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Samstag, 4. Februar 2012

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Gabriel Coburger - Starkes Dokument E-Mail
Von Henry AltmannGabriel Coburger - Starkes Dokument
Bild: Carsten Westphal

»Mit meinem Diplomkonzert hatte ich fünf Jahre später eine Art Vorstellung, wie ich schreiben wollte und was für ein Bandkonzept mich faszinierte. Das habe ich in New York verfestigt - und als ich 2001 wiederkam, hatte ich eine Platte im Gepäck und war sicherlich ein ›fertigerer‹ Musiker als davor.« Wieder sieben Jahre später folgt der nächste Schritt: Eine Bigbandaufnahme seiner Stücke beim NDR.

Über zwei Jahrzehnte als Jazzprofi, insgesamt acht Jahre im Jazztempel der Welt, Engagements bei John Abercrombie, Maria Schneider, Rigmor Gustafsson und Geir Lysne haben Gabriel Coburger reifen lassen; jeder seiner Töne, jede seiner Linien ist der Beweis von Reife. Die Dichte und Intensität seines Spiels lassen durchaus Vergleiche mit berühmten Kollegen wie Heinz Sauer oder Christof Lauer zu.

Jazz ist Vertrauenssache. Und so hat der Leiter des Jazzstudienganges an der Hamburger Musikhochschule, Wolf Kerschek, Coburgers Musik für die NDR Bigband arrangiert; Material, das vom Coburger Quartet stammt, in dem Kerschek seit langem als Pianist und Vibrafonist tätig ist. Über Jahre hinweg wurden die Stücke gespielt, überarbeitet, verändert und entwickelt. Und dies nicht nur bei Auftritten in kleinen Clubs und auf großen Festivalbühnen. Coburger schafft es als einer der wenigen Bandleader, regelmäßige Proben zu organisieren. Seine Stücke sind daher nicht nur Ton gewordener Wille ihres Schöpfers, sie sind die Klang gewordene Reise durch zahllose Proberäume, Jazzkeller und Festivalbühnen, durch Frustration und Glücksmomente. Schweißriechende Resultate unzähliger Übungsstunden, eine inbrünstige Alice-im-Wunderland-Fahrt durch die brackigen Resttröpfchen vergangenen Bebops, die lange schon zur stilübergreifenden zeitgenössischen Musik geworden sind.

Auch die Bigbandversion der Stücke hat eine Vorgeschichte: »Ich habe praktisch ein Vorprogramm gemacht mit einem Oktett. Davon hat Wolf viel übernommen. Da wir uns so gut kennen, weiß er genau um meine Vorlieben. Und durch das Zusammenspielen kennt er natürlich auch die Bögen, die sich mit der Zeit so entwickelt haben.« Mit Wolfs Bruder Sven Kerschek ist ein weiterer langjähriger Mitstreiter Coburgers an E-Bass und Gitarre zu hören; Schlagzeuger Roland Schneider ist neu zur Band gestoßen. Ein Wiedersehen alter Fahrensleute des Jazz, aber auch ein Risiko: »Roland hat damals noch in New York gewohnt und kam für die Produktion nach Hamburg. Wir hatten dann zwei Tage Zeit im Quartett die rhythmischen Geschichten durchzufingern. Die Rhythmusgruppe muss das Material wirklich kennen. Dann kommen die Bläser dazu. Aber die sind routiniert genug.«

Stichwort Routine. In nächtelangen Sessions hat sich Gabriel Coburger diese Routine angespielt, im Sinne dessen, was er »New Yorker Qualität« nennt, also »die Verbindung von einem eigenen Sound und einem starken Groove«. Groove ist ihm wichtig, so auch Disziplin. Sein Quartett ist keine anarchosyndikalistische Versammlung, in der jeder macht, wozu er Lust hat, erst recht nicht die Bigband. Gerade die kollektiv improvisierten Passagen verlangen in der Großformation noch mehr Disziplin. Das Stimmengewebe der Coburger-Musik, das In-, Durch- und Miteinander von Einzelstimmen, die alle für sich und alle miteinander Sinn ergeben, will organisiert sein: »Ich will ganz viele Freiräume in der Musik, aber ich will auch, dass das, was ich komponiert habe, genau so gespielt wird.«

Der funky Titel »Auf Loch« etwa erhielt seinen Namen daher, dass man sich beim kollektiven Improvisieren nicht überschneiden, auf den Punkt spielen muss, in diesem Fall auf die Lücke - das Loch. Das ist schon in einer kleinen Band eine Kunst. Die große Kunst ist, dass es bei diesem Album auch im Großensemble funktioniert. Auch, weil der Komponist die Bigband nicht instrumentalisiert, um sich selbst als großen Zampano herauszustellen: Bildlich wie konkret hat Coburger Christof Lauer auf den Platz des ersten Tenoristen gesetzt. »Ich habe mich als Teil einer Band gefühlt, die meine Musik spielt, die ich ja auch selbst in einem ganz neuen Gewand gehört habe«, beschreibt Coburger. »Die Stimmung war sehr kollegial, obwohl es kurz vor den Ferien war, obwohl es komplexe Musik war und wir wenig Zeit hatten.«

Komplex heißt auch, dass die Musik bei aller Emotion oft mehrdeutig ist: Das geheimnisvolle »Taste of a Peach«, ein dunkler Hauch von Erotik in einem hellen Titel. »Balladaboss«, Coburgers spezieller Mix aus Ballade und Bossa Nova, weil, wie er gehört hat, ein Balladenkönig im Schwabenland der »Balladabosch« ist. Das markige »Kluft« mit dem sprichwörtlichen Mut zur Lücke.

Auch wenn Gabriel Coburger mit seinem Quartett seit der Bigbandaufnahme im März 2008 durchaus wieder »kleinere Brötchen« auf größeren Festivals backt, als Organisator hochrangig besetzter Konzerte in Hamburg hervortritt, im Oktober in Prag zur 20-jährigen Städtepartnerschaft die Stadt Hamburg musikalisch mitrepräsentiert, freut er sich besonders auf die Live-Aufführung seiner Musik im September mit der NDR Bigband: »Ich bin einfach happy mit dem Ding. Mit der NDR Bigband verbindet mich schließlich seit 20 Jahren was. Es ist für mich ein starkes Dokument meines Schaffens.«


Aktuelles Album:
NDR Bigband / Daniel Coburger: Coburger (NDR Bigband Bigband Records / MV-NRW)

Live:
10.09. Gabriel Coburger & NDR Bigband, Hamburg
04.10. Gabriel Coburger Quartet, Prag