|
|
Home Archiv Joshua Redman - Meister der kleinen Form |
|
Joshua Redman - Meister der kleinen Form |
|
Von Franz X.A. Zipperer
Bild: Michael Wilson

Aber Redman wäre nicht Redman, hätte er sich bei der Produktion seiner neuen CD nicht gleichzeitig ganz neuen Herausforderungen gestellt. Ein eigenes Trio reichte ihm dieses Mal nicht, es brauchte deren zwei. Er hat dem guten alten Stereoeffekt zu neuen Ehren verholfen und sich einen ganz engen Zeitrahmen gesteckt: Lediglich drei Tage sollten die Aufnahmesessions im New Yorker Avatar-Studio dauern. Was sich so klar durchdacht und gut geplant anhört, war es in Wirklichkeit überhaupt nicht. »Oft genug in meiner Arbeit hatte ich viel zu klare Pläne. Deshalb habe ich mich diesmal für die Umarmung des Unbekannten entschieden«, erklärt ein aufgeräumter Joshua Redman mit einem süffisanten Lächeln. »Zu ausgefeilte Pläne können auch in einer Beschneidung der eigenen Möglichkeiten enden. Oder in einer Aufgabe der Kreativität.« Die Freiheit, die er sich nahm, hat sich mehr als ausgezahlt.
Die Kraft der zwei Trios
Die Grundlagen dieser Freiheit wurden auf der Tournee zu Back East gelegt, nicht permanent mit der gleichen Trio-Besetzung gespielt, sondern variiert, gewechselt, getauscht: »Ab einem gewissen Punkt wurde es interessant und interessanter. Da keimte in mir die Idee auf, zwei meiner bevorzugten Bassisten und Drummer zu nehmen und jeden Bassisten mit jedem Drummer in jeder möglichen Kombination spielen zu lassen.« Offenbar lief das Ganze auf ein unkalkulierbares Abenteuer hinaus, bis der mutmaßliche gesunde Menschenverstand Redman wieder davon abbringt. Zunächst! Die Idee aber ist schlichtweg zu ungewöhnlich und mit einem genialischen Hauch ausgestattet, als dass sie sich einfach so vergessen ließe. Warum es nicht einfach mal versuchen? Erste Gespräche führt Joshua Redman mit dem Toningenieur und späteren Co-Produzenten James Farber, der es für machbar hält, eher für eine Raumfrage. Schließlich benennt Joshua Redman die Akteure: Larry Grenadier und Reuben Rogers an den Bässen sowie Brian Blade und Gregory Hutchinson an den Schlagzeugen. Das Experiment kann beginnen.
Klangraum
Schnell wird Joshua Redman klar, was James Farber mit der Raumfrage meinte: »Das war nämlich nicht nur die Frage der Wahl des richtigen Aufnahmeraums. Es war viel mehr die Frage der Aufstellung der Musiker im Raum.« »Identity Thief« ist das eindrucksvolle Dokument des ersten Versuchs im Raumklang-Labor. Dabei sitzt ein Drummer ganz rechts, der andere ganz links. Die Bassisten spielen aus der Tiefe der Mitte. Und Joshua Redmans Saxofon steht vor allen und befeuert das Spiel mit seinen leichtfüßigen Tonfolgen. Wer sich auf die Möglichkeiten seiner Stereoanlage besinnt, kann sich das Stellungsspiel wunderbar vor Ohren führen. Da unterstützt Grenadiers Bass das Saxofon links vom Zentrum her, während Hutchinson auf der rechten Seite die Balance hält, bis Blade auf der linken Seite echoartig antwortet. »Diese Definition und Inbesitznahme des Raumes musste bei der Aufnahme eingefangen werden, um als transparente klangliche Landschaft hörbar zu werden. Und ich finde, dass es uns gelungen ist«, konstatiert Redman. Im Umkehrschluss kann gesagt werden, dass die erzielte melodische Klarheit diese Sitzordnung gerade erzwungen hat.
Gegenseitiges Ohr
Mindestens genauso wichtig wie die klangliche Ausgestaltung des Raumes ist das gegenseitige Zuhören. »Wenn der Klang eine solche Transparenz hat, dann ist das Gefühl füreinander umso intensiver und damit umso wichtiger. Das haben wir zunächst durch gemeinsames Nichtspielen erreicht. Ein besseres Gespür für den zu bespielenden Raum und ein aufmerksameres gegenseitiges Ohr ist anders nicht zu bekommen«, versichert Joshua Redman mit Nachdruck. Dieses Erforschen, diese Suche führte zu einer gewissen Unruhe – nicht Unsicherheit - im Spielen. Das Eingangsstück »Uncharted« legt davon Zeugnis ab: »Jede Harmonie, die so entstand, war das Ergebnis eines Zufalls. Nichts war notiert. Jeder dieser magischen Momente des Unvorhersehbaren entspringt daraus, dass wir unseren Weg fanden, während und weil wir mit dem nötigen Respekt aufeinander hörten.« Aus diesem Erklärungszusammenhang erschließt sich auch, dass, obwohl Joshua Redman den überwiegenden Teil der kompositorischen Aufgaben übernahm, alle anderen Musiker ebenfalls hörbar Ideen und Entwürfe einbrachten. Erleichtert wird diese große Herausforderung sicherlich dadurch, dass sich die beteiligten Musiker über Jahre kennen und schon ohrengeschärft in dieses Abenteuer gehen konnten. Hier geschah letztendlich nichts voraussetzungslos.
Ausflug in die Klassik
Dass Redman sich auch der Popmusik nie verschlossen hat und Stücke von Prince, den Beatles und Eric Clapton in seinem Repertoire immer einem Stellenwert haben, ist bekannt. Als großer Klassik-Narr war er eher nicht verschrien. So überrascht es, auf Compass eine Interpretation von Beethovens »Mondscheinsonate« (»Moonlight«) zu finden. »Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie es zu dieser Bearbeitung kam. Jedenfalls war es das letzte Stück, das ich für die Aufnahmesession vorbereitete«, erinnert sich Joshua Redman, »und ich habe bei ›Moonlight‹ sofort an die Möglichkeit zweier Bässe und nicht zweier Schlagzeuge gedacht. Ich hatte beim Bearbeiten auch nicht wirklich eine Vorstellung, ob das überhaupt funktionieren könnte. Aber es klappte wunderbar. Gleich beim ersten Mal.« Es ist schon erstaunlich, wie Redman so Beethovens Anziehungskraft, Schönheit und Emotion in den Jazzkontext überführt.
Orientierung
Überaus interessant und hintergründig erscheint auch die Titelgebung des Albums, Compass. Ein Gerät zur Bestimmung der Richtung, ist es gleichzeitig eine etymologische Methapher für »erreichen« oder »erlangen«. Besser könnte der Spannungsbogen der Arbeit an der neuen Redman-CD nicht beschrieben werden. »Wir haben ein Klangterritorium betreten, in dem sich keiner wirklich auskannte. Die einzuschlagende Richtung war unbekannt. Auf dieser Expedition wurde Orientierung gesucht, weil sie gebraucht wurde«, hebt Joshua Redman zum abschließenden Statement an. »Der Kompass, den wir dazu brauchten, lag nicht irgendwo, wo wir ihn nur hätten aufheben müssen. Nein. Wir mussten ihn praktisch selbst entwickeln und bauen.«
Noch etwas anderes, eine zusätzliche und ganz persönliche Bedeutungsebene macht die Tiefe der Musik auf Compass aus. »Als ich mir Gedanken zu diesem Projekt machte, war ich in einer Phase der Orientierung, einer Phase von Verwirrung, Frustration und Angst, so diffus das auch immer gewesen sein mag«, erzählt Redman. »Aber es war da. So ist es sicherlich kein Zufall, was und wie ich für diese CD geschrieben habe. Und sicherlich ist es auch kein Zufall, welchen Weg die Stücke dann bis zur fertigen Produktion genommen haben. Die Stücke selbst wurden für mich zum Kompass. Heute fühle ich in mir sehr viel mehr Bodenhaftung als vor der Arbeit an der Platte.«
Besonderheit der kleinen Form
Wenn jemand wie Joshua Redman sich nach einer Platte wie Back East ein zweites Mal aufwändig der kleinen Form widmet, dann muss es auch eine bestimmende Bedeutung für sein künstlerisches Schaffen haben. »Die kleine Form ist zunächst eine unglaubliche künstlerische Freiheit«, konstatiert er: »Je kleiner die Formation, umso kleiner die Auswahl der Noten, die zur gleichen Zeit gespielt werden können. Und umso größer wird ihre Bedeutung. Hinzu kommt der Zeitfaktor. In kleinen Formationen kann viel schneller, viel intensiver ausgetauscht und improvisiert werden. Damit steigen aber auch die Verantwortung und die Anforderung für bzw. an die einzelnen Musiker. In melodischer und in harmonischer Hinsicht.«
Aktuelle CD:
Joshua Redman: Compass (Nonesuch / Warner)
|
|
|
|