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Samstag, 4. Februar 2012

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Frederik Köster Quartett - Zeichen der Zeit E-Mail
Von Tobias RichtsteigFrederik Köster Quartett - Zeichen der Zeit

Zeichen der Zeit hat der Trompeter das zweite Album seines Quartetts genannt, was nach einer klaren Ansage zum Stand der Dinge klingt; ein Album, in dem sich Alternative Rock, Funk, Drum’n’Bass und andere Hörerfahrungen im Jazz-Vokabular von Trompete, Gitarre, Bass und Schlagzeug vollkommen zügellos zu befruchten scheinen. Eine reinrassige Promenadenmischung.

Zeit und Zeichen

So lösen sich auch mögliche Missverständnisse um den CD-Titel auf, der nämlich gar keine selbstverliebte Programm-Ansage nach dem Motto »Hoppla, jetzt komm ich!« ist. Im Gegenteil, geht es eher darum, respektvoll auf die eigenen Wurzeln zu verweisen: »Ich war schon immer von dem Begriff Zeit fasziniert. Das kam schon bei der ersten Platte raus, die hieß Constantly Moving, da ging es um meine Entwicklung, weil die Stücke im Rahmen von vier Jahren entstanden sind. Heute geht es eher um die Band und ihre Einflüsse, die Zeichen der heutigen Zeit und vergangener Zeiten sind da alle mit drin.«

Dieser offensive Bezug auf die Einflüsse, die aus vergangenen Zeiten überkommenen Traditionen, könnte auch einer wertkonservativen Programmatik entsprechen. Wenn nicht Frederik Köster und sein Quartett - Tobias Hoffmann (g), Robert Landfermann (b) und Schlagzeuger Ralf Gessler - ohnehin zu jener Generation von Musikern gehörten, deren musikalische Biografien aus dem Vollen der medial verfügbaren Musik schöpfen konnten. Die Beatles hatten sich schon lange vor Kösters Geburt getrennt, Blood Sweat & Tears veröffentlichten ihre letzten Schallplatten und Claude Debussy war auch schon sechzig Jahre tot. Kein Grund, sich nicht von deren Musik – und vielem mehr – beeinflussen zu lassen. Von Nirvana oder Pink Floyd zum Beispiel, John Coltrane oder Drum’n’Bass. »Das ist einfach ein Ergebnis aus der Summe unserer Hörerfahrungen«, erklärt sich Köster in seinem Quartett resultierende Musik, »eine Riesensumme aus unserer Entwicklung der letzten 20 Jahre, die wir erlebt haben als Musiker.«

Nina Hagen und Kenny Wheeler

Frederik Köster sammelte die ersten Musik-Erfahrungen als Trompeter im Jugendblasorchester seines Vaters im Sauerland, später in der Bigband seiner Schule, als Teenager auch an Gitarre und Klavier, durchaus mit klassischem Unterricht. Die Trompete blieb dennoch immer interessant, und obwohl die Miles-Davis-Platten aus der Stadtbücherei zunächst wenig überzeugend schienen, studierte Köster schließlich Jazz-Trompete, Komposition und Arrangement in Köln. Als Pragmatiker spielte er in den Bigbands der Szene und kleinen Jazzformationen, vom Emil Mangelsdorffs Quartett über Subtone bis zu den Drei vom Rhein oder der Franck Band. Auch bei ausgewiesenen Pop-Acts wie Nina Hagen, Curse oder den Sportfreunden Stiller stand der Trompeter auf der Besetzungsliste. Als er vor gut zwei Jahren ein Debüt-Album mit Quartett unter eigenem Namen vorlegte, war das schon eine Art Zwischenbilanz auf seinem höchst persönlichen Weg: »Ich hab irgendwie gemerkt, ich spiele zwar auch gerne so Standards - aber irgendwie habe ich schon immer auf gerade Achtel gestanden und auf Grooves und so. Wir haben ja erst mal als Funkband angefangen, das war mir aber irgendwann zu platt, ich wollte mehr Tiefe in der Musik haben. Dann hab ich angefangen, mehr Kenny Wheeler zu hören und viel 60er-Jahre-Jazz. Das ist alles so mit eingeflossen. Und dann ist mir auch aufgefallen, dass die Musik, die ich als Teenager gehört habe, sehr wichtig war.«

Im Kollektiv

Einen so universalen Anspruch an die eigene Musik kann sich Frederik Köster leisten, weil er sich als Trompeter von seinem Instrument keine Grenzen setzen lässt. Im Booklet der CD schreibt Randy Brecker begeisterte Grüße. Köster lernte den Amerikaner 2006 auf Tournee mit der WDR Bigband kennen, 2007 konnten die beiden Trompeter ihre Freundschaft auf der JazzBaltica vertiefen. Der konzentrierte Ton aus Kösters Trompete, der wie ein Laserstrahl weit zu tragen scheint, dabei ohne dünne oder scharfe Kanten auskommt, die posaunenartigen Growls, die balkanische Quirligkeit oder die vierteltönigen Passagen dürften Brecker imponiert haben. Denn das Spiel mit elektronischen Effekten überlässt Köster den Saiteninstrumentalisten im Quartett: »Immer, wenn Leute wie Miles oder Freddie Hubbard in Interviews von den 70er Jahren berichten, als sie alle mit Effekten gearbeitet haben, dann erzählen sie auch, wie sie irgendwann damit aufgehört haben und wieder zum reinen Trompetenton zurückgekehrt sind. Es gibt so viele akustische Effekte zu entdecken - da ist noch längst nicht Ende der Fahnenstange, das reicht mir.«

Das Zusammenspiel im Quartett ist Köster offenbar genauso zur zweiten Natur geworden wie der Umgang mit der Trompete. (In einem Internetforum heißt es: »Den Typen gibt es quasi nicht ohne seine Trompete, ich glaube, er nimmt sie sogar mit ins Bett«). Seit über fünf Jahren ist das Quartett jetzt als feste Einheit zusammen - »ohne Subs [= Auswechselspieler]«,betont, Köster: »Und es macht besonders viel Spaß, wenn man weiß, was man von den Leuten erwarten kann – aber trotzdem auch viele Stücke jeden Abend anders klingen.« Und die neuen Stücke, plaudert er weiter, rückten das kollektive Improvisieren noch weiter in den Vordergrund. Doch zunächst steht die Tournee an, mit der Zeichen der Zeit vorgestellt werden soll. Den ersten Publikumstest hat das Programm schon bestanden, als das Frederik Köster Quartett in Mannheim den Neuen Deutschen Jazzpreis erhielt.

Man kann der Band bescheinigen, ein treffendes Beispiel für wirklich Zeit-genössischen Jazz zu sein. Eine Musik, in der sich die Gitarren-Energie des alternativen Rock mit der harmonischen Finesse des Impressionismus und spacigen Elektrobeats verbindet und dabei weder unterkomplexe Genre-Kollagen herumkumpelt noch das Herz in Richtung Elfenbeinturm verlässt. »Wir spielen improvisierte Musik, die halt manchmal eher so den Rock-Approach hat, aber da gibt’s ja auch noch viel anderes auf der Platte zu hören«, fasst Köster es zusammen. »Wir sprechen schon ein Jazzpublikum an, wir werden nicht demnächst bei Rock am Ring spielen oder so. Ich wünsche mir einfach ein Publikum, das der Musik, die es da grade hört, eine Chance gibt.«

Aktuelle CD:
Frederik Köster Quartett: Zeichen der Zeit (Traumton / Indigo)


Tourdaten:
03.04.2009 Berlin, A-Trane (DLF-Mitschnitt)
19.04.2009 Hilden, QQTEC
24.04.2009 Nürnberg, Jazzstudio
20.05.2009 Stuttgart, Bix
21.05.2009 München, Unterfahrt
29.10.2009 Osnabrück, Blue Note
30.10.2009 Düsseldorf, Jazzschmiede
27.11.2009 Overath, Kulturbahnhof