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Samstag, 4. Februar 2012

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Hörbucht #18 E-Mail


Alexander Kluge

Chronik der Gefühle
Alexander Kluge, Hannelore Hoger, Hanns Zischler, Ilja Richter u.a.: voice
Schorsch Kamerun, Elliott Sharp, Bananafishbones, Solisten des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: music
14 CDs
Spieldauer: 729:00
Antje Kunstmann Verlag
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Das hat Alexander Kluge mit anderen Literaten gemeinsam, die mittels der Chronik – die im Literarischen nahe am Authentischen zu sein suggeriert – eine Geschichte erzählen oder auf besondere Begebenheiten hinweisen: Es ist vorbei, es ist vergangen, es geschieht nichts mehr. Nur das Erinnern setzt einen Prozess in Gang, der dem Vergangenen das Recht auf Bilanz zugesteht. Oder die Hoffnung auf eine authentische Berichterstattung. »Man schließt die Augen, macht sie wieder auf und glaubt, es müsse sich inzwischen alles verändert haben«, heißt es in dem Drehbuch Chronik der laufenden Ereignisse von Peter Handke. Auch Gabriel García Márquez bedient sich in Chronik eines angekündigten Todes der Technik der Dokumentation und erzählt, wie die Wiederherstellung der Familienehre zwar wichtig, aber eigentlich ohne Überzeugung erledigt wird.

Noch näher an der menschlichen Existenz und all ihren Facetten zu sein – das scheint Alexander Kluge allein schon durch die Hauptaussage im Titel der mehr als zweitausend Seiten umfassenden Buchausgabe seines »work in progress« Chronik der Gefühle auszudrücken: Gefühle als ureigenste Fähigkeit des Menschen. Die 2000 in zwei Bänden erschienene Sammlung alter und neuer Texte war schon vor der Hörspielbearbeitung durch Karl Bruckmaier ein Mammutunternehmen, das quasi als vorweggenommene, positive Ausgabe der gegenwärtigen Finanzkrise für aufheulende Höhepunkte bei interessierten Lesern und im Feuilleton sorgte.

Der Einzelne und die Geschichte, kollektive Erlebnisse in Dokumentationen, jüngere Zeitgeschichte in Fiktion und teilweise erfundener/gefundener Erinnerungsarbeit kennzeichnen ein Werk, das den Autor in afrikanischen Kulturkreisen als Griot bezeichnet hätte, als einen Bewahrer der Erinnerungskultur. Die Griots waren die wichtigsten Säulen der Oral History, der mündlichen Überlieferung der Geschichte. Alexander Kluge engagiert sich schreibend und erzählend als Sammler des Vergessenen, der, anders als etwa Walter Kempowski, auch selbst erfundene Biografien benutzt, um zu transportieren, was heute nicht nur über den Jordan gegangen, sondern schon in ihm ertrunken ist: das Gefühl für Geschichte und für gewonnene Erfahrungen aus ihr.

In Venedig nehmen Altenheimbewohner Geiseln: aus Einsamkeit? Am Ende liegen viele Tote im Blut, die Polizei obsiegt. Hier beschreibt Kluge einen anderen »Tod in Venedig« als jenen, den Thomas Mann einst darstellte: Massensterben statt Verklärungstod. Kluge fragt im Kapitel »Massensterben in Venedig« nach dem Sinn von allem und wie er entsteht. Doch ist das alles wahr, besitzen diese Informationen eine historische Wahrheit? Auch aus den anderen Texten wird deutlich, dass Kluge eine Fiktion der Fakten verfolgt und den Fakten (oft) eine Fiktion andichtet. Eine kleine Fälschung vornehmen – Alexander Kluge amüsiert sich königlich darüber, diesen Kunstgriff der Klassiker wie Goethe oder Schiller in seiner eigenen Arbeit anzuwenden. Um aus dem Negativen etwas Positives zu machen. So »türkt« er ein Interview mit einem Minister, auf den im Bonner Hofgarten geschossen wird. Pikanterweise ist der Täter ein Verfassungsschutzbeamter, der die Nase voll hat von Unzulänglichkeiten und mit der Tat zeigen will, dass ein Attentäter spielend leicht an den Minister herankommt.

Die filmische und literarische Produktion des Alexander Kluge: ein gigantischer Wort- und Zelluloidberg. Chronik der Gefühle ist als eigenständiges Werk ein gewaltiger Worthaufen, im Gesamtwerk jedoch nur ein kleines Geröllfeld. Zwölf Stunden Hörspiel – ein Nichts, wie Regisseur Karl Bruckmaier notierte. Dieses Nichts aus Montagen, Collagen, Dokumentarliteratur, Science Fiction, Interviews glänzt als kluges Erzählwerk im Zeitalter des schnellen Vergessens, der Ex-und-hopp-Berühmtheiten und einer immer noch agilen Humorgesellschaft wie ein »Denkmalsplan« (Kluge).

Als die Welt 1923 durch Verluste, Pleiten, Spekulationen dramatisch verändert wurde, stellte die Zeit markante Nebensächlichkeiten bereit, die Alexander Kluge als bleibende Dokumente im Kapitel »Der Eigentümer und seine Zeit« bewahrte. Wie die Zunahme der Telefonate im Transatlantikkabel um fünf Prozent. Das hat die Finanzkrise nicht verhindert. Für Alexander Kluge aber ergeben diese Winzigkeiten ein komplettes Bild des Ganzen – was der aktuellen Finanzkrise noch fehlt.
Klaus Hübner