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Joachim Kühn & Michael Wollny - Ich bin wie du |
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Von Rolf Thomas
Bild: Eva Baales
Hintersinnig
Die Wertschätzung, die der junge deutsche Pianist seit seinem (Trio-)Debüt aus dem Jahre 2005 genießt, kann man ruhig sensationell nennen. Michael Wollny ist »wach genug, um jeden Tag etwas Altes neu zu entdecken«, hat der kürzlich verstorbene Konrad Heidkamp in der ZEIT geschrieben, und Wollnys Duo mit Heinz Sauer wurde nicht nur mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik bedacht, sondern vom französischen Magazin JAZZMAN sogar als Jazz-CD des Jahres 2006 ausgezeichnet.
Sauer und Kühn kennen sich natürlich. »Heinz Sauer hat mir über Michael Wollny einmal Folgendes gesagt«, berichtet Kühn: »›Der kann genauso gut spielen wie du, aber das Tolle ist - er macht es nicht.‹« Das hintersinnige Lob ist nicht nur typisch für den Frankfurter Saxofonisten, sondern bezeichnet auch sehr gewitzt eine Tugend, die Michael Wollny wie kaum ein Zweiter beherrscht. Er stellt seine zweifellos vorhandene Virtuosität nicht aus - wie schwer das einem Pianisten fällt, dürfte jedem klar sein, der einmal Jean-Michel Pilc oder Michel Petrucciani zugehört hat -, sondern stellt sie zweckdienlich in den Dienst der Musik.
Genau das ist es, was die aktuelle CD Live at Schloss Elmau meilenweit über die übliche Duo-CD hinaushebt. »Eigentlich sollte aus dem Auftritt gar keine CD werden«, erzählt Joachim Kühn. »Als ich die Bänder aber hörte, kam ich nicht umhin, Ja zu sagen. Ich habe wirklich zwei Musiker gehört, die zusammen Musik machen und eben zufällig Klavier spielen.«
Es war das erste Mal, dass Joachim Kühn mit Michael Wollny im Duett gespielt hat, und dem Konzert am 10. September 2008 waren nur einige kurze Proben vorausgegangen (»... die allerdings noch besser waren«, wie Kühn behauptet). Für Wollny war es vor allem eine große Ehre, mit Tasten-Wizzard Kühn aufzutreten. »Ich habe Joachim Kühn beim Münchner Klaviersommer 1999 oder 2000 zum ersten Mal live erlebt«, sagt er enthusiastisch. »Eigentlich war ich wegen Michel Camillo gekommen, aber Kühn, der damals mit Jean-François Jenny-Clark und Daniel Humair gespielt hat, hat mich schlicht und einfach umgehauen.«
Für Wollny und Kühn herrschten auf Schloss Elmau exzellente Bedingungen. Das Luxushotel in der Einöde verfügt über vernünftige Flügel, und auch sonstige Annehmlichkeiten können sich sehen lassen. »Schloss Elmau ist schon elitär«, konstatiert Wollny. »Man fragt sich manchmal: Ist das Publikum wegen uns hier oder sind es Hotelgäste, die Zerstreuung suchen? Denn es ist ja wirklich eine schwierige Musik, die eigentlich nur wenige Leute interessiert.« Joachim Kühn treiben solche Überlegungen längst nicht mehr um. »Ich MUSS in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnen«, sagt er. »Nach 45 Jahren im Business brauche ich das einfach. Und es ist doch auch ein sehr schöner Ort in den Bergen.«
Die schiere Wonne
Wollnys »Hexentanz«, Bachs »Chaconne« - die Joachim Kühn solo spielt - und Joachim Kühns »Seawalk« sind die Höhepunkte des Albums, aber auch das spontan entstandene Solo von Michael Wollny (»Elmau«), der Opener »The Colours of the Wind« oder die Zugabe sind selbstverständlich hörenswert. Dass Michael Wollny längst zu den bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation gehört, hat er schon mit seinem Solo-Album Hexentanz bewiesen, aber erst hier im Duett mit einem Großmeister seines Instruments kann man erkennen, wie strukturiert und variabel Wollny spielt und improvisiert. Er lässt sich von Kühn nie zu reinen Materialschlachten herausfordern, sondern umgarnt, unterstützt und fordert seinen älteren Duettpartner, dass es für den Hörer die schiere Wonne ist. Wie genau er in Kühns Tonsprache zu Hause ist, wird vielleicht auch daran deutlich, dass er seine Diplomarbeit über Tonwirbel in Joachim Kühns Improvisationen geschrieben hat - und in das »Diminished Augmented System« des Pianisten hat er sich selbstverständlich auch vertieft, das Kühn erstmals 1999 auf der gleichnamigen Solo-CD der staunenden Öffentlichkeit vorstellte. Verstanden haben es wohl nur wenige, aber Solo-Alben von Kühn (zum Beispiel Allegro Vivace von 2005) werden dennoch gekauft.
Dem großen Klaviervirtuosen Kühn geht es aber längst nicht mehr darum, irgendein Publikum von irgendeiner Theorie zu überzeugen. Sein Schaffen kreist nur noch um Musik an sich; als was man die vielfältigen Hervorbringungen des Musikers dann bezeichnet (darunter Zusammenarbeiten mit dem Leipziger Thomanerchor, mit Majid Bekkas, Ramon Lopez oder Rabih-Abou Khalil und immer wieder Daniel Humair), ist eigentlich egal.
Das gilt auch für Live at Schloss Elmau: Eine tolle Platte für Jazzfreunde, Klavierfans, Bach-Verehrer, Ornette-Coleman-Afficionados und jeden, der sich einfach für gute Musik interessiert.
Aktuelle CD:
Joachim Kühn & Michael Wollny: Live at Schloss Elmau (ACT / edelkultur)
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