extra- und Sonderklasse, der in einer Liga mit Eckhard Henscheids Mätresse des Bischofs oder Kempowskis Tadellöser & Wolff spielt. Wie Kempowski das Bürgertum im Dritten Reich und Henscheid die Sponti- und Pardon- (und Teppichladen-)Szene im Frankfurt der Siebziger Jahre aufgrund ihrer schriftstellerischen Imagination in den geistigen Adelsstand erheben, so gelingt das Regener mit der Bremer Bundeswehr- und Studenten-Szene der achtziger Jahre. Unglaublich – man denkt, man säße live in der Kneipe oder in der Kaserne.
Als Hörbuch ein einziger Geniestreich – hier wären sechs Sterne angebracht. »Ich habe mein Pulver an Lügen und Phrasen verschossen«, jammert Frank Lehmann einmal – für den Autor wäre das glatt gelogen! Frank Lehmann, die »Spaßbremse des Imperialismus«, muss öfter »mal in Ruhe über alles richtig nachdenken« und treibt damit nicht nur seine Vorgesetzten bei der Bundeswehr, sondern auch seine »Freunde« in Verzweiflung. Frank Lehmann ist nämlich »nicht der Mann, der ohne große Not Veränderungen an seinen Gewohnheiten« vornimmt; und deshalb ist der Umzug – weg von den Eltern, hin in eine chaotische WG – ein großer Akt für ihn und wird entsprechend kommentiert und bedacht. Die Lehmann-Brüder – in der LITERARISCHEN WELT von Uwe Wittstock als »Vladimir und Estragon« (Samuel Becketts Protagonisten in Warten auf Godot) erkannt – ähneln, oder besser, Frank Lehmann ähnelt dem legendären Bartleby, dem Herman Melville einst die goldenen Worte »Ich möchte lieber nicht« in den Mund gelegt hat. Lehmann möchte auch nicht – und so fühlt er sich gezwungen, nachträglich zu verweigern (was nicht klappt) und den Nachstellungen hübscher Frauen aus dem Weg zu gehen (was auch nicht immer klappt). »Mit robustem Slapstick und Screwball-Dialogen im Punk-Jargon« – wie Christiane Zintzen in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG ganz richtig schrieb – versucht Lehmann allem, was ihn anstrengen könnte, zu entkommen. Und er stellt fest: »Happy Hour ist keine Lösung.«
Zum ursprünglichen Sensationserfolg Herr Lehmann muss man wohl nichts mehr sagen. Auch seinen ersten Roman liest Regener vorzüglich – dafür, dass man das Ding längst auswendig mitsprechen kann, kann er ja nichts. Herr Lehmann kann man jetzt auch als Hörspiel haben. Und wenn auch Florian Lukas, Gerd Baltus und Bjarne Mädel (der Trottel aus Stromberg) aller Ehren wert sind – eine gekürzte Hörspielfassung bringt es einfach nicht. Warum sollte man die hören, wo doch die Komplettlesung des Autors vorhanden ist? Eine Antwort gibt das zugegebenermaßen gelungene Hörspiel nicht.
Für die anstehenden Feiertage gilt: Nehmen Sie sich 25 Stunden Zeit – und hören Sie Frank Lehmann alias Sven Regener. Denn Frank Lehmann »hat die Pop-Literatur noch einmal gerettet« (wie Christiane Zintzen in der NZZ resümierend feststellt). »Jetzt ist aber mal genug mit ihren sophistischen Späßen!«, sagt der Spieß zu Frank Lehmann in Neue Vahr Süd. Für die Fans von Herrn Lehmann gilt das leider auch. Ein viertes Buch soll es nicht geben.
Rolf Thomas
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