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Nicola Sergio - Das Dunkle und das Sonnige |
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Von Ulrike Proske
Bild von Marcel van den Broek
Köln
Ich stellte mir vor, dass die verschiedenen Register mit fiktionalen oder wahren Charakteren verbunden sind, jeder mit einer ganz bestimmten Eigenart ausgestattet. Die tiefen Register konnten dann zum Beispiel ein Oger oder ein Elefant sein, die hohen Register ein Schmetterling oder eine Seejungfrau. Die verschiedenen Möglichkeiten, die das Klavier, was das Timbre angeht, bietet, weiß ich heute noch zu schätzen. Wenn ich spiele, aber vor allem wenn ich komponiere stelle ich mir das Klavier nicht wie ein einfaches Instrument, sondern als Orchester vor.«
Der Weg zum Jazz war dann nicht mehr weit. »Ein Freund von mir gab mir The Köln Concert von Keith Jarrett«, erinnert Sergio sich. »Ich war ganz überwältigt von der Schönheit der Melodien und vor allem von den tiefen Gefühlen: Diese CD hat mein Leben verändert, und vielleicht habe ich es ihr zu verdanken, dass ich Jazzmusiker bin.«
Ein Samen war gepflanzt, und Sergio ließ kein Jazzkonzert mehr aus. »Vor allem auf zwei italienischen Festivals war ich jahrelang als Zuschauer zu Gast«, erzählt er: »Zum einen Roccella Jazz in Süditalien, ganz in der Nähe meiner Heimat, und das Umbria Jazz in Perugia, wo ich studiert habe. Je mehr Konzerte ich mir angeguckt und je mehr Platten ich mir angehört habe, desto größer wurde meine Leidenschaft. Mein Lehrer an der Musikschule hat diese Leidenschaft noch unterstützt, was damals sehr ungewöhnlich an einer klassischen Musikschule war.«
Seine Studien am Konservatorium in Perugia hat Sergio dann mit einem Diplom in klassischem Klavier, Jazzklavier und Pädagogik abgeschlossen, doch bereits vorher diverse Wettbewerbe gewonnen und auf Musikfestivals für Jugendliche gespielt, in verschiedenen Jazzgruppen zwischen 2004 und 2007.
Paris
»Was ich am Jazz am meisten liebe, sind die Spontaneität und die Freiheit«, stellt Nicola Sergio fest. »Darüber hinaus ist der Jazz auch eine Art Lebenseinstellung. Der Wunsch, sich schnell und tiefgründig auszudrücken durch einen kontinuierlichen Vergleich zwischen der Tradition und dem Wunsch nach Innovation - das ist es. Der wahre Jazzmusiker ist meiner Meinung nach ein kühner und kreativer Mensch, der immer versucht, weiter zu gehen als die, die vor ihm da waren. Es sollte immer um den Wunsch gehen, zu überraschen.«
Doch schließlich ließ ihn das Gefühl nicht los, dass Italien für ihn zu klein sei, und so zog der Pianist vor zwei Jahren nach Paris: »Paris ist eine Welthauptstadt in Sachen Kunst und Kultur, da konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich habe gehofft, dass Paris mir die Möglichkeit geben würde, persönlich und musikalisch zu wachsen. Für jemanden wie mich, der in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, war es am Anfang nicht so einfach, aber das habe ich ja eigentlich vorher gewusst. Die Konkurrenz und die technischen Fähigkeiten der Musiker sind einfach unglaublich hoch. Aber das hat mir keine Angst gemacht, eigentlich hat es mich sogar beflügelt. Ich habe immer gewusst, dass, wenn man leidenschaftlich ist und an das glaubt, was man macht, irgendwann auch jemand Notiz davon nimmt. Und das ist dann ja nach zwei Jahren auch passiert.«
Mit dem Bassisten Matteo Bortone und Schlagzeuger Guilhem Flouzat ist Sergio dann im italienischen Udine ins Studio gegangen, um Symbols einzuspielen, eine variantenreiche CD, die durch die Cellistin Melanie Badal, den Bariton- und Sopransaxofonisten Javier Girotto sowie den Tenorsaxofonisten Michael Rosen um einige Klangfarben erweitert wird. Auf dem Programm stehen ausschließlich Eigenkompositionen Sergios. Eröffnet wird das Album mit dem verwirrenden und ausufernden »Il Labirinto delle Fate« (dt.: Das Labyrinth des Schicksals), in dem das Trio plus Cello zu hören sind. »Ich wollte mich mit dem Phänomen Raum und Zeit auseinandersetzen und gleichzeitig eine unwirkliche und surreale Atmosphäre schaffen«, erläutert Nicola Sergio die Komposition. »Märchen haben in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt. Meine Großeltern, meine Tante und mein Vater haben mir kurz vom Einschlafen Märchen vorgelesen und damit meine Vorstellungskraft angefeuert. Gleichzeitig wollte ich im harmonischen Fortschreiten des Stücks einige verschobene Akkorde unterbringen, ein Trick, um den Eindruck des Unerwarteten zu verstärken. Manchmal glaubt man doch, man habe einen Weg aus der Realität gefunden, nur um dann festzustellen, dass es doch nicht so war. Wie in einem Labyrinth muss man dann von vorne anfangen.«
Das nachfolgende »Violino Gitano«, mit Sopransax und Cello, klingt balkanesk, und erst mit dem trickreichen »Seven/Six« ist das Trio im Alleingang zu hören. Das mächtige »Mr. Hyde« wird von Javier Girottos Baritonsax geprägt. »›Mr. Hyde‹ ist ein dunkler Charakter, aber eben auch sehr einnehmend«, sagt Nicola Sergio. »Ich dachte, dass die dunkle Farbe von Javiers Bariton einem eine Ahnung von diesem wichtigen literarischen Charakter geben könnte. Daneben erlaubte der Einsatz des Baritons mir, die Klangweite in den verschiedenen Tracks zu ändern. Dabei geht es mir um etwas, das mir sehr wichtig ist, wenn ich eine Platte mache: eine Art Architektur, bei der jeder Track, auch wenn er natürlich für sich stehen können muss, eine bestimmte Funktion in der umfassenden Idee des Projekts einnimmt.«
Auch »Un Quadro« mit Rosens Tenor wirkt düster, fast klaustrophobisch. »Ich war in Perugia, es war abends, es regnete und war kalt«, schildert Nicola Sergio die Entstehung des Stücks. »In meinem Zimmer war ein Bild, auf dem eine Stadt in Flammen aufgeht. Ich ging zum Klavier, begann zu schreiben und stellte mir vor, wie ich in das Bild eintrat und immer näher an die Flammen herankam, bis ich den Rauch riechen und die Flammen brennen sehen konnte - eine teuflische Atmosphäre. Ich habe auch an das Schicksal von Pompeji gedacht, deren Bewohner mitten in der Nacht vom Ausbruch des Vesuvs überrascht wurden. Nach geraumer Zeit wurde mir klar, dass ›Un Quadro‹ und ›Mr. Hyde‹, die beiden dunkelsten Stücke des Albums, gut den Kontrast zu zwei anderen Stücken, den sonnigeren ›Scilla‹ und ›Song for Beatrice‹, verstärkten und daher gut zu dem Projekt passten, das bis zu diesem Punkt nur in meinem Kopf existierte.«
Leichthändig und ausdrucksstark spielt sich Nicola Sergio durch sein Debüt-Album, das mit der kurzen Trio-Impression »Orbite« endet. Mit seinem Trio hat er eines seiner Ziele schon erreicht: »Für mich ist es am wichtigsten, dass das Trio eine eigene Identität hat. Der Klang ist für mich wie ein Parfum, eine Essenz - eine der mächtigsten Arten, mit dem Publikum in Kontakt zu treten und gemeinsam Emotionen zu durchleben, die nur im Konzert möglich sind.«
Aktuelles Album:
Nicola Sergio Trio: Symbols (Challenge / Sunny Moon)
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