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Donnerstag, 17. Mai 2012

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Jonas Burgwinkel - Ohne Filter E-Mail
Von Tobias Richtsteigburgwinkel2.jpg

Andere Bands momentan sind die Florian Weber Group oder Manfred Bründl Silent Bass. Dann Frank Wingolds Clairvoyance, das Frank Delle Trio, das Sebastian Gille Quartett. Im Antonio Farao Trio hab ich auch eine Zeit lang gespielt, und im Florian Ross Trio.« Aber nicht die Masse macht’s für Burgwinkel; er ist froh, sich die Projekte aussuchen zu können, an denen er mitwirkt: »Ich bin immer weniger daran interessiert, für einen Job angerufen zu werden, weil man halt ganz gut Schlagzeug spielt. Potenzial haben Projekte, wenn tatsächlich auch mein musikalischer Input gefragt ist. Ich lege auch Wert drauf, dass man sich auch abseits der Bühne gut versteht. Das sind eigentlich die Verbindungen, nach denen ich suche.«

Es spricht durchaus für die Qualität des Jazz unserer Tage, dass Jonas Burgwinkel eine ganze Reihe solcher Projekte auf der Haben-Seite auflisten kann. Die Kehrseite davon ist, dass seine Mitarbeit an einer Vielzahl von Projekten in den vergangenen Jahren verhinderte, dass seine Beiträge von einem breiteren Publikum auch wahrgenommen wurden: »Ganz viele von meinen Ideen fließen in Projekte, auf denen nicht unbedingt mein Name steht. Man weiß halt als Bandmitglied, dass Energie und Kreativität innen gleich verteilt sind, aber es muss halt einen Namen haben.«

Waches Ohr
Lange hat es gedauert, bis der Name, der draußen draufsteht, nun zum ersten Mal Burgwinkels eigener ist. Source Direct heißt sein lange erwartetes Leader-Debüt, das ihn weniger als Schlagzeuger als vielmehr als Komponisten und Bandleader - kurz: als Musiker mit wachem Ohr – bekannt machen soll. Burgwinkel, sinnfällig: »Das meiste beim Musikmachen läuft für mich eigentlich über das Gehör. Das Gehör - das, was man wahrnimmt und interpretiert - ist eigentlich das wichtigste Instrument, die wichtigste Technik, die man als Allererstes beherrschen sollte. Musik heißt ja nicht unbedingt: Akkorde spielen. Gerade weil man als Schlagzeuger ja keine Akkorde auf den Notenblättern hat, muss man das Ohr besonders ausbilden. An Ende entscheidet das, ob man seine Mitmusiker wahrnimmt und was sie gerade wollen: Aha, er will grade da und da hingehen, er will jetzt aufbrechen oder jetzt so ein richtiges Abgeh-Solo spielen. Eben Tendenzen erfühlen. Und gleichzeitig muss man ein Gespür für das haben, was das Set braucht: Wo waren wir schon, wo müssen wir noch hin? Was verträgt das Stück? Wie lang ist die Form noch? Sollte ich wirklich jetzt im B-Teil das und das machen? Das ist viel musikalische Erfahrung. Um Improvisation wirklich zu organisieren und zu strukturieren, braucht man eine kompositorische oder Arrangement-Idee, die ständig mitläuft.«

Source Direct – der Titel steht aber auch für die Unmittelbarkeit von Burgwinkels Musik. Komponieren und Arrangieren ist für den Praktiker keine Grübelei am Grünen Tisch: »Oft, wenn ich allein Schlagzeug spiele, kommen mir Songideen. Dann fängt die Arbeit an, das, was eben noch im Kopf war, am Klavier möglichst schnell zu fixieren, bevor es wieder weg ist. Wie man morgens einen Traum aufschreibt, bevor er wieder verfliegt.« Als Burgwinkel vom Deutschlandradio das Angebot bekam, ein Projekt unter eigenem Namen im Kölner Funkhaus aufzunehmen, war sein erster Gedanke: »Wenn ich das nicht jetzt mache, wann dann?« Der zweite Gedanke galt dem Tracklisting: »Da hab ich mir die einfach Frage gestellt: Was ist eigentlich über die letzten Jahre hängen geblieben? Es ist ja ähnlich, wie wenn man 50 Filme gesehen hat - davon kann man sich vielleicht noch an 20 erinnern und weiß davon noch vielleicht fünf Szenen. Teilweise sind Stücke dabei, die ich vor 15 Jahren gespielt habe und seitdem nicht mehr, aber die irgendwie im System hängen geblieben sind. Da dachte ich: Die packst du jetzt aus und machst ’ne zeitgemäße Version davon. Ich kann es gar nicht genau sagen, aber es muss einen Grund haben, dass diese Stücke noch so präsent sind. Deshalb hab ich mich für sie entschieden. Neben den Eigenkompositionen, natürlich.«

Ein gutes Beispiel ist »Don’t Explain«, diese doppelbödige Billie-Holiday-Ballade: »Die hab ich mit 17 - damals hab ich schon studiert - mit einer fantastischen Sängerin zusammen gespielt. Das Stück ging mir monatelang nicht aus dem Kopf. Ich finde es immer noch eine wunderschöne Ballade, und ich hab mir überlegt, sie jetzt ganz anders zu machen - und ohne Gesang.« Die Lösung war kein großformatiges Arrangement, sondern eher eine Richtungsentscheidung: »Wenn ein paar Bausteine stehen im Kopf, dann sprichst du die richtigen Leute an, von denen du weißt, die werden das quasi nach deinem Geschmack machen - ich will die Leute ja auch spielen lassen. Aber den Grundsound, wie der Charakter des Stücks sein soll und dass es im B-Teil so ungefähr sein soll, das höre ich in meinem inneren Ohr und versuche, es den Leuten mitzuteilen.«

Quasi integriert
Diese Leute, die er um sich versammelt hatte, sind nicht nur einige der profiliertesten Stimmen derzeit, sondern auch Kollegen und Freunde, wie Bassist Robert Landfermann und Pablo Held als Pianist. »Ich hatte zwar die Arrangements und so weiter«, erzählt Jonas Burgwinkel, »aber das Trio ist quasi integriert, um dieses Spielgefühl zu haben. Die Spielweise haben wir uns ja gemeinsam erarbeitet.« Dazu hat Burgwinkel ein Bläserduo eingeladen: »Den Sound von Tenor und Trompete zusammen mag ich generell und im Besonderen diese beiden Kollegen. Niels Klein ist einer meiner Lieblingssaxofonisten und ein guter Freund, und Caus Stötter ist ein fantastischer Trompeter. Wir haben vorher schon zusammengespielt, aber eher sporadisch.« Als zweiter Tenorist kommt noch Julian Argüelles dazu, Tobias Hoffmann ergänzt ausgewählte Arrangements mit seiner überraschenden Gitarre. »Von dem wusste ich genau, was er beisteuern würde«, freut sich Burgwinkel, der neben Hoffmann, Klein, Held und Landfermann auch zu den sieben Gründungsmitgliedern des Kölner Klaeng-Kollektivs gehört: »Was auf keinen Fall ein geschlossener Kreis sein soll. Wir haben nur bei anderen, größeren Kollektiven gesehen, dass die daran gescheitert sind, dass es zu viele unterschiedliche Meinungen gab.« Dass die Idee überfällig war, der Kölner Szene mit einem Musikerkollektiv zu etwas Gesicht zu verhelfen, lässt sich daran ablesen, dass Klaeng auch in der 2. Bundeswerkstatt Jazz mit einem Delegierten vertreten ist. Die fünf übrigen Teilnehmer der Workshop-Band werden immerhin von Enjoy Jazz, dem Hamburger Überjazz-Festival oder den internationalen Jazztagen Dortmund ins Rennen geschickt. Bei all diesen Festivals wird die Band von Jonas Burgwinkel auftreten und Source Direct direkt erlebbar machen.


Aktuelle CD:
Jonas Burgwinkel: Source Direct (Traumton / Indigo)

Website:
www.jonasburgwinkel.com