jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Mittwoch, 8. September 2010

Home
Abo
 
Termine
Probeheft
Linksammlung
Mediadaten
Impressum
Kontakt
 
Archiv
Onlineshop
Home arrow Archiv arrow Kneebody - New York Is Now!
Kneebody - New York Is Now! E-Mail
Von Wolf KampmannKneebody - New York Is Now!
Bild von Mel Haynes

Aufmerksamen Hörern sind Kneebody schon von Theo Bleckmanns Charles-Ives-Projekt bekannt. Wenn sie jetzt unter dem Titel You Can Have Your Moment ein Album unter eigener Regie veröffentlichen, blicken sie bereits auf eine lange Geschichte zurück, die sich der europäischen Wahrnehmung weitgehend entzog.

Vokabular und Grammatik

Adam Benjamin (p), Shane Endsley (tp), Kaveh Rastegar (b), Ben Wendel (sax) und Nate Wood (dr) bilden eine symbiotische Gemeinschaft, in der das einzelne Instrument nur im Kontext der Band Sinn macht. Man könnte das Quintett auch als hoch energetisches Kammerensemble bezeichnen. Für seinen speziellen Zugang zu jazzkompatiblen musikalischen Kontexten gibt es noch keine griffige Bezeichnung. Um noch zur Postmoderne gezählt zu werden, ist ihre Handschrift zu signifikant. Da braut sich eher etwas Neues zusammen.

Die Geschichte der Band begann ganz beiläufig. Benjamin erinnert sich: »Anfangs wussten wir nicht wirklich, was wir da taten. Wir waren noch sehr jung und studierten gemeinsam in Rochester/New York, einem intensiven, wenn auch abgeschotteten Ort. Schon mit 18 spielten wir in Studentengruppen und begannen eine Musik zu entwickeln, die sich sowohl auf unsere eigenen Vorlieben begründete als auch auf die Musik unserer Lehrer wie Ralph Alessi oder Michael Cain. Nach ein paar Jahren siedelten wir nach L.A. um, wo wir unseren Drummer Nate trafen. Die Ästhetik der Band wuchs durch die Musik, die wir in Los Angeles kennen lernten. Wir haben aber niemals eine konkrete Entscheidung über Stil, Ästhetik oder Einflüsse getroffen. Alles wuchs organisch, indem wir miteinander spielten. Wir haben immer alle Musik auswendig gespielt, verinnerlicht und sind so als Band zusammengewachsen.«

Dieses Bandgefühl haben Kneebody anderen Formationen voraus. Die Gruppe ist keine zufällige Schnittmenge von fünf Solisten, die sporadisch gemeinsam arbeiten, sondern das Hauptprojekt aller Beteiligten. Alle anderen Aktivitäten, z.B. Benjamins Mitarbeit bei Dave Douglas’ Keystones, ordnen sich dem unter. Die gemeinsame Sprache bestimmt das Idiom der einzelnen Mitglieder. »Das macht es auch insofern einfacher«, so Benjamin, »als nicht immer alle zugegen sein müssen. Kneebody funktioniert zur Not auch zu dritt oder viert. Aber wir könnten niemals mit einem anderen Drummer spielen. Denn der müsste ja die komplette Musik kennen. Unsere interne musikalische Sprache ist spezifisch für uns.«

Nun bedarf eine jede Sprache eines Vokabulars und einer Grammatik, um kommunizieren zu können. Sie muss geordnet sein und auf festgelegte Codes zurückgreifen. Wenn man mit so vielen Elementen in der Kunst umgeht wie Kneebody, besteht immer eine gewisse Gefahr, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einzulassen. Und dann wird selbst das komplexeste semantische System trivial. Kneebody sind sich dessen bewusst.

»Wir wissen genau, worauf Fusion hinauslaufen kann«, sagt Benjamin. »Zwar kommen unterschiedliche Dinge zusammen, aber es fehlt manchmal an gemeinsamen Referenzpunkten, um die Musik im Detail interessant zu machen. Wenn wir in einem besonderen Stil oder vor einer bestimmten Tradition spielen, wollen wir das jeweilige Idiom verstehen, um es mit Tiefgang zu benutzen und ihm zugleich unseren Stempel aufzudrücken. Das ist die Gemeinsamkeit all der vermeintlichen Gegensätze.«

Intellekt und Power

Bei aller Komplexität bleiben Kneebody erstaunlich beweglich. Die spontane Präzision der Band ist verblüffend, die kollektive Intuition allumfassend. Nichts ist zufällig und doch nicht alles geplant. So ist auch das Album eher Produkt einer Reise als die Umsetzung eines exakten Entwurfs. »Vor den Aufnahmen waren wir anderthalb Jahre auf Tour, so dass die Musik sich aus diesen Erfahrungen kristallisieren konnte«, beschreibt Ben Wendel. »Es gab keine grundlegende Idee, es war einfach die natürliche Entwicklung der Band über einen bestimmten Zeitraum.«

Das heißt jedoch nicht, dass es nicht Verabredungen unter den Musikern geben würde, die den kreativen Prozess erst ermöglichen und unter Kontrolle halten. Kneebody ist eine äußerst disziplinierte Band, die sich streng an einen unausgesprochenen Kanon von Signalen und Zeichen hält. Kaveh Rastegar betont: »Wir versuchen, Songs von allen Komponisten zu berücksichtigen, denn jeder von uns hat eine unverwechselbare Stimme in der Band. Wir teilen das Bedürfnis nach einem weiten Spektrum. Die Unterschiede bestehen nicht zwischen unseren Funktionen, sondern zwischen schnell und langsam, Energie und Entspannung etc.«

Einer der faszinierendsten Aspekte bei Kneebody ist die besondere Balance von Intellekt und Power. Die Band kann zwischen unterschiedlichen Energie-Levels hin- und herschalten, ohne je die Kontrolle zu verlieren. Ihre Aggressivität schlägt niemals in Brutalität um; gerade die intensivsten Passagen zeigen auch Verwundbarkeit. »Wir haben uns diese Balance niemals bewusst ins Programm geschrieben«, meint Rastegar, »aber sicher bringt jeder von uns seine intellektuelle Vision ein. Der Rahmen unserer Musik ist aber oft sehr kraftvoll, so dass die Kompositionen in unserem gemeinsamen Kontext eine neue Wertigkeit erhalten.«

»Es ist uns wichtig, eine Beziehung zu den Themen herzustellen, welche die Menschen unserer Zeit bewegen«, fährt Shane Endsley fort. »Wenn man so intensiv zusammenarbeitet wie wir, kommt leicht die Gefahr auf, nur noch auf sich selbst konzentriert zu sein und die Verbindung nach außen zu verlieren. Persönlich frage ich mich oft, ob eine Idee noch über unseren insularen intellektuellen Anspruch hinaus einen allgemeinen Zugang hat, den andere teilen können.« Im Lauf der Jahre habe man derart viele Floskeln und Insider-Jokes kultiviert, spinnt Rastegar den Faden weiter, dass man völlig das Gefühl verliere, ob diese Interna auch extern verstanden werden: »Sprache soll ja nicht nur zwischen uns, sondern auch zwischen Band und Hörer vermitteln. Es ist uns wichtig, dass die Hörer aus unseren Konzerten etwas mitnehmen. Also müssen wir immer wieder aufs Neue die Verbindung zum Publikum aufbauen – auch auf CD.«

In dieser Hinsicht kann Adam Benjamin von der positiven Erfahrung berichten, nach Auftritten oft von Besuchern gerade auf die enge persönliche Beziehung der fünf Musiker angesprochen zu werden: »Unsere innige Freundschaft macht die Band besonders. Diese Beziehung dauert jetzt schon länger als irgendeine andere musikalische Beziehung in meinem Leben. Wir hören aufeinander, vertrauen uns gegenseitig und haben niemals diese Momente, in denen einer versucht, einen anderen auszustechen. Alle suchen stets das Ganze, selbst bei aggressiven oder kraftvollen Parts.«

Bei aller Harmonie wäre es töricht, anzunehmen, bei Kneebody gäbe es nicht auch Differenzen. Ohne Differenzen ist ein kreativer Prozess im Team gar nicht denkbar. Dazu gehört auch der Umgang mit äußeren Einflüssen. Gerade weil alle fünf Musiker in zahlreiche andere Projekte involviert sind - Benjamin und Wendel haben schon Alben unter eigenem Namen produziert -, gilt es, Mechanismen zu finden, um auswärtige Aspekte außen zu lassen, um das Gepäck nicht aufzublähen.

»Wenn wir zusammenkommen, haben wir immer unser gemeinsames Ding mit Kneebody im Kopf«, erklärt Endsley. »Es gibt kaum Situationen, in denen wir Sachen von außen hereinschleppen und ausprobieren würden. Wenn jemand von uns etwas auf Tour oder sonst wo verinnerlicht hat, wird er es ohnehin in die Band tragen.«

Keiner der fünf Musiker ist auf sein Hauptinstrument beschränkt, alle komponieren, und es liegt nahe, dass es trotz des gemeinsamen Versprechens auch den einen oder anderen Ausbruch aus dem unmittelbaren hermetischen Kneebody-Ansatz gab. »Wir hatten mal die Idee, dass wir alle singen könnten«, rekapituliert Rastegar. »Aber unsere limitierte Instrumentierung kostet uns auch unendliche Kraft. Alle Versuche eines neuen Überbaus scheitern letztlich an den Parametern, die die Musik selbst setzt.«

Zwei und Vier

Jazz und New York, so scheint es, sind untrennbar miteinander verbunden. Alle anderen amerikanischen Metropolen bilden einen Gürtel von Trabanten um den Fixstern am Hudson River. Alle Jahrzehnte erhält der Mythos um den New Yorker Jazz neues Futter, so auch jetzt. Kneebody gehören dazu, doch profitieren sie auch davon, ein zweites Standbein an der Westküste zu haben. Rastegar und Wood sitzen nach wie vor in Los Angeles. Laut Endsley ist in Kalifornien vor allem der Druck geringer:

»In New York kann dich die dichte Präsenz der Musiker überwältigen. Man wird viel schnell durch äußeren Druck in eine bestimmte Richtung gepresst, während man in Los Angeles wesentlich mehr Raum und Muße hat, sich in seine eigene Welt hineinzuarbeiten. Musikalisch waren wir hier niemals irgendwelchem äußeren Druck ausgesetzt. Wir hatten einen regelmäßigen Gig in einem Club und konnten ganz allmählich unseren Sound entwickeln, ohne je die Frage nach einer Richtung beantworten zu müssen. So läuft das nur an der West Coast. Als wir begannen, spielten einige von uns in einer Gruppe namens The Rhythm Room Allstars. Das war eine Dance Band, deren Augenmerk hauptsächlich auf Rhythmus und Groove lag. Für Jazzmusiker ist so was oft nur eine zusätzliche Sache, die Zwei und Vier zu spielen, aber es geht nur selten wirklich tief. Wir spielten da mit Leuten, die eben nicht aus der Jazzwelt kamen. Es war für uns sehr wertvoll, uns aus dieser Perspektive dem Groove zu nähern.«

Benjamin: »Wir spielten damals Musik, die sehr kurz und präzise war und nicht viel Wert auf Improvisation legte. Sie hatte die Energie von improvisierter Musik, ohne improvisiert zu sein. Zum Teil lag das an der Energie von Los Angeles. Dort gibt es so viele großartige Rock- und Pop-Künstler, aber längst nicht so viele große Improvisatoren wie in New York.«

Kneebody sind nicht die einzigen, die zurzeit an beiden Küsten aktiv sind. Auch Ben Goldberg, Charlie Hunter, Carla Kihlstedt oder Nels Cline, um nur einige zu nennen, pendeln. Nie zuvor haben sich der Osten und Westen der USA im progressiven Jazz so intensiv befruchtet wie in den letzten fünf Jahren. Die jungen Musiker von Kneebody stehen trotz ihrer immensen gemeinsamen Erfahrung noch am Anfang. Unbeirrt, könnte ihr Einfluss aufs kommende Jahrzehnt ähnlich sein wie der von Naked City auf die Neunziger.


Aktuelles Album:
Kneebody: You Can Have Your Moment (Winter / edelkultur)