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Joe Locke - Melodie und Rhythmus |
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Von Angela Ballhorn
Bild: Collin Klostermann
Locke gehört zur jüngeren Generation von Vibrafonisten, die den Traditionen eines Lionel Hampton oder Milt Jackson Respekt zollen und sie studiert haben, ihrem Instrument im modernen Jazz aber eine eigene Stimme verliehen haben. Aufnahmen wie Sticks And Strings mit Gitarrist Jonathan Kreisberg oder seine Bands mit Pianist/Keyboarder Geoff Keezer zeigen Joe Lockes Stärke, lyrische Passagen mit dichten rhythmischen Geflechten zu verbinden.
In seinem neuesten Projekt, das exklusiv für das JazzBaltica-Programm Anfang Juli im Entstehen begriffen ist, macht er sich selbst Konkurrenz, denn da wird nicht nur ein tanzender Vibrafonist auf der Bühne zu sehen sein, sondern gleich ein echter Tänzer: Percussion Discussion heißt das Projekt, das Festivalleiter Rainer Haarmann und Locke, Artist in Residence 2007 und Gast der letzten beiden Festivals, sich zusammen ausgedacht haben.
Haarmann sah den Stepptänzer Maurice Chestnut mit dem Klaviertrio von Geri Allen und konnte sich Joe Locke mit dem jungen Tänzer auf einer Bühne vorstellen. »Rainer rief mich an und fragte, ob ich mir so etwas vorstellen könnte«, erzählt Joe Locke. »Es sollte etwas anderes sein als nur ein Stepptänzer, der zu einer bestehenden Band stößt. Das wäre nur extra Entertainment zu Force of Four gewesen. Doch es passierte etwas anderes, es entwickelte sich ein ganz eigenes Projekt. Wir nannten es Percussion Discussion, und Rainer und ich fanden die Idee toll, einen Schlagzeuger, einen Percussionisten - mich, der ich als Vibrafonist auch Percussionist bin -, und einen Stepptänzer zu haben, die miteinander interagieren können. Deshalb kam ich auf den Namen Percussion Discussion. Rainer, Maurice und ich haben schnell gemerkt, dass wir mit unseren Ideen und Visionen gleich ticken.«
So tritt Locke mit zwei unterschiedlichen Programmen beim Sommerfestival auf: Mit seinem neuen Quartett Force of Four und mit Percussion Discussion. »Bei Force of Four spiele ich mit dem Schlagzeuger Jonathan Blake, dem Pianisten Robert Rodriguez und dem Bassisten Ricardo Rodriguez - die übrigens nicht verwandt sind«, setzt Locke auseinander. »Dieses Quartett ist für mich eine tolle Möglichkeit, um in einer frischen kleinen Besetzung zu spielen und mich selbst herauszufordern, weil ich mit diesen Musikern auf rhythmischen Gebiet viel herumexperimentieren kann.«
Herzschlag
Alle interessanten Sachen, die im Moment in der Musik passieren, passierten auf rhythmischem Gebiet, meint Joe Locke, und dass er sich mittlerweile auch in ungeraden Taktarten gut zu Hause fühle. Mit jungen Musikern zu spielen, die die komplette Jazzgeschichte verinnerlicht, darüber hinaus aber auch neue rhythmische Ideen haben, sieht der Vibrafonist als große Herausforderung: »Ich habe die perfekte Band für mich gefunden und begonnen, Musik für diese Besetzung zu schreiben. Ich lerne sehr viel in diesem Prozess und fühle mich manchmal als Schüler meiner Mitmusiker.«
Fragt man den virtuosen Vibrafonisten, was sich denn als seine Lieblingstaktart herauskristallisiert, lacht er. Das sei eine gute Frage, die er aber nicht so einfach beantworten könne. Je mehr er allerdings in 7/4 oder 7/8 spiele, desto komfortabler fühle es sich an. Auch Stücke, in denen die Taktarten gemischt seien, gingen mittlerweile: »Wir spielen natürlich auch immer noch in 4/4 und wir swingen, aber diese Band hat die Möglichkeit, in allen möglichen Taktarten zu spielen.« Die Herausforderung, ungewöhnliche Taktarten trotzdem organisch klingen zu lassen, gehört nicht zu den leichtesten. Taktarten wie 13/8 oder 17/4 nur aus mathematischen Gründen in Erwägung zu ziehen, lässt Musik manchmal sehr gewollt und kalt klingen.
Ein Vorbild sind Joe Locke hierbei andere musikalische Kulturen: »Ich sprach mit afrikanischen Musikern, die sich wegen der schrägen Taktarten keine Sorgen machen, weil es zu ihrer afrikanischen Kultur gehört. Damit sind sie aufgewachsen, die Rhythmen sind wie ein Herzschlag für sie, den sie nicht zählen müssen. Das Gleiche gilt für die Leute vom Balkan. So etwas fasziniert mich.«
Sticks & Strings, das Quartett, mit dem Joe Locke in den letzten Jahren für Furore sorgte, pausiert zugunsten der aktuellen Projekte, wird jedoch 2010 wieder verstärkt spielen. »Auf mehr als zwei Projekte kann man sich nicht auf einmal konzentrieren«, erklärt er, »so bleibt es in diesem Jahr bei Force of Four und der Percussion Discussion, die – wenn man über Rhythmus spricht – die perfekte Band ist.«
Joe Locke kommt ins Schwärmen über den jungen Tänzer Maurice Chestnut, der - wie Locke - den Tanz gleichberechtigt in die Musik integrieren will. »Musikalisch und in tänzerischen Begriffen ausgedrückt, ist dieses Projekt sehr zeitgenössisch, nicht wie ein Konzert, bei dem eine Band Count-Basie-Musik spielt und jemand dazu steppt. Ich liebe Fred Astaire, und wir haben großen Respekt für diese Tradition. Wir haben die Jazztradition und Stepptanz aus den 30ern und 40ern. Auf der anderen Seite haben wir Leute wie Maurice Chestnut, die mit den Rhythmen der modernen Musik arbeiten können. Auch wenn die Rhythmen sehr komplex in den kompositorischen Aspekten sind: Drum’n’Bass oder HipHop oder zeitgenössische Musik, das kann alles bei der neuen Tänzergeneration zusammenfließen. Die Musik, die wir spielen, wird die Tradition ehren, aber auch die neuen Stile beinhalten.« Mit in Joe Lockes musikalischem Dreamteam sind Jonathan Blake (dr), Daniel Sadownick (perc), Martin Wind (b, cello) und Nils Wülker (tp, flgh).
Möbel
Bei einem recht sperrigen Instrument wie dem Vibrafon stellt sich immer die Frage, wie der Ruf eines solches Möbels den Musiker erreicht hat. Da kann Joe Locke nur lachen: »Als Achtjähriger habe ich Schlagzeug und Klavier gespielt. Ich interessierte mich mehr und mehr für Melodien, obwohl ich immer noch Schlagzeugunterricht hatte. Als ich das Vibrafon mit 13 fand, hatte ich meine Stimme gefunden, weil das Vibrafon genau in der Mitte von Schlagzeug und Klavier ist, eine Art Schlagzeug, auf dem man Melodien spielen kann. Meine Eltern entdeckten eine Zeitungsanzeige, in der jemand billig sein Vibrafon verkaufen wollte, und kauften es mir netterweise. Manchmal frage ich mich, wie es gewesen wäre, wenn ich weiter Schlagzeug oder Klavier gespielt hätte. Wahrscheinlich würde heute kein Mensch Joe Locke kennen« (lacht lauthals). Gelegentlich setzt sich der sympathische 50-Jährige noch an die schwarzweißen Tasten, im Percussion-Discussion-Projekt wird er ab und an Keyboard spielen. Wie sieht es mit dem Schlagzeug aus? »Absolut nicht! Dieses Element ist inzwischen auf dem Rücksitz meiner musikalischen Karriere verschwunden. Wenn mich Leute fragen, denke ich allerdings kurz darüber nach. Ich kann gut einen Groove halten oder auch ein passables Solo spielen. Aber ich habe jahrelang nicht mehr hinter den Drums gesessen, und als ich einmal bei einem Soundcheck spielte, musste ich feststellen, dass alles, was ich wusste, verschwunden war. Das war ein sehr trauriger Tag. Jetzt muss ich mich mit den Einschränkungen zufriedengeben ... Aber um ein guter Vibrafonist zu sein, musste ich die anderen Instrumente weglassen und mich auf meine Mallets konzentrieren.«
Und man hat am Anfang meist eine längere Durststrecke zurückzulegen. Bassisten und Schlagzeuger werden immer gesucht, als Vibrafonist muss man seine eigenen Projekte starten. Inzwischen sei er ein sehr beschäftigter Musiker, sagt Joe Locke, er werde oft als Gastmusiker gebucht. Zu Beginn seiner Karriere sei das anders gewesen, da wirklich kaum ein Bandleader ein Vibrafon brauche. Es dauere, sagt er, bis man sich einen Ruf aufgebaut habe.
Aktuelle CDs:
Joe Locke: Force of Four (Origin)
Joe Locke & Frank Kimbrough: Verrazzano Moon (Omnitone / Sunny Moon)
Trio Da Paz & Joe Locke: Live At JazzBaltica (MaxJazz / Al!ve)
Joe Locke Group: Sticks & Strings (Jazzeyes / New Music)
Website:
www.joelocke.com
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