jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Anzeige

Samstag, 4. Februar 2012

Home
Abo
 
Termine
Probeheft
Linksammlung
Mediadaten
Impressum
Kontakt
 
Archiv
Onlineshop
Home arrow Archiv arrow Michael Riessler - Mitbringparty
Michael Riessler - Mitbringparty E-Mail
Von Rolf Thomas
Bild: Jörg Becker
Michael Riessler - Mitbringparty
Den Akkordeonisten Jean-Louis Matinier hat Riessler vor zwanzig Jahren im Orchestre National de Jazz in Frankreich kennen gelernt, seitdem sind die beiden Musiker befreundet. Auf Howard Levy traf er vier Jahre später.

»Wir sind uns immer wieder in verschiedenen Formationen begegnet«, erzählt Michael Riessler. »Als wir im Sextett mit Renaud Garcia-Fons unterwegs waren, haben wir ab und zu zwei Trios daraus gebildet. Und obwohl das jetzt zwölf oder dreizehn Jahre her ist, wollten wir immer daran anknüpfen.«

Jean-Louis Matinier ist bei uns vor allem als musikalischer Partner von Renaud Garcia-Fons, Louis Sclavis oder Gianluigi Trovesi bekannt. Er hat aber auch lange Juliette Gréco begleitet, mit Anouar Brahem gespielt und ein eigenes Album, Confluences, herausgebracht. Howard Levy stammt aus den USA und hat seine Mundharmonika schon bei so unterschiedlichen Künstlern wie Paul Simon, Bobby McFerrin, Dolly Parton, Rabih Abou-Khalil, Bela Fleck und Holly Cole zu Gehör gebracht.

»Der Titel Silver & Black kommt ja nicht von ungefähr«, meint Michael Riessler. »Die Instrumente sind schwarz und silber, und alle drei sind Blasinstrumente. Man kann sogar sagen, dass der Tonumfang der linken Hand des Akkordeons ungefähr dem der Bassklarinette entspricht und die rechte Hand des Akkordeons dem Register der Mundharmonika. Und genau das wollten wir eigentlich auch erreichen: Unsere Musik soll wie EIN Instrument klingen.« Was Riessler, Levy und Matinier dabei geschaffen haben, ist Musik, die sich bewegt zwischen Jazz, einer klassischen Virtuosität und dem schwebenden Amalgam dessen, was man einmal »imaginäre Folklore« genannt hat.

Die Kompositionen stammen zu gleichen Teilen von den drei Musikern. Das reicht von einer kleinen Spielerei wie »She Said It Was Decaf« von Levy über Riesslers straffes »Vela« bis zum ausufernden romantischen »Seven Steppes« von Jean-Louis Matinier. Riessler: »Die Bandbreite der Kompositionen reicht von ausnotiert bis völlig frei - und meistens ist das, was sich spontan anhört, komponiert und das, was sich sorgfältig komponiert klingt, komplett improvisiert. Für den Hörer ist das auch völlig unwichtig.«

Komposition ist allerdings ein Begriff, der Michael Riessler fast zu gewaltig ist für das, was er auf Silver & Black mit seinen Freunden getan hat: »Bei uns ist schon längst eine gemeinsame Grammatik entstanden, weil wir uns so lange kennen. Wir sind ja nicht ins Studio gegangen, haben uns gegenseitig unsere Stücke vorgezeigt und dann gemeinsam etwas eingespielt. Nein, wir haben erst einmal 20, 25 Konzerte gegeben und wollten dann auch eine solche Momentaufnahme aufzeichnen.«

Entstanden ist die Aufnahme am 14. und 15. Dezember letzten Jahres im Stadthaus Ulm, und das Flirrende, Leichte, das das Trio auszeichnet - Levy ist auch an Klavier und Maultrommel zu hören -, wurde perfekt eingefangen. »Wir haben etwas gemacht, das ich schon lange nicht mehr gemacht habe, weil meine letzten Arbeiten ja immer sehr sorgfältig komponiert und vorbereitet waren«, erzählt Riessler. »Jeder hat Material mitgebracht, aus dem man etwas machen konnte. Es war eigentlich wie ein Fest: Jeder bringt was zu essen und zu trinken mit und kann sich auch bei den anderen bedienen - oder eben nicht. Das Material ist eine Art Angebot, erst durch unser Zusammentreffen entsteht daraus Musik.«

Eines der auffälligsten Stücke ist das seltsam rauschende und fließende »Louisana«, bei dem ein Einfluss der amerikanischen Südstaaten auf den Komponisten Riessler unüberhörbar scheint: »Ich bin ja Composer in Residence im Louisiana-Museum in Kopenhagen [ein Museum für moderne Kunst, das die Bereiche Kunst, Architektur und Landschaft konzeptionell verbinden will], und da ist das Stück auch entstanden. Dass ich mit dem Songtitel viele Hörer auf eine falsche Fährte locke, war mir natürlich bewusst. Ich spiele bestimmte Patterns, die sich anhören, als ob ich mit zwei Instrumenten spiele, eine suggerierte Polyphonie also, die ich mit Zirkularatmung erzeuge. Daraus soll mal ein langes Solo-Stück werden - und dann tatsächlich ohne Pause.«

Als Musiker, der in Klassik- wie Jazz-Zusammenhängen gleichermaßen zu Hause und zu hören ist, bedauert Michael Riessler, dass sich Klassik- und Jazzpublikum altersmäßig stark annähern: »Das Klassikpublikum ist sehr alt, was ich etwas schade finde, aber das Jazzpublikum steht dem kaum noch nach. ›Wilde‹ Spieltechniken provozieren allerdings auch in der Klassik kaum noch, es gibt vielleicht noch ein mildes Erstaunen. Da sollte man eher zwischen Abonnenten- und Festivalpublikum unterscheiden. Es gibt aber immer neugierige Leute im Publikum und solche, die Musik vor allem als ein gesellschaftliches Ereignis begreifen.«

Die federleichte Musizierweise, die Silver & Black zum Ereignis macht, integriert Aufregendes und durchaus auch Erdenschweres mit unaufdringlicher Behändigkeit. Riessler, Levy und Matinier ist etwas gelungen, was es nur selten gibt: mithilfe einer neuen Form eine Musik zu entwickeln, die so selbstverständlich klingt, als wäre sie ein Genre für sich.


Aktuelles Album:
Michael Riessler, Howard Levy, Jean-Louis Matinier: Silver & Black (Enja / edelkultur)