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Portico Quartet - Hang zum Neuen |
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Von Wolf Kampmann
Bild: Toby Summerskill
Auf ihrem zweiten Album Isla ist ihnen nun der perfekte Wurf gelungen. Ein in sich geschlossenes, komplexes Kunstwerk voller Pop-Appeal, bei dem unsere Fähigkeit, Parallelen zu ziehen, versagt – es steht ganz für sich selbst. Genau an dem Punkt, an dem man meint, alles über Musik zu wissen, setzt eine Gruppe wie das Portico Quartet alle bekannten Parameter außer Kraft. Doch was hören Saxofonist Jack Wyllie, Bassist Milo Fitzpatrick, Drummer Duncan Bellamy und Perkussionist Nick Mulvey, das andere Menschen nicht hören? Das Geheimnis liegt in einem Instrument namens Hang Drum oder kurz Hang. (In Kürze mehr dazu.)
»Das Zentrum unserer Musik ergab sich sehr schnell, als wir die Hang mit Bass und Saxofon kombinierten«, erklärt Mulvey, der dieses seltsame Instrument meisterhaft beherrscht. »Anfangs hatten wir kein richtiges Schlagzeug, sondern nur zwei Hangs, Sax und Bass. Die Hangs offerierten uns einen repetitiven und hypnotischen Weg des Spiels. Sie gaben auch die Richtung der anderen Instrumente vor. Von dieser Urmasse aus entwickelten wir unser Spiel in viele Richtungen weiter. Wir haben zwar völlig unterschiedliche musikalische Vorlieben, aber aufgrund der Instrumente stellten sich schnell die Schnittflächen heraus. So entstand diese Melange aus Minimal Music in der Nachfolge Steve Reichs und Jazz.«
Bassist Milo Fitzpatrick nimmt den Faden auf: »Unser musikalischer Appetit war und ist unersättlich. In der Summe hören wir alle nur denkbaren Arten von Musik. Aus der Vielzahl an denkbaren Kombinationen ergibt sich unser musikalischer Fundus. Wir akzeptieren keine Grenzen und fühlen keinerlei Verpflichtung, in irgendeinen Stil zu passen.«
Referenz/Punkte
Aus diesem Ansatz könnte sich eine weitere Variante der Postmoderne ergeben, doch die Musik des Quartetts ist so organisch wie ein Streichquartett des 19. Jahrhunderts. »In gewisser Weise IST unsere Musik sogar postmodern«, widerspricht Bellamy, »denn wir bedienen uns stilistischer Werkzeuge, wie immer wir es brauchen. Aber wir spielen mit einer Freiheit darüber, die aus uns selbst kommt. Am Ende wirkt die Musik nicht mehr wie eine Montage. Es ist keine Fusion im herkömmlichen Sinne, sondern die Ausgangsmassen fließen derart organisch ineinander, dass man sie am Ende nicht mehr voneinander trennen kann.«
Laut Jack Wyllie spielt aber auch der persönliche Umgang der vier Bandmitglieder miteinander eine tragende Rolle: »Wir haben keinen Hauptschreiber, die Kompositionen sind kollektive Leistungen. Niemals sagt einer von uns zu den anderen, er habe für uns ein Stück geschrieben. Wir jammen zusammen und daraus ergibt sich was. Die Musik entsteht aus dem Moment, aber wir gehen sehr bewusst mit diesem Moment um, tauschen einzelne Parts aus und arbeiten hart daran.«
Die Songs der Band sind am Ende derartig monolithisch, dass selbst die vier Schöpfer die ursprünglichen Intentionen nicht mehr entwirren können. Das hängt mit der Bodenhaftung zusammen, die das Quartett bei allen intellektuellen und kreativen Höhenflügen bewahrt. Intuition ist wichtiger als Intellekt. So bringen sie Unerhörtes zu Gehör. Normalerweise entsteht Kunst ja aus dem Bekannten; nur ganz selten wirkt sie wirklich komplett neu wie bei Miles Davis oder Jimi Hendrix. Doch selbst die hat ihre Referenzpunkte und erweckte den Eindruck, dass sie an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt. Ein ähnliches Gefühl mag den offenen Hörer auch beim Portico Quartet beschleichen. Milo Fitzpatrick ist sich dieser Qualität keineswegs bewusst: »Für uns ist es ein ganz natürlicher Prozess, zusammen Musik zu machen. Selbst wenn wir andere Instrumente spielen würden, versuchten wir in eine ähnliche Richtung zu gehen. Manchmal kennt man den Weg nicht, der zum Ziel führt, zuweilen ist selbst das Ziel ungewiss, aber man weiß, dass man irgendwie dahin gelangen muss. Unsere Instrumente diktieren uns die Wahl unserer Mittel. Speziell die Hang. Nicht nur den Sound, sondern auch die Form. Sie ist ja nicht chromatisch aufgebaut, hat kein Rechts und Links wie eine Gitarre oder ein Klavier. Der Umgang damit ist ganz anders und vereinfacht den Zugang zum Klang. Wir konnten eine ganz eigene Soundwelt installieren, ohne sie intellektuell vordenken zu müssen.«
Hang
Die Hang ist ein unscheinbarer Metallkessel, dessen Form wie eine Mischung aus fliegender Untertasse und Wok aussieht. Auf einem Ständer fixiert, wird sie wie ein Gong oder eine Pauke mit weichen Trommelstäben bearbeitet. Die Sounds, die sich daraus ergeben, können ganz unterschiedlich sein. Sie reichen von Perkussion, Gamelan-Gongs und Steel Drum über Vibrafon und Piano bis hin zu elektronischen Keyboards oder Gitarren. »Die Hang hat keine direkten Vorbilder«, schwärmt Mulvey. »Sie schleppt überhaupt keinen kulturellen Ballast mit sich rum. Wenn man sie hört, ist es einfach klar und bedeutungsfrei. Das Vibrafon setzt im Vergleich dazu einen ganzen Komplex von Bedeutungen frei.«
So werden aus Drummern plötzlich Pianisten. Ein beliebtes Spiel der Jazz-Rezeption besteht für gewöhnlich darin, die einzelnen Instrumente einer Band aus dem Gesamtsound zu filtern. Die Hang macht dieses Spiel unmöglich. Nicht selten hört man bestimmte Quellen, die Portico gar nicht spielen. Das setzt voraus, dass die Band weit über ihre Instrumente hinaus denkt, wie Fitzpatrick bestätigt: »Man setzt sich selbst einen Kontext, der von den Instrumenten vorgegeben wird, muss sich deshalb aber nicht den traditionellen Kanon dieser Instrumente diktieren lassen. Wenn Jack Saxofon spielt, wird man niemals Bebop hören. Zwar hat er Charlie Parker studiert, aber das ist für sein Spiel unerheblich. Auch ich habe ein wenig Jazz studiert, bin aber kein Jazz-Bassist. Wir suchen nach neuen Klängen auf unseren Instrumenten.«
Der Mann mit der Hang greift den Gedanken auf und erläutert ihn vom Sound seines Instruments aus: »Die Hang ist sehr mittig, während das Sopransax genau darüber und der Bass genau darunter liegt. Aber die Spitze des Basses und der Boden des Soprans sind stets im Einklang mit der Hang. Die Hang hat so eine reiche Dynamik, dass sie alles integriert. Wir hatten bereits unseren Sound, bevor wir irgendeine Komposition hatten. Unser Sound mag produziert klingen, aber er kam wirklich aus uns selbst heraus. Es ist ja nicht allein die Hang, sondern auch die Art, wie wir darauf reagieren. Durch die Hang haben auch die anderen Instrumente plötzlich ein neues Gesicht.«
Das Ganze
Ein Manifest oder Programm hat die Band nie verfasst. Im Gegenteil, man will ja keine Regeln aufstellen, sondern selbige brechen. Doch wenn es keine vorformulierten Maximen oder Grenzen gibt, ist es schwer, eine Identität zu finden. Für Duncan Bellamy ist es leichter, den Sound der Gruppe über das zu definieren, was sie nicht ist: »Immer dann, wenn wir nach jemand anderem klingen, sind wir das nicht selbst. Oder wenn es zu angestrengt klingt. Auch wenn es zu sehr nach einem Genre klingt, sind wir das nicht. Und wenn ein Stück nicht von allen Beteiligten akzeptiert wird, sind das eben auch nicht wir.« Mulvey versucht die Identität der Band aus dem Prozess heraus zu beschreiben: »In dem Augenblick, in dem alles stimmt, ist es ganz leicht. Dann kommt es einfach. Aber um dahin zu gelangen, müssen oft viele Hürden genommen werden. Das führt zu Streit und Debatten und braucht eine Weile. Das erste Album war in dieser Hinsicht leichter als da zweite, denn wir wussten nicht einmal, DASS wir es machten. Beim zweiten lag viel mehr Druck auf unseren Schultern.«
Jazz im 21. Jahrhunderts funktioniert anders als in den 100 Jahren davor. War die Improvisation stets das kennzeichnende Element aller noch so divergierenden Jazz-Auffassungen, so nimmt sie bei Gruppen wie Portico nur noch eine untergeordnete Funktion wahr. »Improvisation ist ein Werkzeug«, postuliert der Saxofonist. »Wir improvisieren nur, wenn es im Stück Sinn macht. Das kann mal mehr, mal weniger und mal gar nichts sein. Wir spielen niemals Solos, wie sie im Jazz üblich sind, sondern fragen stets, wonach das Stück verlangt. Und wenn es wirklich mal ein Solo gibt, geht es nie um das spielende Individuum. Es geht zu jedem Zeitpunkt ums Ganze.«
Um gemeinsam etwas ganz Neues zu erschaffen, braucht man Nähe. Wie Forscherteams, die Tag und Nacht zusammenhocken, bis sie einer mysteriösen Formel auf die Schliche gekommen sind, leben auch die vier Mitglieder von Portico symbiotisch. Mit ihrer Arbeit teilen sie vorübergehend auch ihr Leben. Doch es ist nicht immer leicht, diese beiden Aspekte voneinander zu trennen. »Wenn man zusammen lebt«, so Fitzpatrick, »kennt man den anderen sehr genau und meint manchmal zu wissen, was er denkt. Vielleicht hat die letzte Platte auch deshalb so lange gedauert. Das geht manchmal auf Kosten der Frische. Andererseits entsteht dadurch auch eine enge Verbundenheit und ein gemeinsamer Appetit auf neue Dinge.«
WG
Nun kann so ein gemeinsamer Alltag ja manchmal recht anstrengend sein – wegen persönlicher Marotten und Gewohnheiten z.B., die den einen gegen den anderen so aufbringen, dass man die Vorzüge und Gemeinsamkeiten schnell aus dem Auge verliert. Doch das Portico Quartet hat in seiner kleinen Welt einen Weg gefunden, dieses Problem zu minimieren. Mulvey frohlockt: »Wenn wir schreiben, gehen wir in unser Gartenhaus. Da lassen wir den Alltag draußen. All den Stress, den wir dort beim Arbeiten haben, können wir wiederum im Gartenhaus lassen. Wenn wir uns zum Abendessen treffen, müssen wir nicht über die Arbeit reden. Es ist sicher nicht perfekt, denn wenn jemand sauer auf einen anderen ist, wird er sich nicht in eine völlig andere Person verwandeln, sobald er das Gartenhaus verlässt. Aber in welcher Beziehung wäre es je anders? Wir haben jedoch auch viel Spaß miteinander. Wenn der Sound wirklich aufgeht, vergessen wir alles, was bis dahin vorgefallen ist. Dann verlieren wir uns im Augenblick. Wir alle sind Produkte unserer Erfahrungen und können uns nicht einfach davon freimachen. Aber wenn der Moment kommt, in dem diese Erfahrungen keine Rolle mehr spielen, erreichen wir ein neues Level.«
Ein Niveau, auf das sie ihren Hörer mitnehmen. Mit dem Portico Quartet - das so ganz und gar nicht typisch nach London klingt - ist etwas Neues entstanden, das entweder im Jazz einiges aufwirbeln oder für die nächsten Jahre und Jahrzehnte ganz für sich stehen könnte. Bei aller Vorsicht mit Prognosen.
Aktuelles Album:
Portico Quartet: Isla (Real World / Indigo)
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