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Samstag, 4. Februar 2012

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Branford Marsalis - Metamorphosen E-Mail
Von Oskar ErnstBranford Marsalis - Metamorphosen
Bild: Jörg Becker

Fünfundzwanzig Jahre liegt das Miles-Davis-Album Decoy zurück, auf dem Branford Marsalis auch mitspielte. Kurz darauf tauchte der Saxofonist in Stings Dream of the Blue Turtles-Band auf, und die Jazzwelt unterschied den traditionellen Trompeter Wynton vom coolen Chartstürmer Branford. In den neunziger Jahren hatte der sogar noch eigene Hitparaden-Erfolge mit seiner Band Buckshot Le Fonque – und war für zwei Jahre eine Art amerikanischer Helmut Zerlett in Jay Lenos Tonight Show auf NBC.

Die beste Band

Inzwischen lebt Branford Marsalis auf dem Land in North Carolina und führt sein eigenes Label Marsalis Music, auf dem er junge Kollegen wie Miguel Zenon oder Doug Wamble produziert, aber auch eine Honors-Serie, in der bislang New-Orleans-Altmeister wie die Drummer Jimmy Cobb, Michael Carvin, Bob French und der Klarinettist Alvin Batiste Gelegenheit zu hervorragenden Einspielungen bekamen; als Sideman am Piano wird gerne Vater Ellis engagiert.

Footprints of Our Fathers hieß denn auch Branfords erstes Album auf dem eigenen Label, und die programmatische Setlist umfasste damals John Coltranes »A Love Supreme« und die »Freedom Suite« von Sonny Rollins und Max Roach – zwei Schlüsselwerke des Jazz, neu eingespielt vom Branford Marsalis Quartet. Wenn man Marsalis zum europäischen Jazz befragte, bestand er schon mal darauf, dass Jazz ohne schwarze Traditionen, also ohne Blues, ohne die Erinnerung an Sklaverei und Diskriminierung eben, kein echter Jazz sein könne.

Das fünfte Album des Branford Marsalis Quartet heißt Metamorphosen. Sollen hier einmal die Verwandlungen des Bandleaders durchdekliniert werden? Der tritt inzwischen immerhin auch als Solist mit Kammerorchestern im klassischen Musikbetrieb auf. Der Labelchef Marsalis stellt eher die positive Entwicklung seines Quartetts in den Mittelpunkt, das in der Besetzung Jeff »Tain« Watts (dr), Bassist Eric Revis und Pianist Joey Calderazzo auch schon zehn Jahre zusammenspielt. »Du kannst die Veränderungen in unseren Aufnahmen hören«, meint der Bandleader. »Leg mal die erste Aufnahme auf, die wir gemacht haben, als Joey in die Band kam. Und dann die aktuelle. Die sind total unterschiedlich. Wir sind heute bessere Musiker und wir sind auch besser als Spieler. Das sind ja durchaus zwei unterschiedliche Sachen. Man hört oft großartige Instrumentalisten, die aber nicht so gute Musiker sind. Wir lernen im Quartett so langsam, gute Musiker zu sein – zusätzlich dazu, dass wir unsere Instrumente besser spielen.«

Und tatsächlich: Eine Ballade im freien Rubato wie »The Blossom of Parting« aus der Feder von Joey Calderazzo, verlangt schon etwas mehr als eingeübtes Zusammenspiel. Folgen wirklich Harmonien und Rhythmus der Melodie? Eher scheinen alle gemeinsam zu atmen. »Versuch mal, so was auf einer Jamsession zu spielen: Das geht nicht mit Fremden. Wir haben ein gemeinsames Verständnis, das vom langen Zusammenspiel kommt.« Vielleicht deshalb hatte das Branford Marsalis Quartet im vergangenen Mai beim DOWNBEAT verkündet: »Wir sind besser als jede andere Band.«

Spieler und Technik

Dabei hatte Joey Calderazzo vor zehn Jahren als Nachfolger von Kenny Kirkland keinen glücklichen Start. Kirkland hatte immerhin seit 1983 bis zu seinem plötzlichen Drogentod 1998 mit Marsalis und Watts gespielt. »Die ersten Wochen waren hart«, erinnert sich Calderazzo. »Ich fühlte mich wie Chick Corea, als der damals Herbie Hancock in Miles’ Band ablöste.« Bassist Eric Revis hatte 1996 zunächst in Marsalis’ Buckshot-Le-Fonque-Band gespielt und war dann ins Quartett nachgerückt: »Ich kannte die alten Platten und dachte: Das ist der Sound. Jeff und Kenny ermutigten mich, nicht zu versuchen, das nachzuahmen, sondern ich selbst zu sein. Ich hatte eine Menge ›Avantgarde‹-Musik kennen gelernt, und als ich das erste Mal diese Peter-Kowald- und William-Parker-Sachen spielte, war Branford völlig fassungslos«, erzählt der Bassist.

Es ist also nicht zu hoch gegriffen, wenn Marsalis von »Metamorphosen« spricht. »Das deutsche Wort bedeutet so viel mehr als das englische ›Metamorphosis‹«, erläutert er den Titel. »Da geht’s um Wissenschaft: Schmetterlinge, Kokons und so. Aber im Deutschen denkt man auch an geistige Transformationen, Goethe hat darüber geschrieben, Nietzsche, Richard Strauss …« Die Assoziation zu deutschen Klassikern des Denkens weckt der Titel also mit voller Absicht. Oder versteckt Marsalis hier einen Hinweis auf seine »klassische Seite«? Schließlich trat er am Tag vor dem Interview gerade als Solist mit dem Royal Scottish National Orchestra auf. »Jeder in der Band hat da Erfahrungen«, rückt Marsalis die Sache gerade. »Jeff zum Beispiel studierte in seinen ersten zwei Jahren Orchester-Percussion. Joey lernte klassische Stücke, heute hört er viel mehr davon. Und Eric hat Unterricht bei einem Bassisten von der San Antonio Symphony. Viele Stücke auf dem Album haben einen ›klassischen‹ Sound.«

»Klassische Musik macht einen besseren Saxofonisten aus mir«, fährt Marsalis fort. »Mein Bruder Wynton sagt immer: Es gibt einen Unterschied zwischen der persönlichen Technik und der tatsächlichen Technik. Es stimmt, ich habe das selbst gesehen: Hoch virtuose Jazzklarinettisten - und dann gibst du ihnen eine Etüde und sie können die nicht spielen. Klassische Musik verlangt tatsächliche Technik. Das ist, wie eine zweite Sprache zu lernen. Wenn ich klassisch spiele, dann ziehe ich keine Töne, da gibt es keinen ›growl‹. Die Leute, die die Stücke schreiben, kennen mich nicht persönlich. Also ist es ihnen egal, was ich spielen kann. Die schreiben ihr Stück. Und ich muss mir dann eben die Technik draufschaffen, um das zu spielen. Als ich vor acht Jahren klassisch zu spielen begann, habe ich in den tiefen Lagen immer Subtones gespielt, weil ich’s nicht besser wusste. Und jeder sagte: Das klingt ja fürchterlich! Also habe ich gelernt, die tiefe Lage ohne Subtones zu spielen. Das war gut für mich. Denn heute kann ich mich entscheiden, wie ich eine tiefe Note spiele - mit normalem Sound oder als Subtone.«

Musik in den Knochen

Der klassische Ton auf Metamorphosen geht auf den ersten Blick von den drei Balladen des Albums aus. Das Sopransaxofon bei »The Blossom of Parting« verbindet die Melancholie des Klezmer mit dem Glanz eines Kammermusiksaals. Etwas modern-sachlicher kommt die abstrakt gespreizte Melodie von »Abe Vigoda« auf demselben Instrument herüber und wird von einem kontrapunktischen Klavier im Verbund mit Bass und Schlagzeug aufgefangen. Dann ist da noch »The Last Goodbye«, diesmal von Joey Calderazzo als wehmütig klagendem Jazzpianist hingetupft. Schließlich greift Marsalis für das abschließende »Samo« nochmals zum Sopran, allerdings ist das luftige Midtempo-Stück von Jeff »Tain« Watts auch klanglich klar im Jazz aufgehängt. Die unteren Oktaven des Sopransaxofons spielt Marsalis mit dem identischen Timbre, das in »Jabberwocky« die gleiche Tonlage prägt, nur dass er dort das Altsaxofon nutzt und eigentlich den Klang des Tenorinstruments anstrebte. Doch das Stück entstand im Urlaub, im Gepäck hatte er das handlichere Alt, und später stellte sich heraus, dass die Tristano-ähnlich perlenden Sechzehntelketten auf dem größeren Instrument nur umständlich zu spielen waren.

Erst bei »Rhythm-A-Ning« erkennt man Marsalis zweifelsfrei als Tenorsaxofonisten wieder. Thelonious Monks’ Reflexionen über Rhythmus hat das Quartett in verschiedene Zeitschienen zerlegt. Auch Derartiges hat man schon gehört, besonders wenn der Schlagzeuger Watts hieß. Der elastische Swing des Standards trägt auch die Monk-Hommage »Sphere«, die Eric Revis beisteuerte. »Niemand würde behaupten, das ist ein Monk-Stück, und doch ist es ganz klar von ihm beeinflusst«, freut sich Marsalis. »Ich steh darauf, wenn Einflüsse sichtbar werden. Ich glaube nicht an diesen Individualitäts-Mythos! Als ob Charlie Parker, John Coltrane und Sonny Rollins eines Tages aus dem Schoß ihrer Mütter gekrochen seien und die Musik einfach in den Knochen hatten. Und sie nahmen ein Horn in die Hand und all die tollen Sachen kamen da raus … Das ist so falsch.«

Ego vs. Tradition

Branford Marsalis erklärt ganz konkret, was er sich unter Tradition vorstellt: Dass nämlich junge Musiker ihre Vorgänger studieren sollen und nicht dem Trugschluss verfallen, sie könnten das Rad immer wieder neu erfinden: »Sonny Rollins hat einmal eine Platte mit Coleman Hawkins gemacht, die heißt Sonny Meets Hawk. Meine persönliche Theorie zu dieser Platte ist folgende: Wegen dieses ganzen Individualitäts-Mythos, der schon damals im Jazz umging, war Sonny völlig verängstigt - weil er so stark nach Hawkins klang. Also entschloss er sich, auf der Platte kein Coleman-Hawkins-Zeug zu spielen, damit niemand sagt: Oh, er klingt wie Coleman Hawkins! Wenn du diese Platte hörst, spielt er da die verrücktesten Sachen der Welt – und neben ihm steht sein persönlicher Held! Der wird sich gedacht haben: Was spielt der denn? Was macht der nur? Es ist unglaublich, sie spielen ›Da-da da-dab-da-da‹, und Sonny dazu: ›Büüh, Börp, Bido-do-dooop!‹ Es ist schockierend, wenn du das zum ersten Mal hörst. Du kannst ihn fast denken hören: Ich will nicht wie Coleman Hawkins spielen! Aber wenn du die Musik von Coleman Hawkins wirklich kennst, hörst du ihn immer und überall in Sonnys Musik. Doch die Angst, nicht individuell genannt zu werden, ist so groß ...«

Marsalis selbst hat diese Angst erfolgreich abgeschüttelt. Es ist sicher nicht falsch, in seinem Spiel beispielsweise Spuren von Sonny Rollins’ kompromissloser Kantigkeit zu entdecken, an anderer Stelle Wayne Shorters kultivierte Tongebung herauszuhören. Das sind keine schlechten Referenzen, auch wenn Marsalis längst selbst zu den profilierten Stimmen des Jazz gehört. Natürlich gilt das zuerst für den Saxofonisten Marsalis mit seinem ebenso voluminösen wie klar konturierten Sound. Mindestens genauso prägnant bringt sich aber auch der Bandleader und Produzent Marsalis auf Metamorphosen in Erinnerung. Plattenaufnahmen seien Dokumentationen, gibt Branford Marsalis einen Merksatz seines Vaters Ellis wieder. In ihnen sei festgehalten, »... wie gut man ist - oder wie gut man nicht ist.«

Unversehens gerät hier wieder die naturwissenschaftliche Lesart des Albentitels Metamorphosen in den Blick. Hier präsentiert sich das Branford Marsalis Quartet auf höchstem Niveau, farbenfroh und makellos - aber auch für die Ewigkeit archiviert wie ein Schmetterling im Schaukasten eines Sammlers. Zum Glück kommt Branford Marsalis demnächst auf Europa-Tournee, um das Bild mit Leben zu füllen. Zuerst mit dem eigenen Quartett und im Sommer dann als Sideman im Jeff »Tain« Watts Quartet.


Aktuelle CD:
Branford Marsalis Quartet: Metamorphosen (Marsalis Music / Universal)

Websites:
www.branfordmarsalis.com
www.marsalismusic.com

Live:
15.05.2009 Berlin, UdK
17.05.2009 Hamburg, Laeiszhalle (Musikhalle)
18.05.2009 Frankfurt, Mousonturm
19.05.2009 München, Circus Krone