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Mittwoch, 22. Februar 2012

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Hörbucht #29 E-Mail
Max Goldt
Penisg’schichterln aus dem Hotel Mama
Max Goldt: voice
Spieldauer: 160:00 (2 CDs)
Hörbuch Hamburg
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Max Goldt
Gattin aus Holzabfällen
Max Goldt: voice
Spieldauer: 160:00 (2 DVDs)
Hörbuch Hamburg
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Auf Max Goldt ist Verlass. In schöner Regelmäßigkeit schnürt er ein Bündel aus seinen hier und da veröffentlichten Kolumnen und sonstigen Texten und veröffentlicht sie in Buchform oder gleich als Hörbuch. Wobei der lesende gegenüber dem gelesenen Goldt entscheidenden Mehrwert besitzt. Der Tonfall, mit dem der Autor Amüsement, Naserümpfen, Verwunderung, gespielte oder echte Empörung gegenüber seinen Themen ausdrückt, macht die ohnehin vielschichtigen Texte noch vergnüglicher. Man könnte behaupten, er habe den durch sprachliche Eleganz geprägten Stil seiner Texte über die Jahre perfektioniert, wären nicht seine frühen Texte schon ebenso gekonnt konstruiert gewesen. Wie Serpentinen schlängeln sie sich dem Gipfel entgegen, holen weit aus, entfernen sich vom Ausgangspunkt und ergehen sich in Abschweifungen und assoziativen Umwegen, um dann doch auf überraschende Weise zum Ziel zu gelangen.

Die Texte, die Goldt unter dem trefflich gewählten Namen Penisg’schichterln aus dem Hotel Mama auf seiner neuen Doppel-CD versammelt, machen da keine Ausnahme. Manchmal treibt er es etwas weit mit dem gewollt onkelhaften Ton seines Vortrags und der Neigung zu gestelzten Formulierungen, aber Überschriften wie »Auch Tote dürfen meine Füße filmen« wecken nicht nur hohe Erwartungen, sie erfüllen sie auch, wenn auch bisweilen auf andere Art als gedacht. Wem Vergleiche gar nicht weit genug hergeholt sein können, ist hier richtig, etwa wenn der Zustand einer fest montierten Dusche mit den Worten beklagt wird: »Wenn ein Herr beispielsweise seine Vorderjuwelen sauber bekommen möchte, muss er seinen Unterleib vorstülpen wie ein Saxofonist, der die triebhaften Aspekte seines Spiels überakzentuiert.«

Goldt bestätigt die Geschmackssicherheit seines Urteils, wenn er mit seiner Kritik nicht nur auf leichte Opfer wie Comedy und Musical zielt, sondern auch mit Blick auf Mariah Carey und ihre Nachahmerinnen feststellt: »Die kleinbürgerlichste kulturelle Ausdrucksform war in den letzten 15, 20 Jahren das Melisma, also jene Gesangstechnik, in der mehrere Töne auf einer Silbe gesungen werden, abschätzig auch Soulgejaule oder Eiergesang genannt.« Eine Besonderheit des Hörbuchs bilden neun live gelesene Ausschnitte aus Goldts Bildband Gattin aus Holzabfällen, mit dem er 2010 die Kunst der Bildunterschrift zu neuen Höhen geführt hat. Um die möglichst weit aufklaffende Text-Bild-Schere nachvollziehbar zu machen, behilft er sich in Lesungen damit, zunächst das Abgebildete zu beschreiben, um es anschließend in neue, unerwartete Zusammenhänge zu stellen.

Dass das Vorlesen von Bildern zwar originell, aber nicht vollends befriedigend ist, mag bei Goldt Überlegungen in Gang gesetzt haben, die ihn nun zu etwas Neuem führen: dem Bildhörbuch. Gleich 140 der in Gattin aus Holzabfällen enthaltenen erstaunlichen Fotos mit noch erstaunlicheren Anmerkungen zeigt er mit den dazu vorgelesenen Bildlegenden auf der gleichnamigen Doppel-DVD. Das hat im Vergleich zum Buch den Vorteil, dass man durch Goldts getragenen Leseduktus gar nicht erst in Versuchung gerät, unangemessen schnell zum nächsten Bild weiterzublättern. Auf diese Weise entdeckt man noch mehr sprachliche Schönheit, etwa wenn zu einem älteren Schwarz-Weiß-Foto einer undefinierbaren hölzernen Skulptur der Text anhebt: »Die Arbeiten eines Quallenschnitzers haben gegenüber ihren natürlichen Modellen den Vorzug einer wertigeren Materialität.«

Schon die Abbildungen allein, insbesondere die aus den 1970ern, sind erheiternd. Kombiniert mit Goldts Texten, in denen er häufig in wissendem Ton über die vermeintlichen Absichten der Fotografen oder Grafiker sinniert, wird das Betrachten so vergnüglich, dass man sich glatt die aussterbende Institution geselliger Dia-Abende zurückwünscht, um die mehr als zweieinhalb Stunden dauernde Abfolge von Skurrilitäten mit anderen teilen zu können.
Guido Diesing