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Anke Helfrich - Sturmfest |
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Von Angela Ballhorn

Drei CDs in knapp zehn Jahren ist wenig in dieser schnelllebigen Zeit, aber setzt auf Qualität, nicht auf Quantität: »Wenn ich mir so anschaue, was heutzutage auf den Markt kommt … dass Musiker einmal pro Jahr eine neue CD veröffentlichen, die Menschen andererseits aber weniger Geld haben, um sich CDs zu kaufen … Sich rar zu machen, finde ich besser. Dadurch ist es wieder besonders, wenn eine neue CD erscheint. Drei Jahre Abstand ist für mich durchaus im Rahmen.«
Blonder Monk und kleiner Riese
Vielleicht hätte sie die Fans noch ein bisschen länger warten lassen, gäbe es nicht die JazzToday-Reihe des Konzertveranstalters Karsten Jahnke, der die Weinheimerin unter Vertrag nahm. Der war natürlich an einer neuen Veröffentlichung zur Doppelkonzerttour mit Manu Katché interessiert. »Eine größere Tour geht nur mit einer neuen Veröffentlichung, und offensichtlich brauche ich einen solchen festen Termin«, räumt Helfrich ein. »Wenn ich weiß, bis wann die Stücke fertig sein müssen und wann die Aufnahme stattfindet, arbeite ich sehr zielgerichtet. Ich hatte im Sommer sechs Wochen für die neue CD, und in den sechs Wochen wurden die Stücke fertig.« Saxofonist Dave Pietro bezeichnete Deadlines einmal als eine seiner wichtigste Inspirationsquelle, und Anke Helfrich kann das lachend bestätigen: »Klar, schreiben durch Angst! Ich schreibe immer, aber oft bleiben Sachen halb fertig liegen. Der Druck einer neuen Veröffentlichung ist offensichtlich nötig für mich. Ich wollte bestimmte Facetten auf der CD vertreten haben – freiere Stücke, die wir live oft spielen, aber auch Stücke, die eben nicht 08/15 sind mit Melodie, Solo, Melodie. Ich wollte Stücke aufbrechen und offener gestalten.«
Ihrer Vorliebe für den kauzigen Thelonious Monk, die ihr schon den (nicht unbedingt geschätzten) Spitznamen »blonder Monk« einbrachte, geht sie gleich im Opener nach: »Hackensack« ist ein griffiges Vehikel, mit dem sich das gut eingespielte Dreierteam mit Henning Sieverts (b) und Dejan Terzic (dr) mühelos fortbewegt. Ebenfalls sofort mit Monk in Verbindung bringt man das letzte Stück der CD, »Little Giant«, Johnny Griffin gewidmet, der lange Jahre in Monks Band spielte. »Ich weiß nicht mal, ob er diesen Namen, der ihm übergestülpt wurde, mochte«, sagt Helfrich. »Ich kann mich erinnern, dass Johnny Griffin es bei einer Laudatio von Michael Hennessy immer cool fand, wenn er gelobt wurde, vor allem als Hennessy sagte, dass sich Griffins Spitzname Little Giant sicher nicht auf die Größe, sondern aufs Spielen bezog.« Im groovigen und auch witzigen Klavierstil Anke Helfrichs erkennt man Parallelen zu dem im Sommer verstorbenen Johnny Griffin, der seine Soli gerne mit Zitaten spickte. So sei sie musikalisch aufgewachsen, erklärt sie, und habe außerdem das große Glück gehabt, selber einmal mit Griffin spielen zu dürfen, und erinnert sich, wie der Saxofonist noch im Schlussakkord auf der #11 eben »Jingle Bells« anzuspielen begann: »Bei jedem anderen hätte man gesagt, dass es geschmacklos ist. Bei ihm war es originell und witzig. Griffin hat die Jazzgeschichte erlebt und inhaliert, der durfte das machen! Ich zitiere auch gerne. Teilweise ist mir nicht mal mehr eingefallen, wie die Stücke heißen … »Lady Be Good« liegt auf der Hand, da »Hackensack« auf diesen Akkorden basiert, und »Thelonious« ist ebenfalls vertreten.«
Pilze sammeln und kochen
Dass diesmal die Posaune beim Trio zu Gast war, hat nichts damit zu tun, dass es davor Saxofon (Mark Turner) und Trompete (Roy Hargrove) waren. »Nächstes Mal ist es Klarinette«, lacht die Pianistin, der es nur um den Musiker Nils Wogram gegangen wäre. Hätte er Mundorgel oder Triangel gespielt, wäre er auch dabei gewesen. Die Art und Weise, wie er sein Instrument spiele, wäre ausschlaggebend gewesen. Im letzten Jahr spielten das Trio und der Posaunist ein paar Konzerte zusammen: »Ich hatte selten jemanden, der meine Musik so gespielt und verstanden hat, wie ich sie haben wollte. Nils bereitet sich super vor und spielt inspirierte Chorusse. Auch in den freieren Stücken hätte man nicht besser spielen können. Aber ich will nicht nur über Nils sprechen, weil die anderen beiden Musiker natürlich ebenso wichtig sind!« Vor allem die verschiedenen Klangfarben bestechen. Dejan Terzic beschränkt sich nicht auf das Drumset, sondern setzt sehr pointiert auch Kleinperkussion und Glockenspiel ein. Bassist Henning Sieverts ist ein ebenso einfallsreicher Solist, der auch mit Bogen zu spielen versteht und zudem meisterhaft Cello spielt. Harmonium, Melodika und Fender Rhodes kommen dazu.
Vor allem in den freieren Stücken hatte die Pianistin ihrem Team nur Tendenzen angegeben und abgewartet, was aus der Band kommen würde: »Und da kam eine Menge. Bei der letzten Aufnahme hatte ich von jedem Stück einige Versionen zur Sicherheit eingespielt, diesmal hatte ich schnell den Eindruck, dass wir es nicht hätten besser spielen können. Einige Stücke waren First Takes, bei ›Stormproof‹ gefiel mir die erste Aufnahme, aber sie war ein bisschen zu schnell. Deshalb haben wir es am zweiten Tag noch mal aufgenommen – auch, weil Nils sonst den ganzen Tag nichts zu tun gehabt hätte … Der war Pilze sammeln und hat für uns gekocht.«
In der Stammbesetzung des Trios, mit dem Anke Helfrich ab Ende Januar auf Tour geht, hat jeder Musiker seine Freiräume, und auch den freieren Stücken wird mehr Raum gegeben. »Wir hatten zum ersten Mal jemanden dabei, der die Aufnahmen betreut hat«, so Helfrich. »Matthias Winckelmann von Enja hat so viel Erfahrung, von ihm nimmt man Ratschläge an. Ich finde selbst, dass die CD nicht nur durch die verschiedenen Klangfarben sehr abwechslungsreich geworden. Mal ist es eher groovig, mal eher straight. Es gibt wechselnde Taktarten, zwei Balladen, ein eher freies Stücke und einen Swing. Heutzutage ist Swing völlig out und es ist verpönt, wenn eine Band auf einmal in 4/4 geht. Aber ich möchte mich nicht dafür rechtfertigen müssen.«
Neben den musikalischen Verbeugungen vor Monk und Griffin gibt es noch eine weitere Reverenz. »Swiss Movement« ist natürlich eine Hommage an Les McCann und Eddie Harris. Mit deren Platte Swiss Movement ist Anke Helfrich groß geworden: »Die Band von Scofield mit Eddie Harris hat mich sehr beeinflusst. Ich hatte mir zu dem Zeitpunkt eine XB2 Orgel gekauft und bin zu acht Konzerten der Band in Europa nachgereist. Damals hatte Scofield an der Amsterdamer Hochschule einen Workshop gegeben, und ich bin ihm dann quasi nachgereist und habe so Eddie Harris kennen gelernt.« Hier kommt auch das alte Fender Rhodes zum Einsatz, das Anke Helfrich ein Leben lang begleitet hat. Schon für die letzte Aufnahme hatte sie damit geliebäugelt, es einzusetzen, aber es war zu viel im Umfeld zu organisieren – Roy Hargrove abholen, ihn und die Band unterbringen und verköstigen … Diesmal war es aber so weit, und sie war froh, dass ihr auch noch das WahWah-Pedal eingefallen ist. »Das Studio hatte ein Rhodes besorgt, ich wollte aber lieber mein eigenes«, sagt sie. »Der Transport ist nicht sehr rückenschonend. Auf Tour geht es mit, aber diesmal muss ich es nicht selber auf die Bühne schleppen.«
Zwischen den Telefonaten
Manche der neuen Kompositionen haben ungewöhnliche Titel; »Sehnsucht« blieb in Deutsch, weil es für Anke Helfrich keine ausreichende englische Entsprechung gab: »Es entstand außergewöhnlich schnell. Harmonisch ist es relativ einfach mit A- und D-Moll, allerdings mit anderen Abgängen. Ich habe das Stück zwischen zwei Telefonaten fertig komponiert ... und fand es am nächsten Tag noch gut. Es wanderte also nicht – wie sonst oft – in den Papierkorb.« Bei der fast klassisch anmutenden Komposition hat Henning Sieverts am Cello einen großen Anteil an der sehnsüchtigen Stimmung. »In Good Times As In Bad« etwa klingt wie die Floskel bei einer Hochzeit. Früher, sagt Helfrich, hätte es »Durch dick und dünn« geheißen und etwas Kumpeliges gehabt; schließlich stolpere das Stück im Mittelteil, wechsele das Tempo, das Metrum, und dann sei wieder alles in Ordnung: »›Durch dick und dünn‹ beinhaltet alle Parameter einer Freundschaft. Man kann zusammen Pferde stehlen, und alles hat etwas Witziges. Leider geht der Humor in der englischen Übersetzung etwas verloren.«
Der Musik wiederum bleibt der Spielwitz erhalten. Zu allen Qualitäten, die Pianisten auszeichnen - der nuancierte Anschlag, die Fingerfertigkeit, Virtuosität oder Originalität - und Anke Helfrich im Übermaß besitzt, kommt noch ihr großartiger Sinn für Humor. So kann Unterhaltung auch auf höchstem Niveau stattfinden. Das ist schon auf der CD deutlich zu hören, erreicht aber auf der Bühne zusammen mit ihren Mitmusikern ein ganz anderes Level.
Aktuelle CD:
Anke Helfrich: Stormproof (Enja / Soulfood)
Website:
www.anke-helfrich.de
Tourdaten:
Anke Helfrich Trio - Manu Katché Band
28.1. Dortmund, Konzerthaus
29.1. Kaiserslautern, Kammgarn
30.1. Karlsruhe, Tollhaus
31.1. Mainz, Frankfurter Hof
01.2. Stuttgart, Theaterhaus
02.2. Mannheim, Alte Feuerwache
04.2. Darmstadt, Centralstation
05.2. Berlin, Kammermusiksaal
06.2. Bremen, Glocke
07.2. Hamburg, Kampnagel
09.2. Lübeck, Musik- und Kongresshalle
Anke Helfrich
18.2.-22.2. Mallorca (solo)
07.3. München, Ludwig Beck (solo)
08.3. München, BMW World (Trio)
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