jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Anzeige

Samstag, 4. Februar 2012

Home
Abo
 
Termine
Probeheft
Linksammlung
Mediadaten
Impressum
Kontakt
 
Archiv
Onlineshop
Home arrow Archiv arrow Jon Irabagon - The Real Guys
Jon Irabagon - The Real Guys E-Mail
Von Wolf KampmannJon Irabagon - The Real Guys
Bild: Pascal Kerouche

Derzeit pflügt keine andere Band die Urgründe von Avantgarde und Tradition so nachhaltig um wie das Quartett Mostly Other People Do the Killing. Deren Saxofonist Jon Irabagon ist auch in zahlreichen anderen Formationen aktiv, unter anderem im RIDD Quartet, das auf dem Innovations-Label Clean Feed seine Heimat gefunden hat, und in einem aufregenden Duo mit New Yorks aktuell viel versprechendstem jungen Drummer Mike Pride. Umso überraschender ist es, wenn Irabagons erstes Album unter eigenem Namen nun bei der Mainstream-Hochburg Concord erscheint.

Zwei Welten, ein Kosmos

Tatsächlich ist The Observer das Gegenteil von allem, was man von dem 30-jährigen Saxofonisten mit philippinischen Wurzeln erwarten würde, ein Salto Rückwärts in den Mainstream. Mit Kenny Barron (p), Rufus Reid (b), Victor Lewis (dr) und Nicholas Payton (tp) weidet er auf den endlosen Ebenen des klassischen Mainstream. Das mag für den Hörer irritierend sein, für den Saxofonisten ist es eine logische Konsequenz seiner sonstigen Aktivitäten: »Ich habe intensiv die ganze Bandbreite der Musik studiert und möchte mich deshalb in meiner eigenen Musik nicht nur auf einzelne Aspekte beschränken. Irgendwie gehört das ja alles zusammen. Mostly Other People ist eine ziemlich wilde Band, aber selbst da ist traditioneller Jazz involviert. Mit The Observer wollte ich erfahren, wie sich eine echte Jazzplatte mit den echten Jungs anfühlt. Ich habe unglaublich viele Melodien in diesem Stil geschrieben, die endlich mal gespielt werden wollten. Concord gab mir nun die Möglichkeit, diese Stücke genau auf deren Weise umzusetzen. Für mich war es eine einzigartige Erfahrung, mit der Rhythmusgruppe von Stan Getz aufzunehmen. Das allein schon rechtfertigt diesen Schritt.«

Um die »real guys« geht es also. Es ist nur immer die Frage, wer tatsächlich zu diesen echten Jungs zählt, von denen Irabagon spricht. Sicher haben Barron, Reid und Lewis viel für die Jazzgeschichte getan, doch genau dasselbe kann Irabagon mit seinem eigenen Zirkel heute für sich reklamieren. Da drängt sich schon auch der Verdacht von Kalkül auf, zumal Irabagon den Altvorderen wesentlich weiter entgegenkommt als umgekehrt. Erhalten bleibt sein unvergleichlich eleganter und oft abenteuerlicher Weg, sich auf seinem Horn auszudrücken. Trotzdem fühlt sich die Platte zunächst irgendwie an wie ein Echo der Vergangenheit. »Als wir mit Concord über das Projekt sprachen«, so Irabagon, »diskutierten wir lange über die Rhythmusgruppe, bis wir eine für alle Seiten zufriedenstellende Variante fanden. Als die Musiker benannt waren, blieb mir ein weiterer Monat, um die Musik für die Session zusammenzustellen. Ich machte mir ausgiebige Gedanken über meinen Ton. Ich habe so viel Respekt für diese Musiker, das ich mit meinen Stücken die Richtung berücksichtigen wollte, aus der sie kommen. Aber ich wollte ihnen auch etwas geben, das ich normalerweise mit meinen Stücken sage. Mit dem Ergebnis ist Concord ebenso glücklich wie ich, denn es geht auf dieser CD um besagten Respekt. Ich arbeite ja weiter mit Mostly Other People und Mike Pride, aber ich wollte eben auch mal dieses Straight-Ahead-Jazz-Ding dokumentieren. Ich konnte einfach nicht das Angebot ausschlagen, in Rudy Van Gelders Studio eine solche Aufnahme zu machen.«

Da treffen also zwei Welten aufeinander und müssen zu einem Kosmos verschmelzen. Das gelingt zwar weitgehend, nur scheint es, als müsse hier der Youngster - und Leader! - Federn lassen, die anderen Beteiligten jedoch nicht: seine Stücke – ihre Ästhetik. »Obwohl die musikalische Richtung etwas anders ist als auf meinen übrigen Platten, fühlt es sich für mich immer noch wie meine Musik an«, bekennt der versöhnliche Bilderstürmer. »In den Proben gingen wir viel weiter als bei der Aufnahme. Das ist ja ganz andere Musik, als die Jungs sonst spielen. Zunächst einmal wollte ich sicherstellen, dass ich eine Rhythmusgruppe bekomme, die viel miteinander gespielt hat. Ich wollte ihnen aber auch nicht das Gefühl geben, aus einer völlig anderen Ecke zu kommen, sondern die Platte sollte dicht und logisch klingen. Vor allem der letzte Aspekt ist mir in allen Konstellationen, in denen ich spiele, wichtig.«

Die entscheidenden Werte

Wichtig war jedoch auch eine andere Komponente. Irabagon versteht sich keineswegs als vollendeten Künstler. Er ist vielmehr ein stetig Lernender, der sich in den Koordinaten der Jazzgeschichte vertikal und horizontal ausbreitet, um seine eigene Position immer schärfer bestimmen zu können. Mit Barron und Co. konnte er nicht nur gemeinsam musizieren, sondern auch Standpunkte austauschen und überprüfen. »Wir haben viel gesprochen«, erzählt er. »Diese Aufnahme war nicht zuletzt auch eine gute Möglichkeit, sich überhaupt mal mit Musikern ihres Kalibers zu unterhalten. Es interessierte mich, woher sie musikalisch kamen. Obwohl wir in grundlegenden Dingen vielleicht unterschiedliche musikalische Philosophien vertreten mögen, stimmen wir doch in entscheidenden Werten und der Motivation, diese Musik zu spielen, überein. Ich konnte von ihrer unbezahlbaren Erfahrung, mit so vielen großen Jazzmusikern der Vergangenheit gespielt zu haben, profitieren und hoffe, diese Erfahrung künftig weitertragen zu können.«

Damit hat Jon Irabagon am Ende nicht nur sich selbst einen Gefallen getan. Denn so hoffnungsvoll die Bewegung auch stimmen mag, die an die letzten Jahre des 20. Jahrhunderts in New York denken lässt, so wenig ist sie doch bis jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen. Mit altvorderen Mainstream-Ikonen wie Kenny Barron zu spielen, könnte ihre Rezeption auch in der Breite erheblich vergrößern. Letztlich ist die unmittelbare Tuchfühlung mit den Aristokraten des Jazz eine Aufwertung für die ganze junge wilde New Yorker Szene. Irabagon setzt weniger auf Abgrenzung als auf Integration: »Ich versuche in meinem Spiel zu verinnerlichen, dass Anthony Braxton und Evan Parker bereits lange vor meiner Geburt wichtige Platten aufgenommen haben. Dasselbe trifft auf Stan Getz, Dizzy Gillespie und John Coltrane zu. Ich sehe mich selbst als einen Musiker, der all diese Dinge, die in der allgemeinen Bewertung als gegensätzlich gelten, zusammenführt.«

So ist dieses Debüt letztlich das komplette Gegenteil einer kommerziellen Andienung an den Mainstream. Jon Irabagon nennt die Platte nicht umsonst The Observer (dt.: der Beobachter), denn aus der Deckung der Avantgarde analysiert er die Funktionsweise der Jazztradition. Nicht nur er wird davon profitieren, sondern er leistet für uns alle einen wichtigen Beitrag, die jahrzehntealten Gräben zwischen den ideologischen Lagern des Jazz zuzuschütten.


Aktuelles Album:
Jon Irabagon: The Observer (Concord Records)