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Esperanza Spalding - Komponieren ist wie Malen |
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Von Rolf Thomas
Bild: Jörg Becker
Auf Chamber Music Society dagegen singt Esperanza Spalding durchweg. Sie selbst geht der Diskussion, ob sie sich nun als Sängerin oder Bassistin versteht, charmant aus dem Weg. »Letzten Endes bin ich immer noch eine Komponistin«, sagt sie grinsend. »Komponieren ist eindeutig das, was ich schon am längsten tue.«
Streicher
In der Instrumentierung und im Titel nimmt Chamber Music Society Bezug auf die Jugend von Esperanza Spalding - in ihrer Heimatstadt Portland wurde sie bereits mit 15 Jahren Konzertmeisterin des Kammermusikvereins, der Chamber Music Society of Oregon. So arbeitet sie auf ihrem neuen Album nicht nur wie üblich mit ihrem Pianisten Leo Genovese und der Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington zusammen, sondern auch mit einem Streichquartett, das von Gil Goldstein arrangiert wurde. »Ich hatte einfach eine Menge Musik in meiner Schublade, die zu keinem meiner bisherigen Projekte passen wollte«, weiß die sprudelnd erzählende Bassistin über die Entstehung des Albums zu berichten. »Ich schreibe sehr gerne für Streicher. Das ist mir einfach sehr nahe. Und ich liebe natürlich den Sound. Gil Goldstein kannte dann zum Glück auch die Streicher, die meine Musik spielen konnten und wollten.«
Kammermusik in der seriösen Bedeutung des Wortes ist es aber nicht, was Spalding auf Chamber Music Society zu bieten hat. Vielmehr verflicht sie den fragilen Klang der Streicher mit harmonisch abenteuerlichen Balladen, mit Fusion-Elementen, mit Brazil-Anklängen und Latin-Einflüssen. Das klingt manchmal lieblich, manchmal schroff, aber immer frisch und aufregend. Mit Terri Lyne Carrington hat Esperanza Spalding die richtige Schlagzeugerin für diese zerbrechliche Musik gefunden: »Ich kenne sie schon seit einigen Jahren. Zum ersten Mal habe ich mit ihrer Band in Japan gespielt. Sie hat sehr schnell verstanden, inwieweit Perkussion in meine Musik hineinpasst, ohne die Streicher zu erdrücken. In dieser Hinsicht war sie die natürliche Wahl.«
Songs
Die elf Stücke auszuwählen, aus denen das Album besteht, war ein Geduldsspiel – etwas, das der ungestüm voranschreitenden Amerikanerin nicht gerade gelegen kam. »Es fällt mir wirklich schwer, die Songs auszuwählen, für die ich mich entscheiden soll«, stöhnt sie. »Komponieren ist wie Malen: Man sucht nach Kontrast, nach Energie, nach Dingen, die zusammenpassen. Da waren Lieder entstanden, die ich einfach nicht loslassen konnte, und andere, die schließlich zu viel Streicher enthielten. Es war wirklich ein schmerzhafter Auswahlprozess.«
Neben poppigen Songs wie »Winter Sun« sind Esperanza Spalding kleine Wunderwerke voller Widerhaken wie »Little Fly«, »Short And Sweet« oder »Really Very Small« gelungen, die schon vom Titel her angenehm unprätentiös und spontan wirken: »Bei mir kommt der Titel meistens zuerst. Dann habe ich ein dazu passendes Fragment, eine Phrase oder ein Motiv im Kopf - und daraus entwickelt sich dann der Song. Lyrics are fucking difficult!«, platzt es aus ihr heraus, doch Texte mussten sein, schließlich wollte sie singen. Und das nicht immer allein: Auf dem Antonio-Carlos-Jobim-Klassiker »Inutil Paisagem« mit Gretchen Parlato, auf »Apple Blossom« sogar mit Brazil-Legende Milton Nascimento. Zu Beginn des Songs singt er so tief wie selten zuvor, so dass man ihn zunächst gar nicht erkennt - Esperanza Spalding scheint ihn zu einer ungewöhnlichen Leistung inspiriert zu haben.
»Seine Musik gehört definitiv zu meinen genetischen Bestandteilen«, schwärmt sie. »Ich war total berührt davon, dass dieser Mann auf meinem Album zu hören ist. Und ich weiß wirklich nicht, wie er von mir gehört hat. Ich habe ihm eines Tages eine E-Mail als Fan geschrieben - und er schrieb mir zurück, dass er meine Musik kenne. Das hat mich natürlich total begeistert. In Sao Paulo habe ich ihn schließlich zum ersten Mal getroffen und er hat mich gleich auf eine Party mitgenommen, zu der er eingeladen war. Das ist doch wirklich toll, würde doch nicht jeder machen, oder?!«
Ein Song, der herausragt, ist die Coverversion von »Wild Is the Wind«, jenem Klassiker, den Dimitri Tiomkin und Ned Washington einst für den gleichnamigen Spielfilm geschrieben haben. Ursprünglich von Johnny Mathis gesungen, hat ihn später Nina Simone interpretiert, von deren Fassung sich wiederum David Bowie zu einer eigenen anregen ließ. »Es geht um eine Frau, die eigentlich ihrem Mann helfen will und sich dann in ihren Bruder verliebt ... Seltsam ...«, sinniert Spalding. »Die Originalversion ist ganz anders als die von Nina Simone. Ihre Version hat mich wirklich umgehauen. Bettelnd, kraftvoll, intensiv - alles zugleich. ›Du kommst zu mir‹, befiehlt sie fast. Das ist zerbrechlich und bestimmt zur gleichen Zeit. Ich musste es einfach singen.«
Berühmtes Abendessen
Ihre Karriere als Musikerin hat Esperanza Spalding mit der Geige begonnen, mit der sie auch dem bewussten Kammermusikverein beitritt. Erst dort erlernt sie den Kontrabass und lässt sich auch von anderer als von klassischer Musik begeistern. Sie spielt Blues, Funk, HipHop und eine Menge anderer Stile in den lokalen Clubs. Gleichzeitig profiliert sie sich als Songwriterin. Dann studiert sie in Portland und Boston und wird im Alter von zwanzig Jahren jüngste Professorin aller Zeiten in Berklee. Ihre Zeit an der Ostküste macht sie mit einer ganz neuen Szene vertraut. Sie arbeitet mit Michel Camilo, Dave Samuels, Stanley Clarke, Pat Metheny, Patti Austin und Joe Lovano. »Die Arbeit mit Joe war wirklich beängstigend«, sagt sie ehrfürchtig, »aber er ist ein großzügiger Mensch. Ich weiß nicht, ob ich damals wirklich schon so weit war, aber er vertraute mir einfach. Es war eine aufregende Lernerfahrung für mich.«
Nach ihrem zweiten Album erlebt Esperanza Spalding den internationalen Durchbruch und wird von Barack Obama nicht nur zweimal ins Weiße Haus eingeladen, sondern auch dazu, die Nobelpreis-Zeremonie in Oslo musikalisch zu begleiten. »Das war eine unglaubliche Ehre«, sagt sie, ehrlich verblüfft. »Eigentlich kann ich es immer noch nicht fassen. Ein afroamerikanischer Präsident bekommt den Friedensnobelpreis. Und die ganze Welt guckt zu, denn es wird ja weltweit im Fernsehen übertragen. Ich habe auch etwas von dem berühmten Abendessen abbekommen«, lacht sie. »Das Publikum bestand aus einer Mischung von Leuten, wie man sie sonst nie erlebt. Die Menschen waren einfach nur aufgeregt, dass sie dabei sein durften.«
Aktuelles Album:
Esperanza Spalding: Chamber Music Society (Heads Up / In-Akustik)
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