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Samstag, 4. Februar 2012

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Miguel Zenón - Roots & Recherche E-Mail
Von Tobias RichtsteigMiguel Zenón - Roots & Recherche
Bild: Keith Sirchio

Dort, im Brutkasten des US-amerikanischen Jazz, wechselte Zenón selbst zum Jazz und erwies sich u.a. im Eiter/Orchestra schnell als Talent. Als Branford Marsalis 2002 das Debüt des jungen Musikers, Looking Forward, als eine der ersten Platten ins Programm des neu gegründeten Labels Marsalis Music nahm, war Zenón bereits als Sideman bei Charlie Hadens Liberation Music Orchestra, in der David Murray Big Band und nicht zuletzt bei David Sanchez bekannt geworden. Eindruck als Komponist macht er seit 2003 als Mitglied im SF Jazz Collective, das Joshua Redman als künstlerischer Leiter des Festivalprogramms in San Francisco ins Leben gerufen hatte. 2005 erschien sein drittes Album Jibaro, das die Musik der Landbevölkerung Puerto Ricos in die Klangsprache eines Jazzquartetts übersetzte.

Immer wieder wird Zenón mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, 2008 erhielt er den so genannten »MacArthur« und den »Guggenheim Fellowship« gleichzeitig – ein glückliches Zusammentreffen zweier Arbeitsstipendien, das noch keinem Künstler vorher zuteilgeworden war. Miguel Zenón, der mit seinem strengen Bärtchen und dem stets glatt rasierten Schädel ein Musterbild des zielstrebigen Machers abgibt, der sein überschäumendes Temperament in sinnvolle Bahnen lenkt, investierte das Geld in eine eingehende Recherche der Musik Puerto Ricos.

Folklore

Mehrere Titel seines neuen Albums Esta Plena widmet er den Vierteln und Straßen von San Juan, in denen er aufwuchs und die Energie des Plena, einer speziellen Spielart puertoricanischer Volksmusik, tagtäglich aufsog. Jetzt tourt der Saxofonist mit seiner Band, erweitert um die traditionellen Panderos (Handtrommeln) des Plena um die Welt und macht Werbung für puertoricanische Kultur. Als Folklore im abschätzigen Sinne kann man seine Musik nicht abtun, ebenso wenig als am Reißbrett geplanten Crossover. Esta Plena heißt »Es ist Plena«, und gleichzeitig ist es moderner Jazz von einigen der kompetentesten Jazzmusiker: In Zenóns Quartett sitzt Louis Perdomo am Klavier, Henry Cole am Schlagzeug, und Hans Glawischnig ist der Bassist.

Tobias Richtsteig: Die Informationen zu Ihrem neuen Album bieten Sie auf Ihrer Website auch in Spanisch an. Das ist ungewöhnlich für ein Jazzalbum aus New York.
Miguel Zenón: Naja, unser Plena-Projekt hat mit der Folklore Puerto Ricos zu tun. Das spricht ein Spanisch sprechendes Publikum mehr an als ein reines Jazzkonzert. Viele kommen einfach aus Neugier, was wir damit machen. Und andersherum haben einige der Songs spanische Texte, die wollte ich wiederum ins Englische übersetzt haben, damit alle Zuhörer den Kontext unserer Musik verstehen.
Tobias Richtsteig: Verstehe ich das richtig? Sie spielen authentischen Plena, den man gleichzeitig als Jazz hören kann?
Miguel Zenón: Wie wir spielen, improvisieren, das Quartett mit Klavier, Bass, Schlagzeug, Saxofon, das kommt aus einem Jazz-Kontext. Aber die Songs sind alle im Plena-Rhythmus geschrieben. Das ist das Herz der Songs. Manche werden auch gesungen, und dann geben wir noch Jazz obendrauf. Das sind ein Jazzquartett und drei Plena-Perkussionisten. Das ist beinahe wie zwei Bands, die zusammenspielen – aber mit demselben Ziel.
Tobias Richtsteig: Aber es geht nicht um ein musikethnologisches Forschungsprojekt.
Miguel Zenón: Plena ist ein musikalischer Zeitgenosse des Jazz. Beide entstanden um die vorletzte Jahrhundertwende herum. Und Plena entwickelte sich sehr schnell, wie der Jazz auch. Nur dass Plena viel einfacher ist. Da geht es immer um denselben Rhythmus. Das ist großartige Musik, aber was mich am meisten interessierte, war, wie der Plena wirklich die ganze Kultur Puerto Ricas durchdringt. Alle haben damit zu tun. Es gibt Plena bei Sportveranstaltungen, bei politischen Demonstrationen, auf Beerdigungen. Wo immer Leute zusammen singen, kommt Plena dabei heraus. Das hat mich an diesem Projekt fasziniert.
Tobias Richtsteig: Sie kommen aus Puerto Rico - haben Sie da selbst noch Plena gespielt?
Miguel Zenón: Ein bisschen, ja. Wie bei jedem Rhythmus muss man ein Meister sein, um ihn richtig zu spielen, auch wenn er leicht zu lernen ist. In Puerto Rico haben wir die so genannten »Barrandas«, das ist ein bisschen wie das weihnachtliche Sternsingen in den USA und Europa. Man zieht von Haus zu Haus und spielt, und die Leute geben einem Essen dafür. Normalerweise ist das Plena, und jeder spielt ein bisschen und singt. Das ist ganz natürlich.
Tobias Richtsteig: Sie haben Pandero gespielt?
Miguel Zenón: Ein bisschen, ich bin kein Pandero-Spieler, spiele nur ganz einfache Sachen. Tito ist ein Meister, einer der Besten. Ich musste ihn dabeihaben.

Jazz (und Anderes)

Tobias Richtsteig: Ist es nicht seltsam, dass Sie sich erst für die Musik Puerto Ricos interessieren, seit Sie in New York als Jazzmusiker bekannt sind? Vor vier Jahren gab es schon das Projekt mit der Jibaro-Musik [Volksmusik aus dem zentralen Gebirge Puerto Ricos].
Miguel Zenón: Oh, das begann schon viel früher, als ich anfing, eigene Musik zu schreiben. Als ich aus dem College kam, habe ich überlegt, was ich machen wollte, was ich anbieten könnte, das mit mir selbst zu tun hat. Ich hab mich immer für die Musik Puerto Ricos interessiert, ich hab sie ja erlebt. Aber ich wusste nichts über ihre Geschichte, kannte die Namen der einzelnen Elemente nicht – und der verschiedenen Stile. Ich kam zu dem Punkt, an dem ich herausfinden wollte, wo diese Musik herkommt. Und als ich dann das Jibaro-Projekt anfing, wurde das alles konkreter.
Tobias Richtsteig: Sind Sie nach Puerto Rico zurückgegangen, um zu forschen?
Miguel Zenón: Den größten Teil der Recherche hab ich da gemacht. Ich fuhr aufs Land und sprach mit alten Plena-Spielern und einer Menge Musikhistorikern. Ich kaufte eine Menge Bücher, hörte Platten und ging in die Läden, wo Plena gespielt wird, und versuchte zu verstehen, was da passiert.
Tobias Richtsteig: Hat man Sie da erkannt, als den Miguel, der jetzt in Amerika ein großer Saxofonist ist?
Miguel Zenón: (lacht) Ich glaube nicht. Ich denke, mit der Zeit können die Leute etwas mit mir verbinden. Das Interesse wächst langsam.
Tobias Richtsteig: Auf Esta Plena singen Sie »Que Será de Puerto Rico?« – das ist ein ziemlich politischer Song.
Miguel Zenón: Puerto Rico ist politisch in einer ziemlich einmaligen Situation. Es gehört im Grunde zu den Vereinigten Staaten. Obwohl wir eine eigene Regierung haben, unsere eigene Sprache und Traditionen – alles wird von den USA kontrolliert. Es gibt natürlich viel Streit darum. Viele meinen, Puerto Rico sollte ein richtiger Bundesstaat der USA sein, nicht assoziiertes Territorium. Andere finden, es sollte unabhängig sein. Und manche Leute sagen, es sollte bleiben, wie es ist. Plena ist traditionell die Musik des sozialen Protests. Er erzählt nicht nur davon, wie toll das Leben ist, wie schön die Frauen und wie prima der Plena. Mit dem Lied wollte ich diese Tradition aufgreifen. Das ist ziemlich einfach, viele Leute denken ähnlich. Ich wollte das einfach ansprechen und zum Teil unserer Platte machen.
Tobias Richtsteig: Kennt man eigentlich in New York die puertoricanische Musik? Soll die Platte den Plena bekannt machen?
Miguel Zenón: Natürlich will ich auch ein Bewusstsein für diese Musik schaffen. Gerade dem Jazzpublikum will ich die Musik vorstellen, die wir in Puerto Rico haben, und ihnen helfen zu erkennen, dass Lateinamerika eine Menge verschiedener Länder umfasst, mit vielen unterschiedlichen Kulturen. Grob gesagt, ist das ja alles afrikanische Musik, aber verschiedene afrikanische Stämme wurden an verschiedenen Stellen in Amerika verteilt. Nach Puerto Rico kamen andere Stämme als nach Kuba oder Brasilien. Und sie entwickelten sich auch anders in der jeweiligen Kultur. Was in Puerto Rico vor sich ging, passierte nicht in Kuba. Afrokubanische Musik hat ja auch mit spanischer Musik zu tun - und mit der Musik der amerikanischen Ureinwohner, auch, wenn es meist die gleichen Elemente sind. Der Mix ist ja in jedem Land anders, so entstanden viele Unterschiede. Die Musik in Puerto Rico zum Beispiel hat nichts mit Clave zu tun, diesem kubanischen Rhythmus, an dem man Latin Music oft zu erkennen glaubt. Der Jibaro in Puerto Rico hat weniger mit Rhythmus als mit spanischer, europäischer Musik zu tun. Ich wollte in dieser Vielfalt zuerst einmal die Musik meines eigenen Landes kennen lernen, bevor ich mich anderen Orten zuwende.

Klassik

Tobias Richtsteig: Bevor Sie sich für den Jazz interessierten, haben Sie Saxofon in einem klassischen Umfeld gelernt. Hilft Ihnen dieses Training heute?
Miguel Zenón: Definitiv, ja. Es ist der beste Weg, sich eine gute Grundlage auf dem Instrument zu verschaffen – technisch und auch, was den Klang angeht. Es gibt Elemente von Perfomance und Perfektion, die im Jazz nicht notwendigerweise vorkommen. Im Jazz geht es nicht darum, perfekt zu sein – in der Klassik schon.
Tobias Richtsteig: Fachsimpeln Sie da manchmal mit Branford Marsalis? Er spielt ja jetzt auch viel Klassik als Saxofonist.
Miguel Zenón: Ja, er hat erst später damit angefangen. Manchmal sprechen wir darüber, er ist sehr ernsthaft mit dem Klassischen, es ist fast das Einzige, das er übt, vor allem auf dem Alt. Und er interessiert sich sehr für zeitgenössische Musik für Saxofon. Einiges wird ja auch speziell für ihn geschrieben. Wenn ich an klassische Musik denke, dann arbeite ich auf dem Instrument, es geht mir nicht darum, da ein Repertoire aufzubauen, wie er das macht.
Tobias Richtsteig: Er hat auch einige ihrer Alben produziert.
Miguel Zenón: Ja, aber nicht das aktuelle. Er ist großartig und nicht sehr kritisch gegenüber dem, was wir tun. Er ist im Allgemeinen ein kritischer Mann. Aber soweit es uns angeht, ist er sehr offen und lässt uns machen, was wir wollen. Er kommt dann bei der Postproduktion dazu, hilft beim Mix, beim Mastern, den besten Sound zu finden.
Tobias Richtsteig: Er hat Sie seinerzeit zu seinem Label geholt?
Miguel Zenón: Ich kannte ihn schon von anderen Bands, die er produziert hatte, ich war da noch sehr jung. Und als er sein Label gründete, fragte er mich - und seitdem läuft das gut.
Tobias Richtsteig: Sie gehören jetzt auch zum Lehrkörper des New England Conservatory in Boston, wo Gunter Schuller einst den »Third Stream« lehrte. Ist das eine Entscheidung zugunsten von Miguel Zenon, dem Komponisten – anstatt in Berklee zu lehren?
Miguel Zenón: Nein, die haben mich ganz einfach zuerst gefragt. Danilo Perez, den ich seit meinem Berklee-Studium kenne, lebt in Boston und fragte mich, ob ich daran interessiert sei, zu lehren; und ich sagte: »Na klar!« Ich bin da noch in meinem ersten Jahr. Aber es ist ein toller Ort, um zu unterrichten, und ich genieße das. Ich merke, wie es mir auch als Musiker hilft. Ich verstehe mich selbst und die Musik besser.


Aktuelles Album:
Miguel Zenón: Esta Plena (Marsalis Music / Universal)

Website:
www.miguelzenon.com