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Blindfold Test Nils Frahm - Musik kommt von Musik |
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Er schreibt auch Musik für Theaterstücke, Filme und Werbung. Nils Frahms neue Platte Felt ist geprägt von vielen Geräuschen, die seine wunderbaren Melodien umgeben, von Rauschen und Knacken. Manchmal meint man das Atmen mitzuhören wie bei Keith Jarrett, mit dessen Musik er aufwuchs, denn sein Vater, der Fotograf Klaus Frahm, nahm für das ECM-Label mehrere Coverfotos auf.
Von Klaus von Frieling
Bild: Antje Taiga
Philip Glass: »How Now«; Jeroen Van Veen - Minimal Piano Collection (Brilliant Classics, 2006)
Nils Frahm: Philip Glass? Den habe ich mir später erarbeitet, ich bin da nie reingesogen worden. Ich war immer eher auf der Steve-Reich-Fan-Seite. Ich glaube, das liegt daran, dass mich viele Sachen von Glass mehr als Ideen interessiert haben als das, was am Ende dabei herausgekommen ist. [Die Oper] Einstein on the Beach [1976] ist für mich sein wichtigstes Werk.
Klaus von Frieling: Findest du deine Musik darin wieder? Oder allgemein in der Minimal Music?
Nils Frahm: In der Minimal Music im Allgemeinen schon, ganz stark. Es ist aber nicht so, dass ich Philip Glass rauf und runter gehört habe, überhaupt nicht. Simeon ten Holt ist für mich z.B. wichtiger. Ansonsten ist es bei der Minimal Music wichtiger, was sie bewirkt hat, als das, was sie für sich darstellt, also die Idee der Wiederholung, das Zwischen-den-Tönen-Hören, das Zwischen-den-Wiederholungen-Hören usw. Das hat ganz entscheidend die Musik verändert. Bei Steve Reich ist das aber anders. Er stellt das Konzept des Phasings und der Wiederholungen ganz klar heraus, aber bei vielem, was er macht, ist es am Ende einfach auch fantastisch klingende Musik. Die Idee oder das Konzept sind nicht überbordend, nicht zu stark, sondern es geht immer noch darum, was man am Ende hört. Bei Philip Glass ist mir das manchmal zu sehr mit der Brechstange, rein vom Ästhetischen her. Manchmal wirken seine Sachen ein bisschen clumsy und fast ein bisschen autistisch. Außerdem stört mich bei ihm, dass er sich so inszeniert, der Minimal Dandy ist. Das ist auch ganz schlimm bei anderen Ikonen, die um ihren Einfluss, ihren Wert wissen, wie z.B. Keith Jarrett.
Charlemagne Palestine: »Strumming Music«; Godbear (Barooni, 1998)
Nils Frahm: Ich glaube, das kenne ich nicht.
Klaus von Frieling: Das ist Charlemagne Palestine.
Nils Frahm: Ich habe eher Geschichten über ihn gehört als seine Musik. Wilde Geschichten.
Klaus von Frieling: Vermutlich ist das jetzt auch zu leise.
Nils Frahm: Für seine Vorstellungen bestimmt. Ich finde, dass er ein total gutes Feeling hat, etwas ganz Ungeschliffenes. Es ist toll, wenn Leute ihre kleine Ecke gefunden haben, in der sie sie selbst sind, in der sie genau das machen, was nur sie selbst können.
Klaus von Frieling: Er spielt ja einen Bösendorfer-Flügel, weil nur der diese Schwingungen erzeugen kann. Ist es für dich wichtig, auf welchem Klavier du spielst?
Nils Frahm: Am Ende ist es wichtig, aber auch nicht zu wichtig. Das ist auch noch nicht dran, dass ich nur den Bösendorfer spiele und der Veranstalter halt sehen muss, wo er den herbekommt. Wenn es ein schönes Instrument ist, bin ich auch bereit, mein Spiel danach auszurichten. Wenn man jetzt eine ganz klare Vorstellung davon hat, wie die Sachen zu klingen haben, dann verstehe ich schon, dass man jeden Abend seinen Wunsch-Flügel haben möchte, der einem Sicherheit gibt. Gerade bei Sachen, die technisch anstrengend sind. Das fühlt sich auf so einem Klavier [zeigt auf sein Klavier im Studio] vollkommen anders an als auf einem anderen. Und dann hängen die Tasten ein bisschen und man kann es in dem Tempo gar nicht spielen. Das merkt man meist erst beim Auftritt: »Oh Gott, oh Gott! Wo bin ich denn hier? Das geht ja gar nicht gut.« Dann muss man halt gucken, dass man improvisiert. »Dann beackere ich diesen Boden mal nicht und schaue mal, ob etwas anderes funktioniert.« Ich nutze das meistens auch als Chance, während eines Konzerts dem Flügel etwas abzugewinnen, was nur dieser Flügel kann.
Klaus von Frieling: Wie stehst du zum E-Piano?
Nils Frahm: Da weigere ich mich strikt. Ich glaube, dass E-Pianos keine Seele haben. Man kann damit Piano-ähnliche Klänge erzeugen, die sicherlich auch funktionieren, wenn man mit einer Band auf Tour ist. Aber sobald man das Teil solo spielt ... nee. Da ziehe ich den Hut vor Leuten wie Ólafur Arnalds, der auch mal ein Solo auf seinem E-Piano spielt - und das klingt dann auch nicht schlecht. Aber es übersetzt einfach deine Persönlichkeit nicht. Da ist irgendetwas dazwischen, da kommt irgendetwas anderes bei raus, das erzeugt kein Feedback. Die besten Momente sind, wenn man sich selbst sieht, wie eine Selbsterkenntnis: »Ach so, das bin ich gerade.« Und das, was du hörst, gibt quasi ein Feedback, schwingt dann wieder auf dich über, und zum Teil bist du das selbst, zum Teil ist es einfach nur Musik, Klang, der gar nichts mit dir zu tun hat, der ist einfach gottgegeben. Wenn man einen guten Moment hat, beflügelt einen das einfach. Wenn es gut klingt, sich gut anfühlt, dann potenziert es sich. Da hat man auch keinen Einfluss drauf. Beim E-Piano habe ich das Gefühl, das wird für mich nie passieren. Das wird nie ein Moment, der sich aufschaukelt, so dass ich über mich hinauswachsen kann.
Felt: »Candles In a Church«; Ballad of the Band (Creation, 1986)
Nils Frahm: Das klingt wie ein E-Piano. [nach einer Pause] Das habe ich noch nie gehört, garantiert nicht.
Klaus von Frieling: Das ist eine Band namens Felt.
Nils Frahm: Wirklich? [lacht] Ich habe nie recherchiert, ob es einen Album-Titel Felt schon gibt.
Klaus von Frieling: Die Band stammt aus den 80ern, machte viel Gitarrenmusik und begann dann, auch andere Instrumente wie Klavier und Orgel sehr reduziert einzusetzen.
Nils Frahm: Das hat etwas von Satie. Es gibt so ein paar Vorreiter-Bands für diese Art Musik. Auch die Rachel’s waren ja schon zu Beginn der 90er Jahre aktiv. Für mich war das aber nie der Zugang zu instrumenteller oder klassischer Musik. Ich bin nicht den Weg von der Pop-Musik aus gegangen, sondern von der ernsten Musik her. Wenn du mir das vorgespielt hättest, als ich 15 oder 16 Jahre alt war, hätte ich gesagt: »Was für ein Käse!« Ich hätte überhaupt nicht das Charmante oder das Magische darin gesehen, dass Nicht-Akademiker, Ungelernte, da einfach so rausschwimmen. Das hat fast etwas von Daniel Johnston, der denkt, er klinge wie die Beatles, es aber nicht tut. Das hier klingt auch nicht nach Satie, ist auch kein Meisterwerk. Das sind einfach simpelste Akkorde, total leicht zu durchschauen. Aber es ist genauso hässlich wie auch unsinnig, sich über solche Sachen abfällig zu äußern. Hier geht es mehr um den Charakter als um die Musik an sich - und das war für mich irgendwann auch eine Art Definition für Popmusik. Nur derjenige, der sie macht, kann sie so spielen. Ich habe viel Jazz gehört und wusste daher, dass Identität und Persönlichkeit in der Musik ganz wichtig sind. Ich hätte mich aber nie getraut, so etwas zu machen. Ich hätte immer gedacht: Das klingt nicht wie Arvo Pärt, das ist nicht so geschliffen, das ist nicht so sensibel, das ist nicht so geschickt, das ist einfach sehr plump. Da das Schöne zu sehen, diese Herzlichkeit oder Innerlichkeit, das fällt mir jetzt leicht. Aber trotzdem bin ich wohl in der Szene derjenige, der am wenigsten Brian Eno gehört hat. Das ist auch jemand, den ich erst später verstanden habe. Vorher fand ich seine Sound-Ästhetik schrecklich, diesen ganzen 80er Sound, seine simplizistischen Ideen. Ich hatte halt den ECM-Schrank voll. Ich hatte durch meinen Vater immer die wahnsinnigste Musik zu Hause. Pop musste ich mir erst erarbeiten. Peter [Broderick] hat mir dabei später geholfen. Die Verbindung von seinem Touch und seinen Kompositionen ist einfach so kohärent, dem kann man sich überhaupt nicht entziehen. Das ist wie in Stein gemeißelt, obwohl es so weich daherkommt. Das ist einfach unglaublich ökonomisch.
Rachel’s: »Tea Merchants«; The Sea And the Bells (Quarterstick, 1996)
Nils Frahm: Rachel’s - Music For Egon Schiele [1996] ist unglaublich gut. Ihre anderen Platten fände ich unglaublich gut, wenn es Music For Egon Schiele nicht gäbe. Dadurch, dass es Music For Egon Schiele gibt, sind die anderen Platten nur halb so wichtig für mich. Music For Egon Schiele klingt wie eine gute ECM-Platte, da ist der Weg nicht mehr weit. Es gibt da einen sehr eigenwilligen Sound, einen sehr eigenwilligen Touch, gerade von der Viola, und Rachel [Grimes] spielt so ein tolles Klavier auf dem Album.
Klaus von Frieling: Wann hast du Rachel’s zum ersten Mal gehört?
Nils Frahm: Ich habe die Platte vor ungefähr vier, fünf Jahren entdeckt. Und dann haben mich auch die anderen Platten interessiert. Als ich Rachel selbst kennen gelernt habe und mit ihr auf Tour gegangen bin, habe ich meine Hausaufgaben gemacht und mir das alles mal angehört. Für mich ist auch Klang ganz wichtig. Das ist ähnlich wie bei Philip Glass. Ich kann mich auch für Ideen begeistern, aber am Ende kann ich die Augen schließen und sagen: »Klingt nicht. Irgendetwas stimmt da nicht.« Ich mag am liebsten Musik, bei der ich nicht dauernd die Augen schließen muss und mich frage, was daran nicht stimmt. Es gibt so viel Musik, an der einfach alles stimmt. Und bei Rachel’s ist irgendetwas in der Balance, das nicht funktioniert. Ich glaube, dass sie das auch zermürbt hat: Wir haben hier Streichinstrumente, wir haben ein Klavier, wir haben ein Schlagzeug. Das Schlagzeug soll aber klingen wie ein Rock-Schlagzeug. Aber die Geige ist dann viel zu leise, und das Klavier ist auch zu leise. Dieser sehr ernste Kampf, zu versuchen, Postrock, Pop, Rock und Klassik zusammenzubringen, und zu merken, wie viel Energie das kostet - dieser Laufwiderstand, der stört mich. Da wäre so ein geiler Jazz-Trommler einfach besser gewesen, der das Ganze anfeuert. Andererseits wären es ohne dieses Schlagzeug halt auch nicht Rachel’s. Das ist eben das Dilemma. Aber ich kann sehr gut verstehen, warum das so eine Referenz-Band ist. Da wurde der Weg aufgezeichnet: »Wir kümmern uns nicht um den akademischen Bereich, wir machen das einfach.« Das war ein ganz wichtiges Signal. Aber leider ist es auch die tragischste Band-Geschichte, die ich jemals gehört habe.
I Might Be Wrong: »Woodpecker«; Circle the Yes (Sinnbus, 2009)
Nils Frahm: Klingt wie I Might Be Wrong. Freunde von mir. Die Sinnbus- und Berlin-Postrock-Ecke. Da habe ich mal sehr viel mehr Potenzial gesehen. Das waren meine ersten Musiker-Kontakte, als ich nach Berlin kam.
Klaus von Frieling: Warum hast du damals bei Siva. aufgehört?
Nils Frahm: [überlegt lange] Mir ging es in der Szene nicht herzlich genug zu. Das war einfach kein warmer Platz. Ich hatte nicht das Gefühl, das ich gesehen werde. Das lag allerdings auch an mir selbst, ich war ja auch niemand. Ich war der Nils aus Hamburg, mit einem kleinen Studio, und spielte Klavier und ein paar coole Keyboards. Ich war glücklich über die Kontakte, weil ich dachte, das seien tolle Bands, die tourten immerhin schon mal in Deutschland. Nach einiger Zeit merkte ich aber, dass es für sie keine Chance gab. Da gibt es Notwist, die sind über Deutschland hinaus bekannt. Ich bin außerdem Tortoise-Fan. Notwist finde ich super, die haben diese Tortoise-Elemente, dieses Jazzige und Verspielte. Die Berliner Bands waren aber nicht von Tortoise und Hardcore beeinflusst, sondern nur von Notwist. Das ist ein bisschen so wie zu viel Milch im Kaffee. Bei Siva. konnte ich mich nicht mehr einbringen, und ich habe schnell gemerkt, dass es auch nicht viel besser wird, wenn kluge deutsche Jugendliche versuchen, Pop zu machen. Es ist schon sehr gut, aber man merkt auch genau, woran es krankt: Sehr viel richtig machen, sehr viel Kopf, der Kosmos ist sehr beschränkt. Da habe ich mich dann irgendwann einfach zurückgezogen. Im Nachhinein war ich auch ein wenig enttäuscht vom Desinteresse an dem, was ich machte. Es gab nur einen Hamburger Freund, Arne Römer, der mich immer gepusht hat, schon als ich zur Schule ging. Der ist kein Musiker, aber ein Schöngeist, der z.B. auch Manfred Eicher bewundert und einfach die Idee toll findet, dabei zu sein und seinen Senf dazuzugeben. Das war immer sehr befruchtend. Das habe ich damals in Berlin nicht erlebt, bis ich über mehrere Ecken Monique Recknagel von Sonic Pieces kennen lernte, dann Peter [Broderick], und als die mitkriegten, dass ich Klavier spiele, kam ich in eine Szene rein, die fanden das super, was ich machte, und meinten, ich sollte unbedingt eine Platte machen. Ich habe das überhaupt nicht verstanden. Ich wusste ja, wo damals meine Schwächen waren: Ich war der gebrochene Pianist, der sich damit abgefunden hat, dass es Keith Jarrett schon gibt. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass es für meine Musik irgendwo Interesse gibt. Ich habe mich nicht mal getraut, das auch nur zu denken.
Klaus von Frieling: Das ist ja erst zwei Jahre her.
Nils Frahm: Ja, stimmt. Ich habe mich nie ernst genommen, und auch kein anderer hat mich ernst genommen. So böse es klingt, aber nicht einmal mein Vater hat mich ermutigt. Er kannte halt auch die ECM-Platten. Er wusste ganz genau, wo das herkommt, wo das hingehen kann und wie weit man gehen kann. Deswegen: Respekt vor der Innerlichkeit. Das Einzige, was ich geben kann, ist der Touch. Egal, ob es für Keith Jarrett nicht reicht oder für Lang Lang. Aber es gibt dieses Interesse von den Menschen da draußen, die auf andere Sachen hören und die einen anderen Zugang dazu haben, als ich ihn kenne. Und das hat mir sehr geholfen, meine Musik zu überdenken und meinen Ansatz am Klavier neu zu sehen. Dadurch konnte ich mir noch andere Sachen erlauben. Auch durch Peter, durch seine Platten, durch seinen Mut: »Mach doch einfach mal weniger. Mach mal einen Song mit drei Tönen.« Vor zwei Jahren war meine härteste Zeit, weil ich nicht wusste, ob ich von der Musik leben kann. Ich war bettelarm und immer an der Schwelle zum Untergang. Ich habe mich gefragt, ob ich nicht doch mal studieren sollte. Deshalb habe ich an Musik wie von I Might Be Wrong schöne und schlechte Erinnerungen.
Sack und Blumm: »Die fünfte Dengelophonie«; Zack Bumm (Tokuma, 2001)
Nils Frahm: Klingt wie irgendwas aus der Hausmusik-Ecke.
Klaus von Frieling: Mit einem davon hast du Musik gemacht.
Nils Frahm: F.S. Blumm? Ah, Sack und Blumm. Ich dachte noch: Das ist auf keinem F.S.-Blumm-Album, klingt aber voll danach. Der Mann ist ein Genie. Ich glaube, er ist eher als Philip Glass für meinen Minimal-Einfluss verantwortlich. Er hat es immer geschafft, das so geschmackvoll zu präsentieren. Dieser Sound, wie er aufnimmt, diese Quatsch-Instrumente, die er benutzt, da wird das Toy-Piano zum ernstzunehmenden Sound. Der gibt auch nicht an. Er weiß genau, was er kann, und das macht er mit Stilsicherheit und einem unglaublich guten Ton. Es wird nie peinlich. Der ästhetische rote Faden ist immer da.
Klaus von Frieling: Wie kam es zu eurer gemeinsamen Platte?
Nils Frahm: Ich habe mal zufällig mit ihm gefrühstückt. Einer vom Pingipung-Label rief mich an und sagte, er sei gerade in Berlin und frühstücke mit F.S. Blumm und ob ich nicht dazukommen wolle. Das war damals das Verrückteste, was ich mir vorstellen konnte: Gerade nach Berlin gezogen und mit F.S. Blumm frühstücken. Ich habe ihm dann meine Platte Streichelfisch dagelassen und er hat sich irgendwann mal gemeldet. Fand er super. Dann war lange Funkstille, und irgendwann haben wir zusammen im Antje Öklesund gespielt. Da war dann auch Monique im Publikum. Und dann war wieder lange Funkstille. Danach haben wir uns ganz behutsam angefreundet, weil ich ihm auch ein paar Jobs beschaffen konnte für Theatermusik, Film usw. Ich habe immer versucht, ihn zu pushen, da ich ganz gute Kontakte zur Filmszene, zu Werbeagenturen, zu Hörspielmachern hatte, die irgendwas brauchten. Und da habe ich Frank ab und zu ins Spiel gebracht. Irgendwann hat er dann gemerkt, dass ich dieses Studio hier habe, und im Vergleich zu seinen Möglichkeiten ist das ein Palast. Ich weiß nicht, wie er diese toll klingenden Platten macht, das Geheimnis wird er wohl mit ins Grab nehmen. Er fand es toll hier, und wir haben überlegt, ob wir mal etwas zusammen machen wollen. Er hatte dann die Idee, dass wir um die Outtakes eines Albums spielen, das er gerade veröffentlicht hatte. Wir haben dann zu einem langen File gejammt, er an der Gitarre, ich am Klavier. Das war ein unglaubliches Gehampel und Gestrampel, aber ich habe ihm einfach vertraut. Den Quatsch hat er dann mitgenommen, und nach einer Woche Rumschneiden hat er die Platte angeschleppt und ich habe sie gemastert. Frank ist so ein Kontrollfreak, wenn der kollaboriert, dann heißt das, dass er jemand anderen mitmachen lässt. Er ist nicht der Typ, den man einlädt, damit er einem die Gitarre einspielt. Die Zusammenarbeit war für mich der Ritterschlag. Die Bestätigung von ihm zu bekommen, hat mir gutgetan, das war eine ganz große Ehre für mich. Auch wenn es mein am wenigsten erfolgreiches Album ist. Aber ich bin sehr stolz drauf.
Hauschka: »Heimat«; Ferndorf (Fat Cat, 2008)
Klaus von Frieling: Das ist jetzt einfach.
Nils Frahm: Sag das nicht. [nach 5 Sekunden] Oh, ja. Mit dem Dr. Hauschka werde ich witzigerweise nicht so oft verglichen.
Klaus von Frieling: Würdest du das, was du auf Felt machst, schon als prepared Piano bezeichnen?
Nils Frahm: Nicht so richtig. Ich habe da gar kein Interesse dran. Das liegt auch daran, dass es sehr gute Arbeiten damit bereits gibt. Mich würde das in eine Sackgasse bringen. Ich habe das Gefühl, das würde sehr ermüdend. Ich würde aber auch nicht nur noch Alben wie Felt machen. Dann würden die Leute auch irgendwann sagen: »Ah, schon wieder ein rauschiges Klavierstück.« Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man seinen Sound hat und dass der immer durchkommt. Das ist bei Hauschka auch so, aber ich bin davon nicht so inspiriert. Ich finde seinen Touch sehr einzigartig und markant, aber es ist nichts, was mein Herz besonders berührt. Ich finde es fantastisch, sich das live anzuhören und ihn da ackern zu sehen. Aber ich habe bei den Sounds, die man aus einem Klavier herausholen kann, andere Vorlieben. Ich mag es, wenn Leute so einen flüssigen, weichen Sound haben. Für mich war Hauschka auch nie der Modern-Classical-Typ. Da wurde er irgendwie hineingezogen. Für mich ist er immer noch der Karaoke-Kalk-Elektronikfrickler. Als Prepared Piano [2005] herauskam, habe ich den Erfolg auch nicht verstanden. Ich mochte das zwar, aber zu der Zeit habe ich Drukqs [2001] von Aphex Twin gehört, und das prepared Piano fand ich gigantisch. Das ist so eine wichtige Platte. Die anderen akustischen Klaviersachen, die mich damals geprägt haben und nicht auf ECM erschienen sind, waren dann Swod, Alva Noto und Ryuichi Sakamoto.
Heather / Woods / Broderick: »Left«; From the Ground (Preservation, 2009)
Nils Frahm: Peter, Peter. Ach nein, Heather. Oder mehr oder weniger Peter und Heather. Aber ich glaube, das Klavier hat Heather gespielt. Bei Peter klingt immer alles ganz cloudy, ein bisschen weit weg und gedrückt, einfach immer nach Broderick, ich kann es nicht genau sagen. Am Anfang blickt man meist nicht, was er da eigentlich macht. Wenn man sich dann mehr damit beschäftigt, ist alles total folgerichtig. Wir haben in den letzten zwei Jahren an seinem Opus Magnum gearbeitet, das wahrscheinlich im Februar auf Bella Union erscheint. Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, hatte er gerade Heathers Platte gemixt - ich konnte gar nicht glauben, dass sie seine Schwester ist. Ein wunderschönes Album. Ich habe ihr schon gesagt, dass sie mal eine neue Platte machen soll, aber sie ist schüchtern. Sie ist gerade für drei Monate in New York und spielt dort mit Sharon van Etten. Sie hat lange bei Efterklang mitgespielt und ist einfach eine super Musikerin, spielt Cello, Klavier, Gitarre, Querflöte, singt. Sie schreibt jetzt neue Songs - und ich würde mir wünschen, dass die jemand richtig Gutes produziert, der so etwas einfangen kann wie bei einer Cat-Power-Platte.
Aktuelle CD:
Nils Frahm: Felt (Erased Tapes / Indigo)
Website: www.myspace.com/nilsfrahm
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