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Samstag, 4. Februar 2012

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Hörbucht #21 E-Mail
Thomas Bernhard / Siegfried Unseldbernhard_hoerbuch2.jpg
Briefwechsel
Peter Simonischek: voice (Thomas Bernhard) / Gert Voss: voice (Siegfried Unseld)
3 CD
Spieldauer: 240:00
Der Hörverlag
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Der Mann, der etwas genervt vom Backcover der Hör-CD Briefwechsel direkt in die Augen des Betrachters schaut, war viele Jahre eng - vielleicht sogar enger als mit seiner Ehefrau - mit dem auf dem Frontcover der CD abgebildeten, etwas arrogant schauenden Mann, der provokativ seine Arme vor der Brust verschränkt, verbunden. Diese beiden Männer gefielen sich nicht nur als Briefschreiber und -empfänger, Botschafter und Bittsteller, Ablehnender und Gewährender, sie waren auch Freunde, zeitweise, und Feinde, zeitweise, und lange Zeit abhängig voneinander. Beide leben nicht mehr, aber beide haben einen deutschen Verlag, den Suhrkamp Verlag, entscheidend mitgeprägt und ihm das Gesicht gegeben, für das diese Literaturfabrik zu Recht in Deutschland als einzigartig (immer noch) an der Spitze stehend angesehen wird.

Die Rede ist von Thomas Bernhard (1931-1989) und Siegfried Unseld (1924-2002), von einem Autor epochaler Romane wie Das Kalkwerk und Verstörung, und von einem Verleger deutschsprachiger Autoren wie Max Frisch, Peter Handke, Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Uwe Johnson und Bodo Kirchhoff. Bernhard und Unseld liebten und verachteten, verehrten und hassten sich wie kaum ein zweites Literaturpaar, sie inszenierten ein Zweipersonenstück mit allen Raffinessen, Fallenstellungen und Glatteisinszenierungen – und das ausschließlich im Briefwechsel. Diese zwischen 1961 und 1989 gut fünfhundert Briefe umfassende Korrespondenz entlarvt zwei Kämpfer mit einem gemeinsamem Ziel: gute Bücher zu machen. Dabei ist der Weg eine Zickzackspur, die insbesondere Thomas Bernhard oft mit neuen Zickzacken erweiterte.

Verstörend ist der Briefwechsel zwischen Bernhard und Unseld und reicht von himmelhochjauchzender Bewunderung bzw. Dankbarkeit bis zu gnaden- und erbarmungslosen Schimpforgien nahe an der Beleidigung. Manchmal entzündet sich ein Streit um elementare Dinge an völlig harmlos erscheinenden Nebensächlichkeiten. Der höfliche, immer höflich bleibende, in seinen Überzeugungen aber festgezurrte Verleger Siegfried Unseld, der ab 1959 den Verlag nach dem Tod von Peter Suhrkamp allein führte, tat vieles dafür, den Exzentriker aus Österreich an seinen Verlag zu binden: »In der modernen Abteilung des Inselverlages, die auszubauen ist, sind Sie für mich der wichtigste Pfeiler.« Thomas Bernhard dankt es ihm auf seine zwiefache Weise – mit echtem Dank, mit echtem Hohn und Spott, mit echter Wut und echtem Zukreuzekriechen.

Thomas Bernhard äußert sich in seinen Briefen offen und ausführlich über seine in Arbeit befindlichen Romane oder Theaterstücke. Sein Hass auf Österreich, seine majestätsbeleidigenden Tiraden gegen die Alpenrepublik schimmern auch in den Briefen immer wieder durch. Als er sich dort ein Haus kauft, bereut er es schon bald: »Es ist ein Besitz, wie ihn sich jeder wünscht, der mir aber schon lästig geworden ist. Plötzlich bin ich dadurch ein österreichischer Staatsbürger geworden. Das will ich nicht sein.« Seinen Ekel vor Österreich teilt der 1931 im holländischen Heerlen geborene Bernhard mit einem anderen berühmten einheimischen Autor – mit Joseph Roth. »Wo es mir schlecht geht, dort ist mein Vaterland. Gut geht es mir nur in der Fremde«, schrieb Roth an seinen Verleger Gustav Kiepenheuer. Für das Haus in Salzburg bekam Bernhard übrigens ein Darlehen des Verlages über fünfundzwanzigtausend Deutsche Mark, um dessen Rückzahlung ein fulminanter Streit entstand.

Das Gefeilsche um Honorare, der Kampf um den richtigen Buchtitel (wie bei Verstörung) und angebliche Zurückweisungen des Autors durch den Verleger halten das spannungsgeladene Verhältnis über Jahrzehnte unter Feuer. Bernhards unwirsche Reaktionen auf leise, vorsichtige Mahnungen Unselds wegen einer Hypothek kontert dieser stets mit einer geduldigen, toleranten und einfühlsamen Erwiderung. Über den Vertrag zu Das Kalkwerk kommt es fast zum Bruch, denn Thomas Bernhard jault erbost auf, als er den Vertragstext studiert: »Die eingehende Lektüre des Kalkwerk-Vertrages, den ich in Frankfurt unterschrieben habe, lässt mich die Unterschrift unter diesen Vertrag mit sofortiger Wirkung zurückziehen. Es sind Sätze in diesem Vertrag enthalten, die ich unter keinen Umständen akzeptieren kann.« Siegfried Unseld schreibt, Engelszungen bemühend, zurück: »Ich bin sicher, dass ich Sie, lieber Herr Bernhard, in einem ruhigen Gespräch von der Richtigkeit der Vertragspunkte überzeugen könnte. Für jetzt sollte doch gelten, dass wir diesen Vertrag haben, dessen Bedingungen wir gemeinsam sinnvoll anwenden werden.« Im nächsten Brief schon relativiert Thomas Bernhard seine emotional aufgeheizten Zeilen, geschickt nimmt Unseld diese Tatsache zum Anlass, Bernhard weiterhin behutsam auf die Notwendigkeit dieses Vertragstextes aufmerksam zu machen. Offensichtlich bemerkt Bernhard diese Taktik und öffnet sofort einen anderen Streitschauplatz – er weigert sich, in Zukunft für Lesungen bereitzustehen. Der Briefwechsel speist sich vielerorts aus angehäuften Missverständnissen und tanzt beständig um die finanzielle Ausstattung des Autors, um höhere Honorarforderungen und um die Interessen des Verlegers, in gleicher Weise dem Verlag und dem Autor zu dienen und für beide so viel wie möglich herauszuholen.

In einer Notiz vom 28. Januar 1989 berichtet Siegfried Unseld von einem Treffen mit Thomas Bernhard in Salzburg: »Er [Bernhard] glaube nicht, dass er dieses Jahr überleben werde. Seine Herzschwäche verbunden mit einer immer deutlicheren Erweiterung des Herzens werde immer beschwerlicher. Operationen kämen nicht mehr in Frage, es sei denn, man mache eine Herztransplantation. Dieses aber lehne er ab, er wolle überhaupt nicht mehr ins Krankenhaus, schon gar nicht mehr in eine Intensivstation und an Schläuchen hängen. Ich gehe, wie ich gekommen bin, unbemerkt, niemand soll von meinem Tod erfahren, beim Begräbnis sollen nur mein Bruder und meine Schwester anwesend sein, wenn diese dies wollen. Er wünsche sich, dass sein Bruder und ich gemeinsam seinen Nachlass verwalten sollen.« Wenige Tage später, am 12. Februar, starb Thomas Bernhard in Gmunden an den Spätfolgen einer Lungenerkrankung. Peter Simonischek (Thomas Bernhard) und Gert Voss (Siegfried Unseld) leihen dem Autor und seinem Verleger ihre facettenreichen Stimmen und lassen den berühmt-berüchtigten, bis zum Schluss spannungsgeladenen Briefwechsel als Hörbuch wieder aufleben – ausgezeichnet mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2010.
Klaus Hübner