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Samstag, 4. Februar 2012

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Hörbucht #16 E-Mail
Raymond Chandler
Der lange Abschied
13 CDs
Gert Heidenreich: voice
Spieldauer: 956:00
Diogenes / edelkultur
***(*)

Raymond Chandler
Der große Schlaf
6 CDs
Christian Brückner: voice
Spieldauer: 441:00
Diogenes / edelkultur
***(*)
Todestage zu begehen, ist eine merkwürdige Marotte des deutschen Kulturbetriebs. Wenn es, wie im Fall des 50. Todestages von Raymond Chandler am 26. März, dazu führt, dass reihenweise interessante Hörbücher auf den Markt kommen, feiern wir gerne mit.

Zwei von Chandlers besten und coolsten Romanen, deren Verfilmung mit Humphrey Bogart man im Fall von Der große Schlaf noch im Auge hat, vorgelesen zu bekommen, ist an sich schon eine schöne Sache. Wenn es dann wie bei Der lange Abschied auch noch jemand mit der Kompetenz von Gert Heidenreich macht, wird es vollends vorzüglich. Heidenreich lässt sich Zeit - allenfalls Philip Marlowe selbst spricht er manchmal fast zu langsam - und hat genau die richtige volltönende Stimme, um Chandlers deprimierende Ansicht von Los Angeles und seiner Zeit vorm inneren Auge auferstehen zu lassen. Chandlers manierierte Sentenzen, die bei jedem anderen Autor und bei vielen seiner Nachahmer nur peinlich wirken, kommen von Heidenreich gelesen so lakonisch rüber, wie sie einst gemeint waren: »Wir gingen hinaus in den müden Abend.« »Seine Augen waren wie schmutziges Eis.« »Er sah mich an, als sei ich ein Zigarettenstummel.« »Die Zigarette schmeckte wie in Watte verpackter Novembernebel.«

Dass Chandler mit seinen Kriminalromanen »gegen den properen Schein der Schönen und Reichen« revoltierte, wie Christiane Zintzen in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG ganz richtig schreibt, macht seine Bücher, abgesehen von ihrer unübertroffenen Coolness, bis heute aktuell und lässt einen erstaunliche Parallelen in Zeiten der heutigen Wirtschaftskrise erkennen. In seinen Krimis bekleckert sich eigentlich niemand mit Ruhm: Die oberen Zehntausend, die zwielichtigen Gangster, die moralisch verkommene Polizei, meist sogar Chandlers Held, der Privatdetektiv Philip Marlowe - sie alle stehen am Ende noch illusionsloser vor uns wie zu Beginn.

General Sternwood, dessen Tochter erpresst wird, empfängt Philip Marlowe zu Beginn von Der große Schlaf altersbedingt im überhitzten Gewächshaus, und die Hitze lässt uns Vorleser Christian Brückner beinahe körperlich spüren. Dass Brückner, bekanntlich die deutsche Stimme von Robert de Niro, einem etwas weniger gut gefällt als Heidenreich, liegt eigentlich nur daran, dass er auf Hörbuchproduktionen inflationär oft zu hören ist. Für Chandlers Anti-Helden Marlowe dagegen gilt seit siebzig Jahren: Große Klappe, viel dahinter. Jetzt auch per Kopfhörer zu haben.
Rolf Thomas