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Pascal Schumacher Quartet - Jetzt gehts los! |
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Von Tobias Richtsteig
Bild: Boris Breuer
Here We Gong hat die Band das Album genannt, mit dem sie gerade zum Deutschland-Debüt antritt. »Das Statement soll gar nicht eingebildet klingen«, erklärt Pascal Schumacher. »Wir sind jetzt hier und haben Lust, auf den Gong zu hauen. Fertig.«
Eintritt in die nächste Phase
Seit 2002 gibt es das Quartett, drei Alben sind beim belgischen Label Igloo erschienen. »Die Jazzgrenzen sind immer noch sehr hoch, auch wenn man das ja hier auf der jazzahead! loszuwerden versucht«, meint Schumacher. »Als Luxemburger konnte ich in Trier spielen oder Saarbrücken. Da gibt es so Cross-Regio-Projekte. Aber außerhalb der Grenzregion hat man als luxemburgischer oder belgischer Jazzmusiker überhaupt keinen Zugang.«
Doch dann erzählt er, dass Here We Gong auch ein Ausspruch von Steve Reich ist, den jener bei Proben zu seiner Music For 18 Musicians benutzt, um den Einsatz des Vibrafons zu erklären. Denn ähnlich, wie in indonesischen Gamelan-Ensembles ein Gong die gemeinsamen Patterns strukturiert, gibt bei Reich das Vibrafon das Signal zum Eintritt in die nächste Phase seiner Minimal Music. Reich persönlich getroffen hat Schumacher bislang noch nicht, aber seine Musik hat er im klassischen Schlagzeugstudium, u.a. bei den legendären Les Percussions de Strasbourg, kennen gelernt: »Aber während des Studiums - das ich abgeschlossen habe - ist mir Jazz immer lieber geworden. Weil ›zeitgenössische Musik‹ – das waren damals sechs Monate des Übens an einer unmöglichen Partitur, dann einmal aufführen und die richtig schwierigen Stellen trotzdem versemmeln …«, fasst der Vibrafonist seinen Weg zum anschließenden Jazzstudium in Brüssel zusammen. Dort ging alles eher schnell. Er besuchte mit seinem sperrigen Instrument immer wieder die Jamsessions im Sounds und bekam schließlich das Angebot, dort regelmäßig mit eigener Band aufzutreten. Schumacher sagte zu und castete sein Quartett quasi auf offener Bühne: »Es hat ein paar Monate gedauert, bis ich die richtige Band zusammenhatte. Aber das war der Ursprung.«
Inzwischen sind die Musiker des Pascal Schumacher Quartet keine Jazzstudenten mehr, haben dafür schon fünf Jahre lang den Bandsound weiter verfeinert. Als Gegenüber hat sich der Vibrafonist Pascal Schumacher einen Pianisten in die Band geholt; allzu große Ähnlichkeit der Instrumente möchte er nicht erkennen. Zwar sind die klingenden Metallplatten des Vibrafons nach Art der Klavier-Tastatur angeordnet, aber der Tonumfang seines Instruments sei mit drei Oktaven doch wesentlich geringer als der des Flügels, und auch komplexere Harmonien können mit dem Tasteninstrument einfacher realisiert werden. Gemeinsam mit Jef Neve - dem ersten Pianisten im Quartett – habe er einen Modus der Zusammenarbeit gefunden, in dem die beiden Instrumente sich ergänzen, statt einander den Klangraum streitig zu machen. Inzwischen startet Neve als Solist und mit einem eigenen Trio – zumindest in BeNeLux - soweit durch, dass Schumacher sich einen Nachfolger für den Klavierhocker des Quartetts suchen musste – und mit dem gebürtigen Münchner Franz von Chossy auch fand. Der hatte sich schon während seines Studiums in Amsterdam einen Namen gemacht und fügte sich im vergangenen Sommer nahtlos in das Quartett ein. »Schon vor der ersten Probe hatte er zwei Stücke für uns geschrieben«, berichtet Schumacher in den Liner Notes. (Mit Jef Neve übrigens bleibt der Vibrafonist weiterhin befreundet, auch musikalisch. Seit 2004 spielen die beiden im Duo, eine erste CD soll im kommenden Frühjahr erscheinen.)
b-moll-Kreuz-Irgendwas
Die erste Aufnahme eines Vibrafons hätte laut Wikipedia 1930 Lionel Hampton als Sideman von Louis Armstrong eingespielt, weil eins der Instrumente, die erst zwischen 1915 und 1927 entwickelt wurden, im Studio herumgestanden habe. Seither ist das Vibrafon als »Jazz-Instrument« bekannt. Dennoch ist Pascal Schumacher froh, dass er zunächst klassisches Schlagwerk studierte. Denn als er mit dem Jazzstudium begann, »gab’s viele Fächer, die ich nicht belegen musste, weil ich schon einen ähnlichen Zettel im Klassischen erworben hatte«. Heute unterrichtet er selbst, allerdings keinen Jazz: »Ich bin ganz froh, dass ich die Musik, die ich spiele, nicht theoretisieren und einem Schüler für alles ’ne Erklärung geben können muss – kann ich nicht! Leute, die in Berklee waren, die wissen ganz genau: ›Das ist ein b-moll-Kreuz-Irgendwas‹ und ›Das passt ja immer in dieser Skala‹, und dann sagen die komische Namen von Skalen, die ich nicht kenne, weil ich die eben als Messiaen-Skalen gespielt habe.«
Letzten Endes aber geht es nicht darum, eine Nomenklatur in Musik zu übersetzen, sondern Klänge, die man im Ohr hat. Und die sind bei Pascal Schumacher vielfältig: »Keiner kann sagen, dass ich Esbjörn Svensson nicht gehört hätte oder Bands wie The Bad Plus – aber für mich gibt’s immer noch mein früheres Leben: Leute wie Steve Reich oder Bang on a Can, natürlich höre ich auch gerne Radiohead oder Snow Patrol oder Coldplay.«
Und richtig: Mit »Sing« hat sich sogar ein regelrechter Charthit von den Britpoppern Travis in der Mitte der Tracklist von Here We Gong eingeschlichen. Erinnerungen an The Bad Plus weckt der energetische Höhepunkt im zweiten Teil von »White Surface / Glace, Casse«, einem Musik-Porträt »eines perfekten Tages auf der Skipiste«, mit dem Schumacher einst seinen Freund Jef Neve für den Wintersport begeistern wollte. Die nervös sphärische Atmosphäre von beispielsweise »Gongs And Roses« könnte durchaus auch vom Esbjörn Svensson Trio eingespielt worden sein, in »Kicking the Leaves« finden sich Drum’n’Bass-Beats – eine Spurenanalyse kommt zu reichhaltigen Ergebnissen und würde doch ihr Ziel verfehlen. Über seine Einflüsse sagt Schumacher: »Das sind halt große Leute, die den Ton der Zeit mitbestimmen. Die Jazzmusiker früher, die haben auch zum Broadway rübergeguckt und sich mit diesen Stücken auf ihre Art und im Geist der Zeit beschäftigt.«
Wichtiger ist ihm das Konzept seines Quartetts - und dass alle Beteiligten ihre Musik beitragen »und ich nicht der Oberchef bin und die anderen nur meine Söldner, die mich auf Abruf begleiten kommen. Grade im europäischen Jazz ist doch das Bandkonzept immer wichtiger. Und wenn sie für die Band komponieren, inspiriert mich das wieder - zu hören, wie die anderen sich die Band vorstellen können. Dann wird die Musik auch abwechslungsreicher, weil jeder von uns andere Backgrounds hat. Ich habe das Glück, mit drei Jungs zu spielen, die unendlich viele gute und spannende Ideen haben, und als Leader muss ich nur noch entscheiden, welche es sein soll, denn es gibt 10 oder 100 verschiedene Wege. Das ist die Aufgabe des Bandleaders, da so eine Linie reinzubringen.«
In die Fläche katapultiert
Die gemeinsame Linie, die das Pascal Schumacher Quartet gefunden hat, lässt sich vielleicht am besten als ungewöhnlich wandelbarer Sound einer akustischen Jazzband beschreiben. Da ist mitunter die konzeptionelle Strenge, mit der zeitgenössische Piano-Trios die Loop-Energie moderner Popmusik aufnehmen, doch dann mischen sich die schwebenden Klänge des Vibrafons darunter – und zwar nicht als zusätzliches Solo-Instrument, sondern als Erweiterung des Klangraums. Andere Stücke zeigen die Besetzung in anderen Kombinationen, gleichsam aus einer anderen Perspektive, wenn ein perkussives Klavier sich mit dem Schlagzeug verbrüdert und das Vibrafon den Sustain des Basses in die Flächendimension katapultiert.
Hier und da wirkt das wie ein Trick aus der digitalen Zauberwelt, und Schumacher bestätigt, dass es einzelne effektvolle Overdubs an ausgewählten Stellen des Albums gibt. Er betrachtet das als Kontinuität: »Ich kann mir gut vorstellen, dass auf der nächsten Platte nicht nur zwei solcher Momente sind, sondern 4 oder 5. Auch die ersten Platten des Esbjörn Svensson Trios waren ja noch rein akustisches Piano-Trio – eben mit einem großen klangästhetischen Bild. Und auch wir entdecken da immer mehr. Anfangs kamen wir aus dem Konservatorium und haben Bebop gespielt … Das ist einfach eine Evolution, wir forcieren da nichts.«
Das Wichtigste für die Musik des Pascal Schumacher Quartet, sagt der Bandleader, sei - »Melodie. Es muss Melodie geben. Das fehlt mir zu oft im Jazz«. Eine klare Ansage mit weitreichenden Folgen: Alle zwölf Tracks der neuen Platte - ob die intime Ballade »If There Are No Other Words«, der druckvolle Breakbeat von »Bright Wings«, der in Sieben-Meilen-Stiefeln ausschreitende Blues »Oy« oder der Titelsong, ein respektvoll improvisierter Gruß an Steve Reich – fesseln tatsächlich so unmittelbar wie ein einmütig gesungenes Lied und bergen dabei eine Fülle an orchestrierter Klangsynthese, wie sie sonst in sinfonischen Sätzen zu finden ist. Mit jeder Umdrehung im Player spinnt die CD ihre Zuhörer ein. Bis man es womöglich – und womöglich laut - selbst ausspricht: »Here we gong!«
Aktuelles Album:
Pascal Schumacher Quartet: Here We Gong (Enja / edelkultur)
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