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Mittwoch, 22. Februar 2012

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Portico Quartet - 25/75 E-Mail
Von Wolf KampmannPortico Quartet
Bild: Toby Summerskill

Das Klangverständnis der vier jungen Londoner, die symbiotisch im Stadtteil Clapton lebten, hatte wesentlich mehr mit elektronischer Musik gemein als mit Jazz, und doch war alles handgespielt und teils frei improvisiert. Im Mittelpunkt des Sounds stand das Hang mit seiner magischen klangliche Mischung aus Keyboard und Perkussionsinstrument, das die Klänge von Bass und Saxofon zusammenzog.

Jetzt steht mit Portico Quartet ein drittes Album der Gruppe an, doch eine Fortsetzung von Isla gibt es nicht. Hangspieler Nick Mulvey ist der Band abhandengekommen, dafür stieß Keyboarder Keir Vine zu Jack Wyllie (sax), Milo Fitzpatrick (b) und Duncan Bellamy (dr). Das Ergebnis ist eine drastische Neuaufstellung in Sachen Sound. Das Hang ist nur noch ein Aspekt unter vielen, die kammermusikalischen Melodien der ersten beiden Alben verwandeln sich in lineare Prozesse, und eine Vielzahl elektronischer Sounds dominiert die Dramaturgie. Nach einer umjubelten Performance auf dem Londoner Jazz Festival hatte JAZZTHETIK-Autor Wolf Kampmann Gelegenheit, mit dem Portico Quartet über sein zweites Debütalbum zu sprechen.

Wolf Kampmann: Vor zwei Jahren sagtet ihr, es gehe bei euch weniger um die Instrumente als um die Leute. Wie kam es jetzt zu einem Besetzungswechsel?
Duncan Bellamy: 2010 waren wir praktisch das komplette Jahr mit unserem letzten Album Isla unterwegs. Für andere Sachen blieb überhaupt keine Zeit. Nick verstand sich eigentlich als Singer/Songwriter. Da liegen seine größten Stärken. Er liebte es, in der Band das Hang zu spielen, fühlte sich aber irgendwie eingeengt, weil er sich seinen übrigen Leidenschaften nicht mehr widmen konnte. Das Hang ist ja auch ein etwas limitiertes Instrument. Nicks eigentliches Instrument ist die Gitarre. Gegen Ende 2010 trug er sich mit dem Gedanken auszusteigen, im Januar war er dann weg.
Wolf Kampmann: Führte euer Klangkonzept auf die neue Besetzung hinaus oder war die Besetzung die Voraussetzung für eure neue Richtung?
Jack Wyllie: Es war ein bisschen von beidem. Als wir mit Isla tourten, haben Duncan, Milo und ich viel mit Electronics und der elektronischen Manipulation akustischer Instrumente experimentiert. Das Hang lässt sich nicht ohne Weiteres manipulieren, weil man das Mikrofon ins Instrument stecken müsste, was dann wiederum jede Menge Feedback erzeugen würde. So gingen wir diesen Weg zu dritt. Nick fühlte sich von diesem Prozess ein wenig ausgeschlossen. Am Ende der Tour wurde uns klar, dass der nächste Schritt in der Manipulation akustischer Instrumente bestehen würde. Wir kauften ein paar Computer und Keyboards. Anfangs hatten wir ja das Problem, Nicks Fehlen als Trio kompensieren zu müssen. Der einzige Weg bestand für uns darin, das Hang zu sampeln und über das Schlagzeug zu steuern. Ich hingegen spielte synchron Keyboards und Saxofon und musste auch dafür eine Lösung finden. Als Keir dann dazukam, konnte er diese Parts übernehmen und seinen eigenen Stil einbringen. Der Prozess war also schon im Gang, aber durch Nicks Ausstieg wurde er forciert.

Stilwechsel
Duncan Bellamy: Wir wussten, dass wir kein weiteres Album im Stil von Isla machen wollten, auf dem das Hang im Fokus der Musik ist. Anfangs empfanden wir das Hang als große Befreiung, weil es völlig neue Parameter setzte. Es war zwar ein wichtiger Aspekt unseres Sounds, aber wir fühlten uns auch von ihm tyrannisiert. Was immer wir machten, es musste sich ums Hang drehen. Dieser Prozess verselbstständigte sich. Wir suchten händeringend nach Möglichkeiten, aus dieser Klemme herauszukommen. Sampling ist die optimale Lösung für uns. Wir können immer noch mit dem Hang arbeiten, sind aber nicht mehr durch seine Limitierungen beschränkt. Wir können es in ganz andere Klangbereiche überführen. Das war ein guter Weg, unsere Beziehungen innerhalb der Band neu zu definieren.
Jack Wyllie: Als Nick uns verließ, löste das bei uns eine Krise aus. Wir hatten gar keine Wahl, als nach neuen Sounds zu suchen. Früher war das Hang unser Alleinstellungsmerkmal. Es besteht kein Zweifel, dass wir uns über das Hang verkauften. Wenn es aber nicht mehr um deine Musik geht, sondern nur noch um ein Instrument, wird das irgendwann lästig. Unsere Musik drehte sich niemals um das Hang allein, aber in der öffentlichen Wahrnehmung ging es um nichts anderes.
Wolf Kampmann: Keir, war es für dich nicht schwierig, einer Band beizutreten, die bereits einen derart komplexen und kompletten Sound hatte?
Keir Vine: Anfangs war das ein wenig beängstigend. Das Portico Quartet war bereits eine festgefügte Einheit mit ausgefeilten Arbeitsprozessen. Da findet man nicht so leicht Zugang. Ich fühlte mich wie ein Pflegekind in einer neuen Familie. Ich hatte ganz neue Brüder und Schwestern. Aber ich kannte Milo schon sehr lange, denn wir hatten zusammen studiert und auch manchmal gespielt. Es war also in gewisser Weise beängstigend, aber sowie wir in einem Raum zusammen waren, fühlte es sich auch ganz normal an. Am meisten machte mich der Umstand nervös, dass wir drei Wochen später unseren ersten Gig hatten. Ich kannte weder die Musik noch wusste ich, wie ich das Hang spielen sollte. Für einen Musiker gibt es keine größere Herausforderung, als ein Instrument unter den Arm zu klemmen und es innerhalb von drei Wochen mit all seinen Tücken zu lernen. Es war schön, meinen Horizont erweitern zu können.
Wolf Kampmann: Ein personeller Wechsel von 25 Prozent hatte einen stilistischen Wechsel von 75 Prozent zur Folge.
Jack Wyllie: Der Unterschied ist zwar groß, aber es gibt auch noch viele Verbindungen zu den beiden anderen Alben. Das Hang ist noch Teil unserer Klangwelt. Es wird nur anders eingesetzt. Sicher wird die neue CD weniger von Melodien getragen als Isla, sondern mehr von Beats. Das war eine bewusste Entscheidung weg von diesen dominanten Saxofon-Melodien. Aber auch die Sounds sind anders.

Beats
Wolf Kampmann: Isla klang ja wie ein elektronisches Album auf akustischen Instrumenten, während Portico Quartet wie ein elektronisches Album mit akustischen Regeln klingt.
Duncan Bellamy: Ich fing mit Beats an, weil ich nicht mehr in diesem jazzigen Stil Schlagzeug spielen wollte. Milo und ich spielen jetzt so lange zusammen, dass wir nur anfangen müssen, um bestimmten jazzigen Ritualen zu frönen. Steuere ich auf den Drums hingegen Samplings an, klingt es ziemlich verheerend, wenn ich das auf diese jazzige Weise mache. Ich kann dann einfach nicht alles mit akustischen Patterns ausfüllen. Trotzdem spielen wir alles live, selbst wenn wir auf elektronische Sounds oder Manipulationen zurückgreifen. Bei den Aufnahmen herrschte immer noch der Geist der Improvisation. Es ist tatsächlich ein elektronisches Album mit akustischen Regeln.
Jack Wyllie: Wir haben das Studio in eine Art Performing Space verwandelt, in dem wir alles live ausprobieren konnten. Umgekehrt heißt das, dass wir bei dieser Art der Studioarbeit lernten, bestimmte Studio-Effekte auch live auf der Bühne umzusetzen.
Keir Vine: Als ich zum ersten Mal mit euch spielte, fielen mir sofort eure Sounds auf, die wie eine perfektionierte Studioproduktion klangen. Alles war am richtigen Platz, die Balance stimmte, und jeder Effekt ließ unzählige Variationen zu. Diese Komplexität überraschte mich. Die Songs waren noch nicht fertig, aber die Sounds standen schon. Insofern hatten wir die Hälfte der Produktion schon erledigt, bevor wir überhaupt das Studio betraten. Ich glaube, dieses kollektive Empfinden für Klänge unterscheidet Portico wirklich von anderen Bands. Denn die Sounds sind ja mindestens genauso wichtig wie die Noten.


Aktuelle CD:
Portico Quartet: Portico Quartet (Real World / Indigo)