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Samstag, 4. Februar 2012

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Johnny La Marama - Kalle Kalima und die Revolution E-Mail
Von Tobias RichtsteigJohnny La Marama - Kalle Kalima und die Revolution
Bild: Siesing

Das vorherige Album des Trios, … Fire!, erzählt Gitarrist Kalima, hatte vor drei Jahren noch längere Nachproduktion im Studio in Anspruch genommen. Man sollte sich … Fire! jedoch nicht als ein überproduziertes Potpourri, gespickt mit Samples und unergründlichen Effekten, vorstellen. Wenn Johnny La Marama freihändig mit Elementen aus Postrock, Blues, Noise, Drum & Bass, Hillbilly u.v.a. jonglieren, dann eben nicht als skrupulöse Bastelarbeit, sondern weil dies schlicht die Vokabeln jenes Esperanto sind, das im Trio des Finnen Kalima, des amerikanischen Bassisten Chris Dahlgren und des deutschen Schlagzeugers Eric Schaefer die Verkehrssprache ist.

Damals bemühten die Rezensenten wohlklingende Vergleiche mit dem anarchischen Humor Frank Zappas, den Jump-Cuts von John Zorn und dem Jam-Hedonismus von Medeski Martin & Wood – nichts, was man nicht auch über das Nachfolge-Album sagen könnte. »Das ist schon so ein kollektives Komponieren«, versucht Kalle Kalima zu erläutern, »teilweise sind die Stücke kollektiv improvisiert und immer kollektiv arrangiert - das ist schon ein sehr merkwürdiger Prozess. Es ist schon passiert, dass jemand die Noten meiner Stücke von der Probe mitgenommen, zu Hause die verschiedenen Zeilen mit Scheren geschnipselt und in neue Ordnung gebracht hat. Aber das Stück wurde dann auch nicht so gespielt, wie der Kollege es zur Probe zurückbrachte! Das haben wir wieder als Vorlage genommen. Die endgültige Version vom Titelstück, ›Bicycle Revolution‹, ist so entstanden.« Drei Minuten lang groovt der Song mit fettem Dub-Bass, bis ein aggressives Feedback die Führung übernimmt.

Eine Revolution, so informieren die Liner Notes von Dr. Feonard Leather, sei entweder ein gewaltsamer Sturz der Regierung, ein plötzlicher Wechsel gegebener Umstände oder auch eine zyklische Bewegung. Dass hier zur Fahrrad-Revolution aufgerufen wird, nutzt die Mehrdeutigkeiten des Begriffs in eigener Sache: So sehr sich Johnny La Marama als Begleiter jeder Radtour empfiehlt – Aufpassen ist angezeigt. Schon im nächsten Moment kann sich die Richtung dramatisch ändern.

Kalle Kalima stellt den Namensgeber des Trios persönlich vor: »Johnny ist ein imaginärer Charakter, wir folgen seiner Legende. Der ist halt wie unsere Band nicht überintellektuell, aber bei ihm passieren so komische Sachen: Er läuft auf der Straße und plötzlich ist er – ohne es zu merken – auf einem anderen Planeten gelandet. Das ist für ihn Alltag.«

Das Spiel mit künstlichen Identitäten und Welten treiben Johnny La Marama auf die Spitze, wenn sie im Opener ein »sonopsychisches Foto« aus dem Gehirn des Ex-Police-Gitarristen »Andy Summers« schießen. Die wild assoziierenden Titel und ihre Erläuterungen in den Liner Notes bleiben allerdings nie außermusikalischer Überbau, nahtlos finden sie sich mit der Musik und den liebevollen Coverfoto-Montagen zu einem multidimensionalen Erlebnis zusammen. Das gelingt nur wenigen CDs, doch die Verwunderung darüber geht in ein »Aha!« über, wenn man liest, dass zum prall gefüllten Erfahrungsschatz der drei Musiker u.a. Sidemen-Tätigkeiten bei z.B. Jimi Tenor (Kalima), Anthony Braxton (Dahlgren) und David Moss (Schaefer) gehören.

Der Mann aus dem Norden

Dass Kalle Kalima auch ohne prominenten Arbeitgeber an einer ganzen Reihe von bezaubernden Bands maßgeblich beteiligt ist, demonstrierte er im November 2007 dem Publikum des JazzFests Berlin, als er an vier Abenden hintereinander im Jazzclub A-Trane nicht nur mit Johnny La Marama auftrat, sondern auch mit dem ebenfalls Berliner Trio Klima Kalima (Gewinner des Neuen Deutschen Jazzpreises 2008), dem Folk-Septett Soi und dem Quartett K-18 (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Akkordeon) aus Finnland. Das Festival hätte ihn vermutlich für zwei Wochen verpflichten können; Kalima kann noch eine Menge unterschiedlicher Besetzungen unter seiner Mitwirkung präsentieren. Aus Helsinki kam Kalima, dem die dortige Jazzszene zu wohlgeordnet erschien, vor rund zehn Jahren als Austauschstudent: »Was ich mochte, war ein bisschen außerhalb der gewöhnlichen Sounds - aber ich war 25 und wusste noch nicht ganz genau, was ich machen will, und dafür war’s sehr schön, nach Berlin zu kommen und hier viel Neues zu entdecken. Ich hatte ein guten Lehrer an der Uni hier, habe aber auch einfach Musiker kennen gelernt, gejammt und mir langsam so’n Bild draus gemacht, was ich musikalisch überhaupt machen will.«

Eine Jamsession, an der Kalima teilnahm, brachte ihn in Kontakt mit Michael Griener und Martin Klingeberg, in deren Trio Baby Bonk (siehe JAZZTHETIK 11/08) der Gitarrist bald einstieg. 2003 formierte er mit dem deutschen Schlagzeuger Ernst Bier und dem amerikanischen Bassisten Ed Schuller, den jener aus seinen New Yorker Jahren im Quintett von Perry Robinson kannte, das Trio Jazz Parasites. Wenn Schuller, der inzwischen wieder in New York lebt, in Berlin zu tun hat, ergeben sich Chancen für Konzerte des Trios, dessen Motor laut Kalima Ernst Bier ist, auch wenn der Bandname sich von einem Song ableitet, den Kalima für die Besetzung schrieb: »Diese Band kommt stark von der Jazztradition her. Wir saugen die Jazztradition quasi aus - und was kommt dann da raus?! Unsere eigene, schon bisschen dreckige Version von Jazz halt, ziemlich funky, vielleicht bisschen punky.«

Ihre erste CD Very Early stellten die Jazz Parasites Anfang des Jahres bei einem der Discover US-Abende der Jazzwerkstatt vor, auf deren Label die Scheibe auch veröffentlicht wurde. Das Programm des modernen Gitarrentrios reicht vom Titelsong aus dem Repertoire des Piano-Impressionisten Bill Evans über »Falling Grace«, das Steve Swallow 1969 in der Band von Gary Burton schrieb, und Coltranes »Wise One« bis zu einer erstaunlichen Rap-Version von Hancocks »Watermelon Man«; zwischen diese Standards sind Jazz-Kompositionen von Kalle Kalima gestreut. In dieser Band, gesteht der Gitarrist, als das Mikrofon abgeschaltet ist, könne er einmal all das anwenden, was er im Jazzstudium gelernt hat.

Für Kalima-Fans bieten die Jazz Parasites das Potenzial zur Überraschung: In so konventionellen Bahnen ist der Finne sonst kaum zu erleben. Aber gerade in der formalen Selbstbeschränkung liegt auch die Chance, den Musiker Kalima gleichsam in Ruhe kennen zu lernen, seinen Klang im Beispiel bekannter Melodien wiederzuerkennen, zu beobachten, wie der Gitarrist zurückhaltend begleitet, den Verlauf der Akkordschemata ideenreich komprimiert und ausdeutet. Und seine eigenen Kompositionen stehen den altbekannten Standards in nichts nach, sondern eignen sich hervorragend als »Signature Songs« eines - jawohl - All-Star-Trios.

Das fünfarmige Monster

Von einer bisher ganz unbekannten Seite zeigt sich Kalle Kalima mit seinem neuesten Projekt, festgehalten auf CD unter dem Titel Pentasonic: Iris In Trance. Wobei mit Pentasonic gleichzeitig ein Instrument und die Besetzung gemeint sind, obwohl dies das erste Solo-Album des Gitarristen Kalima ist. Über zwei Jahre lang hat er ein System ausgeklügelt, um mit der Hilfe von digitalen Loops schließlich in fünffacher Verdoppelung spielen zu können – über fünf voneinander getrennte Verstärker. Denn wie der Teamspieler bei Johnny La Marama interessiert sich auch der Solist Kalima kaum für Studio-Spielereien. Musik, so findet er, soll immer live spielbar bleiben, egal, wie komplex sie ist.

Seinen Anfang nahm Pentasonic aber im Berliner P4-Studio, in den Räumlichkeiten des ehemaligen DDR-Rundfunks. Kalle Kalima war 2005 als Musiker für das RBB-Hörspiel Treibgut von Peter Stamm engagiert. Jean Szymscak, der die Aufnahmen machte, war begeistert vom Sound der mit den Loops gedoppelten Gitarre. Zufällig betreibt er auch das Label LaLune und bot Kalima an, ein Solo-Album zu produzieren. Der holt aus:

»Da hab ich mit Gitarre und Sampler und zwei Verstärkern gearbeitet. Aber relativ bald war uns klar, dass es mit einem Loop und ein, zwei Verstärkern nicht wirklich spannend wird. Das ist schon öfter gemacht worden, und wenn man die Loops, diese Aufnahmen von sich selbst, macht und alles über einen Speaker schickt und es mehrere Schichten gibt, wird die Soundqualität einfach ganz schlecht. Dann hab ich ein Gerät gefunden, so einen Boss-Sampler, mit dem man die verschiedenen Loops in verschiedene Amps schicken kann, und hab einfach einen Adapter mit 5 Verstärkern gebaut - und dann kam der Gedanke: Die könnte man auch um das Publikum herum aufbauen. Aber damals haben wir einfach die Aufnahmen in einem großen Kammermusiksaal gemacht, alle Amps aufgebaut und aufgenommen, alles in einem Raum, nicht separat wie bei Pop-Produktionen, wo mehrere Soundquellen voneinander isoliert aufgenommen werden, so dass man nachher jeden Amp separat mischen und bearbeiten kann. Wir konnten das nicht, der Mix war extrem komplex: Wenn man irgendwas verändert hast, hat das auch den Gesamtklang verändert und so. Aber ich finde, das ist gerade die Richtung, in die Jazz eigentlich gehen sollte: einfach dem Live-Gefühl nach.«

Auf Pentasonic: Iris in Trance nimmt sich Kalle Kalima die Zeit zur Klangforschung. »Ich präpariere meine Gitarre, ich hab viele Percussion-Sounds gesucht, einfach dadurch, dass ich zwischen die Saiten Holz oder Pappe oder Metall lege. Oder ich hab irgendwelchen komischen Kram auf meine Gitarre gelegt und einfach über Verstärker gespielt, endlos experimentiert. Aber mit bestimmten Sachen im Hinterkopf: Ich wollte rhythmische Musik kreieren. Es ist schon Musik mit Groove und nicht sehr atonal.« Die verschiedenen Schichten seiner Improvisationen verteilt er wie eine fünfköpfige Band im Raum, ganz konkret mit fünf Verstärkern, die wie in den Konzertraum gewürfelt stehen. Oder im durchsichtigen Mix der CD. Und demnächst auch als DVD im Surround-Sound.

Der Evolutionär

Es wäre zu hoch gegriffen, gleich eine revolutionäre Wendung im Schaffen Kalle Kalimas ausmachen zu wollen, doch mit Pentasonic: Iris In Trance hat sich der Gitarrist tiefer als je zuvor in das Handwerk eines Komponisten eingearbeitet - Planung, Versuch, Analyse, Koordinierung der Abläufe etc. Es wäre schade, wenn das so erworbene Know-how nicht weiter genutzt würde. Als Kalima im vergangenen Sommer zum Pori-Jazzfestival in der gleichnamigen finnischen Stadt unterwegs war, traf er auf einer Autobahnraststätte das UMO Jazzorchestra. Beim Wiedersehen mit den alten Kumpels entstand die Idee, doch auch mal für Bigband zu schreiben. Inzwischen hat Kalima einen Kompositionsauftrag für ein einstündiges Programm auf dem Schreibtisch, einen Arrangeur zu beauftragen, scheiterte an den Kosten: »Ich hatte dafür ein Stipendium beantragt, aber nichts bekommen, und jetzt muss ich das selbst machen. Aber ich finde es auch spannend. Letztendlich geht es darum, zu verstehen, wie eine Bigband funktioniert. Ich glaube, es würde nicht gut klingen, wenn die Bigband einfach wie eine 15-köpfige Gitarre klingt.« Kalle Kalima lacht und wird gleich wieder bescheiden: »Die Stücke sprudeln manchmal wie Pilze, aber ich hab schon den Anspruch an mich, was Gutes daraus zu machen, sie zu kultivieren. Wie kann man verschiedene Ideen zusammenbringen, wie findet man Ideen, die zueinander passen? Größere Formen zu beherrschen ist echt schwer, wenn man so intuitiv arbeitet. Komponieren ist sehr wichtig, und ich glaube, dass es das ist, was meine Musik ausmacht. Als Spieler allein habe ich nicht so viel zu sagen, aber zusammen mit meinen Stücken ist das, was ich komponiere und wie ich die Stücke spiele, was Eigenes.«


Aktuelle CDs:
Johnny La Marama: Bicycle Revolution (Traumton / Indigo)
Johnny La Marama: … Fire! (Traumton / Indigo)
Pentasonic: Iris In Trance (LaLune, als CD und DVD-Audio in 5.1 Surround)
Jazz Parasites: Very Early (Jazzwerkstatt / Records)

Johnny La Marama live
15.05.2009: DE-Darmstadt, Jazz-Institut
10.06.2009 :CL-Santiago de Chile, Goethe-Institut
12.06.2009 :VE-Caracas, Goethe-Institut
16.06.2009: PE-Lima, Goethe-Institut