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Donnerstag, 17. Mai 2012

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Sänger auf der Trompete - Christoph Titz E-Mail
Von Christoph Giese
Christoph Titz
Bild: Natalia Kepesz


Trotzdem ist der Wahlberliner alles andere als ein Epigone dieser zwei Jazzheroen. »Miles Davis hat immer Super-Musiker aus dem Hut gezaubert. Und jedes Mal, wenn Miles auf der Bühne stand, klang die Band anders. Bei einem Auftritt in Maastricht habe ich das erlebt. Die Band spielte zunächst alleine, und als Miles auf die Bühne kam, wurde alles noch viel tighter. Dieser packende Sound, das hat ihn ausgemacht, auch für mich. Mir ist der Sound meiner Band ebenso wichtig - dass man ein schönes Bett hat, auf das man draufkann. In diesem Punkt ist Miles auch mehr Vorbild für mich als andere. Die Atmosphären, die er erzeugen konnte, waren einfach großartig. Als Trompeter war er auch fantastisch, aber ich habe nie zu Hause gesessen und versucht, Miles nachzuspielen. Dann schon eher Clifford Brown – und ich bin daran verzweifelt. Wahnsinn, sein Solo in ›Cherokee‹ kann man üben bis zum Schwarzwerden ... und es wird nichts!«

Alles was Christoph Titz hört, Einflüsse aus aller Welt, fließen in seine Musik. Rock mag der Trompeter, »ich liebe diesen Telecaster-Gitarrensound«. Überhaupt ist die neue Platte When I Love gitarrenlastiger als das Debüt Magic. »Es ist erlaubt, was gefällt«, sagt Christoph Titz. So hat er auf der neuen Platte, seiner zweiten unter eigenem Namen, auch unterschiedlichste Musiker und Klänge dabei. Etwa den in Köln lebenden iranischen Perkussionisten Afra Mussawisade. »Die meisten Perkussionisten gehen eher in Richtung Latin. Afra ist wesentlich arabischer und afrikanischer unterwegs mit seinem ganz speziellen Percussion-Set und hat einen ganz eigenen Sound«, erklärt Christoph Titz. »Und dadurch kommt schon ein ganz anderer Klang in meine Musik. Den Nay-Spieler von meiner neuen Platte habe ich in Syrien kennen gelernt, als ich dort mit Manfred Leuchter unterwegs war. Ich hatte mein Laptop dabei und den Song ›Two of a Kind‹ schon länger zu Hause liegen, ohne recht zu wissen, was genau ich mit dem Stück machen sollte. Die Trompete alleine war mir irgendwie zu wenig ... und dann habe ich Mouslim Rahal das üben und später dann einspielen lassen. Das zweite Stück mit Nay ist ›Damask‹. Das habe ich in Syrien geschrieben. Und dann kam Mouslim Rahal noch einmal mit mehreren Syrern für ein Konzert nach Deutschland, und wir haben ›Damask‹ dann hier aufgenommen, zusammen mit Jamal Al Saqa auf dem Riq.«

Dass Christoph Titz ständig mit seinem Laptop umherreist, ist aber nicht unbedingt der Fall. »Ich bin auch keiner, der Klänge aus Kairo aufnimmt, um das dann zu verarbeiten.« Ohnehin sind weltmusikalische Klänge als Farben bei Titz willkommen, mehr nicht. Was ist seine Musik denn überhaupt? »Schon Pop«, betont der Trompeter. »Ich sehe das mehr als Songwriting. Und ich sehe auch mich mehr als Songwriter denn als großen Trompeter. Die Thematik und die Melodie, der Anfang und das Ende sind mir sehr wichtig. Einfach komplette Formen, wie man sie in der Popmusik findet. In Polen wird meine Musik oft Smooth Jazz genannt. Das ist sie aber auch nicht; sie ist nicht süß. Ich bin einfach ein spielender Songwriter.«

Ein Songwriter, der aber nicht singt. »Ich bin eben kein Lyriker, was ich sehr bedauere. Ich würde auch gerne Texte schreiben, habe es aber noch nicht versucht und weiß auch nicht so genau, wie ich da rangehen soll. Wenn ich mit meiner Trompete etwas spiele und Gefühle ausdrücke, kann ich mich hinter meiner Unklarheit verstecken. Aber wenn ich Wörter benutzen würde, käme ich mir schnell plakativ vor. Das Problem habe ich mit der Trompete nicht. Aber das Texten interessiert mich dennoch.« Eine Idee, die Christoph Titz jetzt schon hat, bereits vorhandene eigene Stücke, die es auf die bislang zwei CDs oder auch noch nicht auf Tonträger geschafft haben, singen zu lassen. »Dieser umgekehrte Weg, Instrumentalstücke mit Vocals zu versehen, interessiert mich, und ich habe auch schon mal mit Textern gesprochen. Mal schauen, ob ich Sänger, die ich mag, für so etwas gewinnen kann.«

Christoph Titz hat eben ganz eigene Ansichten, was seine Musik betrifft. Das Covern von bekannten Kompositionen anderer mag er zum Beispiel nicht besonders. »Ich weiß nicht, ob ich irgendwann mal Jazzstandards aufnehmen könnte. Bisher habe ich noch keinen Weg dazu gefunden. Ich kann die Standards wohl spielen, aber ich finde das nicht so faszinierend. Was ein Brad Mehldau allerdings damit macht, das finde ich schon beachtlich. Aber manche Stücke wie ›Summertime‹ müssten als Covernummern verboten werden. Mich stört vor allem auch die Herangehensweise vieler junger Musiker. Sie studieren Musik, wollen Musiker werden und fangen dann an, eine Coverband zu gründen. Das ist für mich ein Holzweg.«

Es ist bei solchen Aussagen fast logisch, dass auf When I Love alle Stücke selbst vom Bandleader komponiert wurden.

Richtig gut läuft es für Christoph Titz seit einem Jahr in Polen - dank Natalia. Die gebürtige Polin lernte Christoph Titz bei einem Konzert in Köln kennen und später auch lieben. Und Natalia knüpfte irgendwann einfach mal Kontakte in die alte Heimat, schrieb Briefe und verschickte CDs von ihm. Mit Fortune, denn im August letzten Jahres hatte der Trompeter seinen ersten Auftritt beim internationalen Sommer-Open-Air-Event »Festiwal Jazz Na Starowce« in Warschau. Es wurde ein Riesenerfolg, so dass Christoph Titz in diesem August schon wiederkommen durfte und vor 5.000 Zuhörern derart begeisterte, dass er anschließend 300 CDs verkaufte. »Das ist der absolute Verkaufsrekord dort in Warschau«, ist Titz zu Recht stolz. Das polnische Radio und auch die Klubs in Krakau und anderen Städten laden Titz und seine Band seit dem letzten Jahr immer wieder ein. Ein schöner Erfolg für den sympathischen Musiker aus Stolberg bei Aachen, der mit seinem aktuellen Wohnort Berlin alleine schon wegen der Nähe zu Polen optimal positioniert ist. Mit seinem neu gegründeten, eigenen Label Marotymusic möchte der Trompeter seine Unabhängigkeit beibehalten. Und mit Natalia hat er nicht nur eine private, sondern mittlerweile auch eine berufliche Partnerin an seiner Seite. Die Welt könnte grauer sein für Christoph Titz.


Aktuelle CD:
Christoph Titz: When I Love (Marotymusic / www.marotymusic.com)