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radio.string.quartet.vienna - traumhaft |
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Von Guido Diesing
Bild: Nancy Horowitz
Pizzicati füllen wie Regentropfen den Klangraum, werden von düster-drohenden Tönen aus der Tiefe überstimmt, bevor sich langsam eine neue Melodie etabliert. »Inception«, benannt nach dem Mystery-Thriller, für den Regisseur Christopher Nolan (The Dark Knight) nie zuvor gesehene Traumwelten geschaffen hat, setzt als Ouvertüre die Themen von Radiodream, der neuen CD des radio.string.quartet.vienna: Wunsch-, Liebes- und Alpträume, Erlebnisse jenseits des Wachzustands und Reisen ins Unterbewusstsein.
Abzweigungen
Nach dem Paukenschlag der ersten CD Celebrating the Mahavishnu Orchestra (2007) hat das Quartett mit Gastauftritten auf Ulf Wakenius’ Love Is Real (2008) Esbjörn Svensson die Ehre erwiesen (noch zu Lebzeiten), auf Radiotree (2008) mit dem Akkordeonisten Klaus Paier Folklore, Tango und Zawinul-Kompositionen erkundet und sich auf Rigmor Gustafssons Calling You (2010) am Songformat erprobt. Mit einem traumhaften Konzeptalbum veröffentlichen die vier Streicher jetzt ihre bislang stärkste CD. Die atemberaubende Virtuosität ihrer Mahavishnu-Bearbeitungen klingt darin ebenso nach wie die Schönheit einfacher Songs. Sie vertonen ein Dali-Gemälde, spielen Liszts »Liebestraum«, zeichnen klanglich die Hektik des indischen Straßenverkehrs nach, träumen sich mit Henry Mancini an den »Moon River« und verwandeln »Strange Fruit« in einen abgründigen Nachtmahr zwischen Ambient und Drone Doom. Im Zusammenspiel von Bernie Mallinger (viol), Cynthia Liao (viola), Asja Valcic (cello) und dem neu zur Gruppe gestoßenen Igmar Jenner (viol) wachsen die konträren Zutaten trotz ihrer Verschiedenheit auf wundersame Weise zu einem größeren Ganzen zusammen, zu einer fiktiven Reise durch Traumlandschaften, zum Soundtrack einer Nacht.
Guido Diesing: Träume in den Mittelpunkt eines Albums zu stellen – das klingt nach einem dankbaren Thema. Hat die Arbeit an Radiodream diese Erwartung bestätigt?
Bernie Mallinger: Natürlich ist es ein dankbares Ding, den Filmen, die sich im Traum in unseren Köpfen abspielen, eine Filmmusik zu geben. Im Traum ist alles verstärkt, überzeichnet. Du nimmst Abzweigungen, die im wirklichen Leben nicht möglich wären. Genauso extrem wollten wir die Musik halten - das Schöne noch schöner, das Intensive noch intensiver und das Grausige noch grausiger. Es war eine große Herausforderung, die Sachen so zusammenzusetzen, dass man als Zuhörer nicht erschlagen wird. Wir haben Ruhepole einbauen müssen, damit die Platte als Ganzes durchhörbar ist.
Guido Diesing: Wie habt ihr es geschafft, dass wirklich der Eindruck einer Einheit entsteht, obwohl die Einzelteile extrem unterschiedlich sind?
Bernie Mallinger: Während unsere bisherigen Platten rein akustisch waren, haben wir diesmal viel mit unserem Sounddesigner Martin Koller experimentiert. Es geht manchmal bewusst vom Streichquartettsound weg. Am offensichtlichsten ist das sicher in »St. Paul’s Nightmare«, das auf einem Alptraum basiert, von dem ich lange immer wieder aufgewacht bin: Ich sitze im Zug zur Schule und schreibe Mathe-Hausaufgaben ab. Es ist einen Monat vor der Matura, und ich weiß genau, dass ich überhaupt keine Ahnung habe. Das hat mich noch 15 oder 16 Jahre später verfolgt. Ich wollte es gern auf der Platte verwenden, etwas ganz Ungewöhnliches daraus machen und dachte: »Eigentlich müsste ich das singen.« Daraus wurde dann dieser dunkle Popsong mit seinem Massive-Attack-Groove. Aber auch wenn es ein für uns völlig untypischer Song ist – es sind alles Streichinstrumente, die man da hört.
Guido Diesing: Auch in »Song – Ode an den Freud«, einem der stärksten Stücke der CD, bist du als Sänger zu hören. War es für dich eine Überwindung oder ganz natürlich, diese zusätzliche Rolle zu übernehmen?
Bernie Mallinger: Ich habe schon immer viel und gerne gesungen. In »Song« wollten wir einfach am Ende noch eine Etage draufsetzen, wir brauchten noch eine Steigerung, und da gab es eigentlich keine andere Möglichkeit als den Gesang.
Guido Diesing: Hat sich dabei vielleicht Pat Metheny in die Träume geschlichen?
Bernie Mallinger: Dass man sich daran erinnert fühlt, kann ich absolut nachvollziehen, auch wenn es nicht gewollt war. Pat Metheny ist immer ein großes Thema in meinem Leben gewesen, und ich glaube, man muss es nicht vermeiden, zu klingen wie er. Da liegt man nicht wirklich falsch.
Guido Diesing: Überrascht hat mich dein Arrangement von »I Loves You, Porgy« am Ende der CD. Wenn noch eine Mundharmonika dabei wäre, könnte es glatt aus Martin Böttchers Winnetou-Soundtrack stammen …
Bernie Mallinger: Das ist total lustig. Eigentlich war »Porgy« gar nicht als Schlussstück vorgesehen. Da sollte ursprünglich der »Song« stehen. Aber als Martin Koller unsere Version gehört hat, hat er sofort gesagt: »Das ist der Moment, in dem der Indianer auf dem Pferd in den Sonnenuntergang reitet.« Es war nie so geplant, aber es hat wirklich so was.
Guido Diesing: Mit »Nice Dream« reiht ihr euch in die lange Liste der Musiker ein, die Radiohead covern. Warum immer diese Band?
Bernie Mallinger: [lacht] Tja, die Armen. Werden immer wieder hergenommen. Es ist einfach eine faszinierende Gruppe. Da gibt es ja gar nicht so viele, die rhythmisch, melodisch und harmonisch so interessante Sachen machen und ganz eigene Soundvorstellungen haben. Ich mag sie einfach, auch wenn sie mittlerweile schon Dinosaurier sind. Ich wollte schon immer mal ein Radiohead-Stück arrangieren. Kann sein, dass sie jetzt Ruhe vor mir haben.
Glück gehabt
Guido Diesing: Siehst du die Biografie des Quartetts trotz der unterschiedlichen bisherigen Projekte als organische Entwicklung?
Bernie Mallinger: Aus jedem Projekt, mit dem man tourt und das man lange spielt, bleibt etwas hängen. Das ergibt dann das nächste. Und der folgende Schritt wird wieder woanders hinführen. Radiodream ist für uns jetzt die logische Fortsetzung. Da ist von jeder bisherigen Platte etwas drin.
Guido Diesing: Gleichzeitig ist es die erste CD in neuer Besetzung, nachdem Johannes Dickbauer das Quartett verlassen hat. War die Umbesetzung ein schwieriger Prozess?
Bernie Mallinger: So etwas kann leicht der Anfang vom Ende sein, besonders in einem Ensemble wie unserem mit der Prämisse, wirklich eine Einheit darzustellen. Wir haben immer gewusst, dass Johannes irgendwann seine eigenen Sachen machen wollte. Bei der Arbeit an der neuen CD stellte sich heraus, dass er nun so weit war, diesen mutigen Schritt zu gehen. Das mussten wir akzeptieren, auch wenn es fantastisch war, mit ihm zusammenzuspielen. Zum Glück gab es Igmar Jenner, der 2009 schon ein halbes Jahr mit uns gespielt hatte, während Johannes beim Bundesheer war. Es war damals schon eine fantastische Energie zwischen uns. Er ist unglaublich kreativ und offen und passt menschlich gut dazu. Wir haben wirklich Glück gehabt. Nicht, weil Johannes ausgestiegen ist, sondern dass Igmar in die Band gekommen ist. Wir wissen, dass es auch ganz anders hätte enden können.
Guido Diesing: Nach euren bisherigen Aufnahmen ist Radiodream mit der Rückkehr zur reinen Quartettbesetzung ein besonders starkes Statement.
Bernie Mallinger: Wir haben es genau so empfunden, dass es durch die Beschränkung auf nur vier Instrumente, die eine Geschichte erzählen, sogar noch gewinnt. So großartig auch alle Solisten waren, mit denen wir zusammengearbeitet haben, haben wir doch gespürt: Eigentlich steckt alles, was wir brauchen, im Quartett. Das ist das Komprimierteste und gleichzeitig das Stärkste.
Aktuelle CD:
radio.string.quartet.vienna: Radiodream (ACT / edelkultur)
Website: www.radiostringquartet.com
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