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Sebastian Gille - Losgehen, um den richtigen Platz zu finden |
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Von Tobias Richtsteig
Bild: Konstantin Kern
Diese Charaktereigenschaft ist ihm so wichtig, dass er eins der Stücke auf seinem Debütalbum Anthem nach ihr benannt hat. Naheliegend, wie er findet: »Musik beschreibt einfach den Charakter eines Menschen. Wenn ich jemanden spielen höre, dann zeigt er, was hinter der Fassade ist, oder zumindest ein Stück seines Inneren.« Der Saxofonist hat keine Angst, mit so großen Begriffen zu hantieren. Muss er auch nicht. Schließlich gibt es da diese CD mit seiner eigenen Musik. Und jeder Takt beweist, wie ernst er es meint. Vielleicht ist Gille kein Charismatiker, wie Miles Davis einer war, oder Elvis. Sicher aber gewährt er seinen Zuhörern einen Blick »hinter die Fassade«. Und erweist sich als ausgereifter Charakter.
Eine Summe aus allem
Sebastian Gille hat sich Zeit gelassen mit seinem Debüt. Er ist jetzt 28, spielt schon sein halbes Leben Saxofon und hat sich in den vergangenen Jahren zumindest in Hamburg einen Namen als außergewöhnlicher Musiker gemacht. Zunächst in der kleinen, aber umtriebigen Szene, die vom Zustrom neuer Stimmen an den Jazz-Studiengang der Hochschule lebt. Im ehemaligen Hafenbahnhof Altona richtete er sich die Konzertreihe Jazzraum ein und lud Gäste wie Niels Klein (sax, cl), Rainer Böhm (p), Ziv Ravitz (dr), Matthias Pichler (b) oder Sebastian Merk (dr) ein. Er selbst gewährleistete als »roter Faden«, dass die spannenden Konzerte nichts mit der Beliebigkeit von Jazzsessions gemein hatten.
Da an der Hamburger Hochschule auch Musiker der NDR Bigband unterrichten und auf Gille aufmerksam wurden, wurde er eingeladen, als in dem Rundfunk-Ensemble ein Saxofonist als Aushilfe gebraucht wurde. Immer wieder mal ist er seither im Studio und bei Konzerten dabei, hat so bereits mit Al Jarreau, Rolf Kühn, Norma Winstone, Arrangeuren wie Maria Schneider, Colin Towns, Steve Gray und vielen anderen gearbeitet. Das ist nicht nur gut für die entsprechende Auflistung in der Biografie. Es hat auch seine Entwicklung als Musiker geprägt, sagt er.
»Ich glaube, dass das einfach eine Summe aus allem ist. Zum einen das Hören von Aufnahmen. Ich hab Coltrane nie live spielen hören, auch Joe Henderson nicht. Aber was ich auf deren Platten höre, das überträgt sich trotzdem. Und der nächste Punkt sind die eigenen Erfahrungen, die man halt macht, indem man mit Leuten spielt, die jetzt da sind, für mich zum Beispiel Christof Lauer. Wenn ich ab und zu in der NDR Bigband aushelfe, wo auch unglaubliche Musiker sind wie Claus Stötter oder Vladyslav Sendecki, die Erfahrungen, die ich mit so vielen unterschiedlichen Musikern habe sammeln können – das ist, glaube ich, das, was dann im Endeffekt meinen Sound herauskommen lässt. Andererseits denke ich auch viel darüber nach: Wo kann ich meinen Sound eigentlich am besten platzieren? Wo passt er am besten hin? Und deswegen war’s für mich so ein wichtiger Schritt, meine eigene Band zu haben und meine Stücke zu schreiben und zu hören: Was macht meinen Sound aus? Und wo gehöre ich hin?«
Einfach nur Zufall
In der NDR Bigband traf er vor ein paar Jahren auch Robert Landfermann. Die Bassistenstelle war neu zu besetzen, und der Kölner stellte sich vor. Die beiden jungen Musiker freundeten sich an und luden sich gegenseitig zum Spiel in verschiedensten Konstellationen ein. In der Band von Frank Wingold lernte Gille dann Jonas Burgwinkel kennen, Landfermanns Kollegen im Pablo Held Trio. Schließlich bildete der Hamburger Saxofonist mit den drei Kölnern ein Quartett. »Da hat man sofort gemerkt, dass uns mehr verbindet als nur die Musik«, berichtet Gille aus seiner Erinnerung.
Das Pablo Held Trio hatte gerade viel Aufsehen mit der Entscheidung erregt, ohne feste Setlist aufzutreten. Das Navigieren zwischen sorgfältig miteinander erspielten Stücken und dem spontanen Austausch diversester Musik-Ideen prägt auch heute noch ihre Konzerte. »Da haben wir dieselbe Vorstellung«, sagt Gille. »Das war von Anfang an zu spüren, dass wir da dasselbe verfolgen, dieselbe Idee haben. So ging es eigentlich gar nicht anders: Es musste einfach mit den dreien sein. Und es ist nur Zufall, dass sie nebenbei auch noch die im Moment in Deutschland angesagteste oder auch interessanteste Rhythmusgruppe sind.« Viel entscheidender war für den Saxofonisten »diese generelle Flexibilität der drei: Robert und Jonas als Rhythmusgruppe, Pablos Art, mit Harmonien umzugehen«. Und die Spielhaltung: »Keiner von uns drängt sich in den Mittelpunkt. Sicherlich, wenn der eine ein Solo spielt, ist der Spot auf ihm, aber es geht trotzdem um den langen Bogen. Es soll sozusagen um nichts gehen außer um die Musik!«
Die Tradition respektieren
Was Sebastian Gille mit dem Primat der Musik meint, verdeutlicht er ausgerechnet an den zwei Standard-Songs, die er auf seiner Debüt-CD nahezu unbemerkt unter die Eigenkompositionen gemischt hat. Den »Barbara Song« von Brecht/Weill habe er einst auf The Individualism of Gil Evans kennengelernt, erzählt er. Die starke Melodie (auf dieser Lieblingsplatte im Saxofonsolo von Wayne Shorter interpretiert) wollte er unbedingt auch selbst aufnehmen, schnörkellos: »Einfach um dieses wahnsinnige Stück zu spielen. Das ist auch mein Respekt der Tradition gegenüber. Zu zeigen: Hey, sicherlich, das ist meine Musik. Ich liebe diese Musik - wir spielen sie aber so.«
Gille weiß sich da eins mit seinen Kollegen. So kam »You Won’t Forget Me« ins Programm: »Das war eigentlich Pablos Idee, ein Stück, das ihn schon sein ganzes Leben begleitet hat. Er wollte das damals unbedingt im Deutschlandfunk aufnehmen, es hat aber dann stilistisch nicht auf seine Platte gepasst. Wir haben überlegt, dass es einfach total schade wäre, wenn’s nicht rauskäme.« Bei den besagten Aufnahmen im Kölner Kammermusiksaal, zu denen Pablo Held den Hamburger Saxofonisten eingeladen hatte, entstand Glow, ein Großensemble-Album, das den Komponisten Held in verschiedenen Kontexten präsentierte. Für Gille wurden die Aufnahme-Sessions zum Erstkontakt mit Jason Seizer von Pirouet Records, der umgehend vorschlug, Gille solle doch selbst für das Label aufnehmen. »Der perfekte Moment«, freut sich der Musiker noch heute.
Auf die Suche begeben
Kurz vor den Aufnahmen seines Debüts hat Gille dann ein neues Instrument in sein Repertoire aufgenommen: die Altklarinette, mit der er den »Epilogue« vorstellt. »Von der Größe her lag mir diese Klarinette gleich sehr nah, das fühlt sich wie ein Tenor an. Vom Sound her ist das aber was komplett anderes. Ich merkte gleich: Darauf versuche ich ganz andere Wege. Weil’s der Sound hergibt. Man kommt viel tiefer damit als mit dem Saxofon, andererseits hat man diese Höhe, diese Brillanz, etwas sehr Gesangliches.«
Überhaupt ist »Stimme« für Gille eine wichtige Qualität. Eigentlich ist sein delikater Ton eine klangliche Gratwanderung. Leise und zart bewegt er sich gerade oberhalb der Grenze der Spielbarkeit, mit etwas mehr Luft drohte er, in der schweren Bossa-Nova-Süße à la Stan Getz zu verkleben. Doch er lässt sich davon nicht einfangen und findet seinen eigenen, überzeugenden Brustton. »Gerade, wenn ich im Konzert allein spiele, dann merke ich manchmal: Hey, ich singe da mit, häufig sogar einen ganz hohen Ton. Ich hör’ das einfach so. Den oberen Bereich im Tenor verbinde ich einfach mit so einem Schreien. Das kommt von selbst, ist ganz tief in mir. Wie bei einem Sänger – der ist ja auch direkt mit seinen Stimmbändern verbunden.«
Als professioneller Saxofonist mit gelegentlichen Bigband-Engagements spielt Sebastian Gille natürlich auch Sopransaxofon; und ist froh, ein für sich passendes Instrument der Marke Conn gefunden zu haben. »Sopran hat mich nie so wirklich berührt, bis ich dieses Instrument vor zwei Jahren für mich entdeckt habe. Ich hab es angeblasen - und sofort hatte ich 1.000 Ideen. Das Conn lässt sich gar nicht so leicht spielen. Von der Intonation her hat man so viele Möglichkeiten, das ist manchmal schwer zu kontrollieren. Aber das macht es für mich so besonders, weil es einem gar nicht erlaubt, eine Routine aufzubauen. Und das ist das, was für mich ein Instrument haben muss: dass ich spüre, da ist irgendwas, da muss, da will ich mich auf die Suche begeben.«
Die Perspektive zählt
Nach dem Release-Konzert Ende Oktober beim Hamburger Überjazz-Festival ist Sebastian Gilles CD mit Robert Landfermann, Jonas Burgwinkel und Pablo Held nun endlich auch im Handel. Das Cover ziert eins dieser für Pirouet typischen Vexierbilder zwischen detailliertem Realismus und Abstraktion. Eine Luftaufnahme eines nur teilweise schneebedeckten Gebirges – Schwarz-Weiß-Strukturen mit magischer Anziehungskraft, unnahbares, schroffes Granit. Ein passendes Bild: Wer dieses Album hört, begibt sich mit den Musikern auf einen Höhenflug mit großen Momenten, weiten Ausblicken und der befreienden Idee, dass irgendwo in diesem Universum für jeden der richtige Platz wartet. Man muss nur losgehen, um ihn zu finden.
Aktuelle CD:
Sebastian Gille: Anthem (Pirouet / edelkultur)
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