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Frøy Aagre - Der eigene Klang |
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Von Tobias Richtsteig
Bild: Jörg Große-Geldermann
Finde ich immer noch. Nach diesem Solo wollte ich Saxofon spielen. Am gleichen Abend hatte mein Bruder ein Konzert mit seiner Band. Ich ging hin und konnte mir von dem Saxofonisten das Alto ausleihen – übers Wochenende.« Ein Zurück zur Klarinette schien Frøy (sprich: Freu [!]) ab diesem Zeitpunkt kaum noch möglich: »Die Klarinette hat einen schönen Sound, wenn sie von Profis gespielt wird. Aber auf dem Sax findet man schon als Anfänger einen individuellen Klang.«
Wege ausprobieren
Ihren eigenen Klang entwickelte Frøy zunächst auf den Spuren von Garbarek, später John Coltrane, Dexter Gordon und weiterer Tenoristen mit »wirklich großem Sound«. Auf dem Sopran, das ihr als ehemaliger Klarinettistin nahelag, bewunderte sie den Klang von John Surman und Ex-Miles-Davis-Spieler David Liebman, bei dem sie Jahre später in New York sogar Unterricht nehmen sollte – allerdings auf dem Tenor. »Er erzählte mir aber auch, dass er sich eine zeitlang auf das Sopran beschränkt hatte - um zu erreichen, dass das Instrument quasi ein Teil seines Körpers, eine Verlängerung seines Arms wird«, erzählt Frøy Aagre, die ihren Schwerpunkt inzwischen beim Sopransax sieht. »Als ich mehr und mehr Sopran spielte, begann ich mich freier zu fühlen, meinen eigenen Sound zu finden. Mit dem Tenor hatte ich mich an der Tradition abgearbeitet, es ist nun mal das Jazzinstrument Nr.1.«
Überhaupt scheint die Saxofonistin und Komponistin gern verschiedene Wege auszuprobieren, Regionen kennen zu lernen, bevor sie ihre eigene Route skizziert und selbstbewusst beschreitet. Obwohl sie nicht weit von Oslo aufwuchs, begann sie ihr Studium nicht in Norwegen: »Ich wählte Birmingham, weil ich damals von ganz verschiedenen Arten von Musik begeistert war. Ich wollte Klassik, Jazz und World Music studieren, nicht nur eins davon. Ich war 19. Und sie hatten da einen Kurs in nordindischer klassischer Musik. Ich konnte im Gamelan-Orchester spielen, ich konnte im klassischen Orchester spielen. Jazz hat doch eine Menge unterschiedlicher Stile. Und genau das hab ich gesucht. Ich nahm all diese Eindrücke auf, und sie flossen in meine Musik ein.«
Von England aus, wo sie zur Szene um Django Bates und Iain Ballamy gehörte, ging Frøy als Austauschstudentin nach Buenos Aires, um den Tango aus erster Hand kennen zu lernen, und zurück nach Oslo, wo sie noch ein Aufbaustudium in Komposition absolvierte, »von Schönberg über Messiaen durch das ganze 20. Jahrhundert, jede Woche mussten wir 32 Takte in einer anderen Technik komponieren.« Ein gutes Training, findet Frøy heute. Schließlich ist die Inspiration ein flüchtiges Gut. Wenn die Ideen fließen, hält sie sie gleich fest. Im Notizbuch oder ins Mobiltelefon gesungen. Mit dem soliden Rüstzeug in Sachen Komposition kann sie diese Notizen ausarbeiten, zumindest einen Einstieg finden, wenn Termine naherücken und der zündende Gedankenblitz noch aussteht. »Für das Ensemble Denada habe ich mal etwas für das Oslo Jazzfestival im August 2009 geschrieben«, erzählt sie. »Da waren dann 165 Instrumente, und alles musste durchkomponiert sein. So viele Instrumente bin ich nicht gewohnt. Da musste ich acht Stunden am Tag komponieren.« Das Schreiben findet sie dennoch kreativer als das tägliche Üben am Instrument: »Du begegnest ständig neuen Problemen, es ist jeden Tag anders. Ich geh ja nicht mehr in den Kurs, jetzt arbeite ich an echten Aufgaben. Da stellt sich keine Routine ein.«
Völlige Leere
»Einen Auftritt von Frøy Aagre zu erleben heißt, bezaubert zu sein«, seufzte das Londoner Magazin JAZZWISE im Dezember 2008: »Ihre besondere Qualität ist, wie sie die Grenze zwischen der Komposition (vor dem Auftritt) und der Improvisation (Komposition während des Auftritts) verwischt, indem sie deutlich klarstellt, dass beides von denselben Gedanken, Gefühlen und Konzepten her stammt.« Damals hatte Aagre zum Abschluss einer UK-Tournee ein viel beachtetes Konzert beim London Jazz Festival gespielt, mit Kenny Wheeler als Stargast. »Ich finde, er ist ein großartiger Komponist«, sagt sie mit leuchtenden Augen, »und ich dachte, es wäre schön, ein Konzert mit ihm zu spielen, mit ein paar von seinen und ein paar von meinen Stücken. Als ich den Gig bekam, war klar: Das ist die Chance.« Nicht nur für Aagre war das Zusammenspiel mit Wheeler ein besonderes Erlebnis - der Trompeter mochte ihre Musik ebenfalls. Im Publikum saß zudem noch Siggi Loch, Chef des deutschen Labels ACT, und bot ihr nach dem Konzert an, ihr nächstes Album zu veröffentlichen.
Jetzt liegt Cycle of Silence vor, Frøy Aagres dritte CD unter eigenem Namen und mit ihrem Quartett, das seit rund sechs Jahren zusammenspielt. »Sie kennen meine Kompositionen, sie verstehen, wonach ich suche, und sie tragen mit ihren individuellen Stimmen dazu bei, wie die Musik klingt«, fasst die stolze Bandleaderin zusammen, woher dieser dichte, einmütige Sprit ihrer Musik kommt. Mit dieser Band trat sie nicht nur beim London Jazz Festival auf, die Tourneen führten inzwischen bis nach Seattle zum Earshot Festival (wo u.a. Carla Bley und Cecil Taylor annonciert waren), nach Australien und Japan, um ein paar Eckpunkte zu nennen. Die Reise-Erfahrung scheint auch ins neue Album eingeflossen zu sein, das mit »Steam Train« beginnt, um mit »Long Distance« fortzufahren und über »Siberia« mit »Neverending Journey« zu schließen.
»Ich find’s schön, wenn jeder eigene Assoziationen zu den Stücken hat, ich will den Hörer da nicht einschränken, indem ich meine Inspiration verrate«, lacht die Künstlerin auf die Frage nach der Bedeutung der Titel. Und erzählt dann doch von ihrer Begeisterung für Zugreisen (»… und ›Steam Train‹ klingt einfach poetischer als ›The Train‹ …«), Wanderungen in der norwegischen Weite und von einer wolkenlosen Flugreise über Sibirien: »Ich sah alles, es war wie im Märchen: riesige Flächen völliger Leere, dann plötzlich Berge, überall so spitze Gipfel, die wieder die Form wechselten und flach und rund wurden und sich in verschiedenen Ebenen ineinanderschoben. Ich hatte so was noch nie gesehen. Und da kamen mir die Ideen zu ›Siberia‹.«
Auch der Albumtitel Cycle of Silence ist mit Bedacht gewählt, erklärt die Komponistin. Stille sei ein wichtiger Bestandteil ihrer Musik; nicht die völlige Abwesenheit von Klang, aber die Ruhe zwischen den verschiedenen Phrasen. Sie könne die Erwartung auf den kommenden Teil steigern, aber auch einen gewissen ruhigen Atem in die Musik bringen.
Zweite Aspekte
Atem, ruhiger Fluss, Stille – das sind passende Worte, um die lyrischen Kompositionen von Frøy Aagre zu beschreiben. Da sind ergreifende Balladen wie »Words on an Envelope« - doch betuliche Harmlosigkeit darf man von diesem Quartett nicht erwarten. Die kantige Melodie von »View from Venus« wird mit härtestem Slap-Bass und Inside-Piano besetzt, und auch im runder groovenden »Atoms« erweisen sich Andreas Ulvo (p), Audun Ellingsen (b) und Freddy Wilke (dr) als ebenbürtige Partner für Aagres so leicht und sanft klingendes, rhythmisch wie tonal messerscharfes Sopransaxofon. Nicht nur ihren Sound hat sie vervollkommnet, auch als Komponistin nutzt sie sorgfältig orchestrierte Klangfarben. Die schmeichelnde Melodielinie von »Long Distance« etwa und auch die daraus abgeleitete, luftig getupfte Begleitfigur sind undenkbar ohne die Waldhorn-Unterstützung durch Trude Eick (Jaga Jazzist) und die mal zarte, mal bassige Posaune von Øyvind Braekke. An »Siberia« und vier weiteren Stücken ist die Cellistin Sigrun Eng als zweite Melodiestimme beteiligt. »›Siberia‹ wurde gerade zu unserem Auftritt beim Vossa Jazz Festival fertig, und da hatten wir Mathias Eick als Gast. Also schrieb ich zwei Linien. So wäre dann aber die Melodie nicht komplett gewesen, und ich wählte das Cello als zweite Klangfarbe. Wir erweitern auf der CD unsere Palette«, erläutert die Komponistin geradeheraus.
Frøy Aagre gelingt auf authentische Weise mit ihrer Band, was Dave Liebman einst auf dem Sopransax anstrebte: Sie ist Teil ihrer selbst geworden, die Verlängerung ihres Arms. Auch deshalb ist Cycle of Silence nicht nur das internationale Debüt einer jungen Musikerin, sondern ihr internationaler Durchbruch.
Aktuelles Album:
Frøy Aagre: Cycle of Silence (ACT / edelkultur)
Website:
www.froyaagre.com
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