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Tino Hanekamp
So was von da
Florian von Manteuffel: voice
Spieldauer: 435:00 (5 CDs)
Der Audio Verlag
****(*)
Es ist nicht nur ein Kalenderjahr, das für Oskar Wrobel an diesem Silvestertag zu Ende geht. Am Abend soll die letzte Party in seinem Club auf St. Pauli steigen, bevor die Abrissbagger anrollen. Und die Voraussetzungen für ein gelungenes Fest könnten wirklich besser sein. Schon am Morgen ist der verkaterte Oskar vom Besuch eines berüchtigten Kiezluden überrascht worden, bei dem er mit 10.000 Euro in der Kreide steht. Auch sonst ist noch eine Menge zu tun, und die immer wiederkehrenden Gedanken an seine große unglückliche Liebe Mathilda lassen sich nicht abstellen.
Mit seinem Debütroman So was von da beleuchtet Tino Hanekamp die Kulturszene von innen. Dass er weiß, wovon er schreibt, ergibt sich schon aus seinem Lebenslauf, denn der 32-jährige frühere Musikjournalist hat sich in Hamburg als Clubbetreiber und Programmmacher der 2005 geschlossenen Weltbühne und des Uebel & Gefährlich einen Namen gemacht, zweier Orte, die als gemeinsame Vorlagen des fiktiven Clubs im Roman leicht zu erkennen sind. Nicht nur in den Ortsbeschreibungen beweist Hanekamp Freude am Spiel mit den Übergängen zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Einerseits lässt er reihenweise Hamburger Szenegrößen in seinem Buch auftreten, andererseits spitzt er einzelne Charaktere so zu, dass sie fast klischeehaft unwirklich erscheinen, etwa Oskars Freund Andreas »Rocky« Rockmann, der aufstrebende Untergrundstar und Sohn der erzkonservativen Kultursenatorin der Stadt und eines dementen ehemaligen Rockmusikers.
Dass es enorm abwechslungsreich ist, dem Bewusstseinsstrom des Ich-Erzählers zu folgen, liegt auch an Oskars Lebenssicht, die zwischen Sarkasmus und Philantropie pendelt: »Jetzt gerade geht’s mir richtig gut. Und jetzt schon nicht mehr. Kaum denkt man daran, dass es einem gut geht, fallen einem die Gründe ein, die dagegensprechen. Und das war’s dann.« Er liest Marc Aurel, kann aber dessen Ratschlag, sich an die Umstände anzupassen, nicht folgen: »Ich will mich nicht anpassen, ich will die Ketten sprengen. Und bevor ich alle von Herzen lieben kann, muss ich meine Hassliste abarbeiten.« Dennoch ist das Buch auch ein Hoch auf den Zusammenhalt unter Gleichgesinnten und eine Liebeserklärung an seine Freunde und die Freundschaft insgesamt.
Hanekamp beweist ein nicht nur für einen Debütanten bemerkenswertes Rhythmusgefühl bei der Konstruktion der Geschichte. Er hält das Interesse des Lesers durchgehend hoch, indem er viele Stränge parallel laufen lässt, das Erzähltempo variiert, Rückblenden und Reflexionen einbaut, aus denen er immer wieder in den Sog der Vorbereitungen und der späteren, extrem ausufernden Party zurückkehrt. So schafft er es, dass neben den naheliegenden Themen wie Musik, Tanzen, Feiern, Drogen und Liebe auch quasi-philosophische Gedanken ihren Platz finden. Selbst in den Passagen, in denen der Leser gemeinsam mit Oskar in das Meer der Feiernden eintaucht, blitzen immer wieder Memento-Mori-Motive auf, die Parallelen zwischen dem bevorstehenden Ende des Clubs und der allgemeinen Vergänglichkeit durchscheinen lassen. Der Grat zwischen slapstickartigen Pannen und existenziellen Problemen ist schmal.
Eine perfekte Wahl als Sprecher des Hörbuchs ist Florian von Manteuffel. Er changiert gekonnt zwischen dem atemlosen und rauschhaften Stakkato des Party-Erlebnisses und fast zärtlichen Erinnerungspassagen, in denen Oskars Beziehung zu Mathilda beschrieben wird. Zu den Glanzstücken seines Vortrags gehört, wie er in der Szene, in der Oskar erfährt, dass seine große Liebe auf der Party auftauchen wird, über anderthalb Minuten den Namen Mathilda in allen möglichen Betonungen und Ausdrucksformen variiert. Überzeugend trifft er auch den angewiderten Spott, mit dem sich Oskar von Durchschnittsbürgern abgrenzt: »Sie haben Angst. Angst vor allem. Vor allem vor ihren Lügen und davor, eines Tages aufzuwachen und zu erkennen, dass sie alles verpasst haben, dass alles an ihnen vorbeigezogen ist.« Buch und Hörbuch sind ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, das Leben wirklich zu leben.
Guido Diesing
Tino Hanekamp liest:
22.11. Koblenz, Circus Maximus
24.11. Kaiserslautern, Thalia Buchhandlung
25.11. Mainz, Schon Schön
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