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Samstag, 4. Februar 2012

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nuBox - Menschen und Maschinen E-Mail
Von Rolf ThomasNu Box

»Harte Beats aus dem Laptop, präzise Scratches vom Plattenspieler vermischten sich mit messerscharfen Bläserkanonaden«, schrieb der WIESBADENER KURIER, und in der FAZ war zu lesen, die Beats von nuBox fingen »zu den wellenartigen Holzbläsermotiven auf magische Weise an zu swingen.« Doch Limbic System Files ist keine Live-Aufnahme, sondern wurde in einem Hörfunkstudio des Hessischen Rundfunks im Dezember 2006 neu aufgenommen.

Perkussiver Zuckerguss

»Die Live-Aufnahme ist in Stereo zusammengefahren und dann gemischt worden«, erklärt Peter Eisold, Schlagzeuger und Elektroniker von nuBox. »Das hätte man nachträglich gar nicht mehr abmischen können.« »Außerdem haben wir viele Drum-Computer-Spuren mit einem Live-Schlagzeuger im Studio eingespielt«, ergänzt Alois Kott, Bassist und Elektroniker von nuBox. »Da haben wir den Oli Rubow von der HR Big Band auch sehr bewundert, dass er das geschafft hat. Der spielt zwar haargenau, aber es klingt eben doch anders. Das ist die eigentliche Meisterschaft von uns, dass wir ein elektronisches Set-up so arrangieren können, dass es groovt.« Die Schlagzeugstöcke konnte Peter Eisold bei dieser Produktion deshalb weitgehend liegen lassen. »Ich habe so eine Art perkussiven Zuckerguss beigesteuert«, schmunzelt er. »Elektronik und Drums gleichzeitig zu spielen, das wäre nicht gegangen.«

DJ Illvibe alias Vincent von Schlippenbach - Sohn der Free-Jazz-Legende Alexander von Schlippenbach - ist die scratchende Zutat bei diesem Konglomerat, doch auch seine Beiträge sind arrangiert. »Der Vorteil für ihn war, dass er sich durch den Live-Auftritt und die vielen Proben viele Notizen machen konnte. Der weiß schon, was er tut«, versucht Alois Kott die Vorurteile zu zerstreuen, dass ein DJ einfach dann unmotiviert drauflos scratcht, wann es ihm gerade einfällt. »Er hat für jedes Projekt einen riesigen Sack Material. Meistens ist es für den Zuhörer aber gar nicht zu erkennen, was von ihm kommt und was elektronisch generiert ist.«

Das Ergebnis ist jedenfalls eine abenteuerliche Klangvielfalt, die so noch nie zu hören war. Die Verbindung von Maschine und Mensch - und eine Big Band ist eine Menge Menschen - klang selten so abenteuerlich wie auf dieser CD und die acht Kompositionen (vier von Eisold, vier von Kott) bringen manches zu Gehör, was einen durchaus schwindelig macht. Was da elektronisch generiert wird, was vom Plattenspieler, was von der Big Band kommt - die Klangwelten verschwimmen und vereinen sich. Nur von Reiner Winterschladen, dem nuBox-Trompeter, der ansonsten bei der Big Band des NDR vertragliche Verpflichtungen erfüllt, ist diesmal nicht ganz so viel zu hören (zwei schöne Soli immerhin). »Reiner Winterschladen war bei der Live-Produktion beim Jazzfestival Frankfurt gar nicht dabei, weil er andere Verpflichtungen hatte«, meint Peter Eisold. »Bei der Studio-Aufnahme wollten wir ihn schon dabeihaben, weil es ja auch ein nuBox-Projekt ist, aber natürlich steht er durch die vielen Mitwirkenden nicht so sehr im Mittelpunkt wie sonst.«

Wirkliche Schwierigkeiten, mit der Komplexität dieses riesigen Klangkörpers fertig zu werden, stellte sich für die nuBox-Musiker nicht. »Mit einer Big Band zu arbeiten, macht Spaß«, meint Eisold lapidar, und Alois Kott ergänzt: »Letzten Endes wussten wir ja, dass Ed Partyka [Bassposaunist, Tubist, Komponist, Arrangeur und Bandleader mit biografischen Einträgen bei u.a. Vienna Art Orchestra, Bob Brookmeyer New Art Orchestra, WDR Big Band und NDR Big Band] als Arrangeur da ist. Wir hätten das auch selbst machen können, aber ich habe sofort gesagt, wir schreiben zwar die Partitur, aber wir brauchen die jahrelange Erfahrung von jemandem wie Ed.«

Kaninchenzüchterverein

Der Anstoß zu dem Mammutprojekt kam aus Frankfurt. »Die Jazzredaktion vom HR fand Sonic Screen [erste NuBox-CD von 2004] wohl ziemlich gut und hat die Platte auch oft gespielt«, erzählt Alois Kott, »und schließlich bot man uns ein Projekt an. Das hat uns ziemlich überrascht, denn uns wäre das wohl nie eingefallen. Aber in letzter Zeit haben die eben ziemlich ungewöhnliche Projekte verwirklicht. Die bemühen sich wirklich, neben den traditionellen Big-Band-Projekten ausgeflippte Sachen zu machen. Und wir hatten auch Lust dazu.«

Schon im Vorfeld stellte sich raus, dass Eisold und Kott die Sache weitgehend zu zweit angehen würden. »Wir hätten es eben auch komisch gefunden, denen mit Reiner Winterschladen einen eigenen Trompeter vor die Nase zu setzen«, meint Alois Kott. »Zumal die mit Axel Schlosser auch einen Super-Trompeter in ihren Reihen haben. Auch die Klarinette, die Oliver Leicht in ›Coneblow‹ spielt, ist toll.«

Im Gegensatz zu Peter Eisold, der in der Vergangenheit schon öfter mit Großformationen zu tun hatte, war das Ganze für Alois Kott Neuland. »Ich habe schon versucht, in meinen Stücken auch Big-Band-Zitate unterzubringen«, erzählt er. Als Bassist ist er in der HR Big Band natürlich auch auf einen Kollegen gestoßen. Doch auch dieses »Problem« ließ sich lösen. »Mit Thomas Heidepriem habe ich mich prima verstanden«, sagt Alois Kott. »Oftmals hat er gezupft und ich habe gestrichen oder umgekehrt. Und zwar die gleichen Linien - was man bei ›Snaixperience‹ prima hören kann.«

Die Zusammenarbeit hat den beiden Elektronikern so viel Spaß gemacht, dass sie im hohen Norden gleich ein neues Big-Band-Projekt angegangen sind, diesmal mit dem NDR. »Demnächst bauen wir auch die beiden Protagonisten des Ohnsorg-Theaters, Heidi Kabel und Henry Vahl, in ein Big-Band-Projekt ein,« grinst Peter Eisold. Was sich wie der irre Alptraum eines Dauerfernsehguckers anhört, ist bereits konkret in Arbeit. »Heute sind ja alle elektronischen Parameter steuerbar geworden, was zu Zeiten der analogen Synthesizer noch undenkbar war«, holt Kott aus. »Heute ist alles so handhabbar geworden, dass es wirklich Laune macht. Wir haben Kabel und Vahl wirklich musikalisch genutzt und nicht, um irgendeinen Inhalt wiederzugeben. An einer Stelle redet Heidi Kabel über einen vergangenen Abend beim Kaninchenzüchterverein, wo die Band so scheiße gespielt hat - das kann man natürlich einbauen. Das wird bei den Hamburger Jazztagen aufgeführt.«

Die Erfahrung mit dem sechzehnköpfigen Ensemble aus Frankfurt hat die beiden Klangtüftler aus dem Ruhrgebiet jedenfalls bereichert. »Bei der Elektronik ist es wichtig, sich zu beschränken, denn die Möglichkeiten sind unendlich«, versucht Alois Kott ein Resümee. »Und das in Verbindung mit diesen schönen Bläsersätzen, bei ›Remembrance‹ etwa, aber auch bei ›Swallover‹ - gar nicht jazzig, sondern songorientiert -, das ist schon was Schönes.«


Aktuelle CD:
nuBox: Limbic System Files (19_enja / Soulfood)