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Samstag, 4. Februar 2012

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Christian Prommer - Trommeln gehört zum Handwerk E-Mail
Von Franz X.A. ZippererChristian Prommer

Hat er bisher vor allem elektronisch-digitale Spuren hinterlassen, so widmet sich sein Projekt Christian Prommer’s Drumlesson Vol. 1 dem akustischen, dem physischen Schlagzeug. Darüber ließ sich reden.

Aller Anfang ist Schlagzeug

Knapp vor der Pubertät, als Elfjähriger, fing Christian Prommer an, ganz konventionell das Schlagzeugspiel zu lernen. Davor hatte er der Musik gelauscht, die aus dem Zimmer seiner großen Schwester dudelte. Das war zu Beginn der 80er Jahre. Der Rhythmus faszinierte ihn. Er begann mal hier zu klopfen und mal dort, baute sich etwas zum Trommeln aus Töpfen, Kartons und Waschmittelbehältern. »Ich habe mich von Anfang an in das Instrument verliebt«, erinnert er sich.

Doch fast hätte das Schlagzeug seine Liebe nicht erwidern dürfen. »Meine erste Lehrerin hat mir nämlich Nichtmusikalität bescheinigt und gesagt, ich soll das mit dem Schlagzeug lieber lassen«, erzählt Christian Prommer, als wäre es erst gestern gewesen, so präsent ist ihm dieses Erlebnis geblieben. Doch dann stieß er auf einen fantastischen Musiker, der eigentlich Pianist war, aber das Getrommel genauso draufhatte. »Der hat mir das Hören beigebracht, hatte eine völlig andere Art, das zu vermitteln, hat mir dies vorgespielt, dann jenes und anschließend gefragt, was wir da hören. Das musste ich dann beschreiben. Und er hat mir beigebracht, es geht um Groove. Nicht um das Schlagzeug, nicht um das Klavier und auch nicht um den Bass; alle zusammen sollen einen Groove erzeugen, quasi eine Welle, auf der der Solist dann reitet.«

Dieser Musiker hat das Fundament für Prommer gelegt, auf das er sein immer ernsthafter werdendes Spiel stellen konnte. Er ging in Konzerte - »Yellow Jackets, Wheather Report oder Billy Cobham, das waren die Titanen, die mich interessiert haben.« Der Unterricht wurde professioneller. Prommer lernte bei Dennis Chambers, Joe Morello und beim Drummer Collective in New York und hat anschließend als Schlagzeuger richtig zu arbeiten begonnen. Seine Arbeit war von ungewöhnlicher Offenheit geprägt, Offenheit für alles, von Abba bis zum Free Jazz. »Was mich aber bei Arbeit in den 90er Jahren immer und immer wieder gestört hat, waren die Konformität und die Gesetzmäßigkeiten - Jazz hatte so zu klingen, Funk so und HipHop so. Es war alles fein säuberlich verteilt und aufgeteilt«, erinnert sich Prommer, »und das war nicht wirklich meine Welt.«

Die technologische Parallelwelt

Von Anfang an hatte sich bei Prommer eine ausgeprägte Technologiebegeisterung entwickelt. Zuerst spielte er mit einem Kassettenrecorder herum, dann gab es den ersten Commodore-Computer mit Soundkarte als Ticket in eine klangliche Parallelwelt. Der erste Sampler kam dazu, Piepsen und Noises wurden kreiert: »Das war für mich nicht Musik, das waren Geräusche. Ich merkte aber, da gibt’s irgendwas, das kann man irgendwie mit Musik zusammenbringen.« Immer bemüht, auch das Klangspektrum des akustischen Schlagzeugs zu erweitern, begann Prommer zu triggern, integrierte Drum-Maschinen und elektrische Drumpads und kombinierte, was immer sich kombinieren ließ.

Das Jagen und Sammeln hat Christian Prommer bereits in seiner Jugend betrieben. »Ich habe damals schon mein Taschengeld nicht ins Schlagzeug investiert, sondern in CDs. Ich bin jeden Dienstag zu WOM gelaufen, weil sie an dem Tag die neuen Cut-Out-Platten [LPs mit ein- oder angeschnittenen Hüllen] für 9,90 Mark rausstellten - und da habe ich immer zugeschlagen«, erzählt er mit leuchtenden Augen.

Die Unzufriedenheit mit dem Schlagzeug in einer begrenzten Musikwelt, das Suchen nach Erfüllung der eigenen musikalischen Sehnsucht führte Prommer schließlich in die DJ-Welt eines Michael Reinboth oder Peter Kruder und schließlich zur Geburt von Fauna Flash: »Da habe ich dann das Schlagzeug sein lassen, um das Ganze virtuell zu kreieren«, so Prommer. Als virtueller Drummer war der Sampler der große Freund, mit dem es auf Klangexpedition ging. »Wenn du sampelst«, erläutert Prommer seinen Ansatz, »suchst du nicht das Perfekte, du suchst praktisch den Fehler, das nicht Gewollte. Ich will immer etwas Ungewöhnliches, und am interessantesten ist der kreative Moment der Überraschung, das nicht Berechenbare.«

Beats für den Augenblick vs. Musik mit der Aura des Beständigen

Bei Drumlesson Vol. 1, seinem aktuellen Projekt, beschäftigt sich Christian Prommer mit Clubklassikern, arrangiert sie in einem Jazz-Kontext neu und setzt sie mit Live-Instrumentierung um. Nicht einfach banale Neuarrangements allerdings, die zu nicht anderem als Coverversionen geführt hätten, aber doch zurück zum akustischen Drumset – schließt sich damit der Kreis? Prommer verneint: »Na ja, ganz geschlossen ist er noch nicht. Er wird, glaube ich, auch nicht geschlossen. Es ist eher so wie mit den zwei parallelen Geraden, die sich ganz sicher irgendwann schneiden. Aber wenn sie das tun, haben sie das Unendliche erreicht. In dieser Welt bleibt also immer die Lücke. Und das ist die Lücke der Kreativität.« So ist Drumlesson Vol. 1 eher ein Resümee, die (vorläufige) Standortbestimmung eines Künstlers. »Resümee insofern, als es sich dabei um zehn Stücke handelt, die mir auch etwas gegeben haben in meiner Musikkarriere«, erklärt Prommer die Auswahl, »die auch funktionieren müssen, wenn man das Original nicht kennt!« Christian Prommer hat (zumindest als Künstler) ein Alter erreicht, in dem er identifizierbar sein will, nicht durch bloße Zuschreibung einer Identität von außen, sondern durch sein eigenes Tun, eine eindeutige Selbstdefinition.

Energie aus dem akustischen Skizzenbuch

Es funktioniert, wie oft bei Christian Prommer, der die fantastisch anmutende Fähigkeit zu besitzen scheint, den Klängen Energie einzuhauchen. Diesmal nicht durch Mix und/oder Remix, sondern durch die Auswahl der Musiker und die unorthodoxe Herangehensweise im Studio. Mit Roberto di Gioia am Piano, Wolfgang Haffner ebenfalls am Schlagzeug, Ernst Ströer an Perkussionsinstrumenten und Dieter Ilg am Bass hat Prommer eine Art Supergroup zusammengetrommelt. Statt aber die Stücke in Jam-Sessions zu verarbeiten, gab Prommer einen Rahmen vor, der seinen konkreten Klangvorstellungen entspricht. »Bei dieser Art des Arbeitens passiert etwas, das ein virtuelles Sample nicht leisten kann, nämlich, dass trotz der von mir vorgegebenen Limitierung ein langer Bogen mit einer Vielfalt von kleinen Details von den Musikern angeboten wird. Da jazzt man sich in unglaubliche Regionen hoch. Das kannst du einfach nicht programmieren«, ist sich Christian Prommer sicher. »Ich nerve jeden Toningenieur, weil alles aufgenommen werden muss, jede Unterhaltung, jeder Versuch, etwas umzusetzen, alles. So entsteht ein riesiges Archiv an akustischen Skizzen, und beim Endmix kann aus dem Vollen geschöpft werden. Aus einem Fundus an Überraschendem und Kreativem.«

Ein abschließendes Wort von Prommer zur bereits angekündigten Vol. 2: »Wenn Vol. 1 ein Resümee ist, dann wird Vol. 2 ein Ausblick.«


Aktuelle CD:
Christian Prommer: Drumlesson Vol. 1 (Sonar Kollektiv / Rough Trade)
 

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