jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Anzeige

Samstag, 4. Februar 2012

Home
Abo
 
Termine
Probeheft
Linksammlung
Mediadaten
Impressum
Kontakt
 
Archiv
Onlineshop
Home arrow Archiv arrow Tingvall Trio - Keine Selbstverständlichkeit
Tingvall Trio - Keine Selbstverständlichkeit E-Mail
Von Tobias RichtsteigTingvall Trio - Keine Selbstverständlichkeit
Bild: Uwe Neumann

Es ist schon das dritte mit dem Tingvall Trio. Seit 2006 hat sich die kleine Band ein begeistertes Publikum erspielt, inzwischen auch international. Vielleicht ist es die übersprudelnde Emotionalität der Melodien mit Ohrwurmqualitäten, die so unmittelbar überzeugt. Vielleicht auch die wohltuende Mischung der Mentalitäten von Martin Tingvall (p, Schweden), Omar Rodriguez Calvo (b, Kuba) und Jürgen Spiegel (dr, Deutschland), die in den Arrangements des Trios ihre Spuren hinterlassen. Immer wieder erreichen ihre Konzerte auch in kleinen Jazzkellern die Intensität von Stadion-Rock. Man könnte auch von aufbrausenden Wassermassen reden, wie Tingvall das schon mit seinem Debüt Skagerrag (2006) tat, benannt nach jener stürmischen Meerenge, in der Nord- und Ostsee zusammenstoßen. Die Wasser-Metapher trug auch das Nachfolge-Album Norr (2008) (dt.: Norden), und mit Vattensaga (dt.: Wassersage) rückt das Tingvall Trio das Thema Wasser ausdrücklich in den Mittelpunkt. Fünf Prozent der Verkaufserlöse kommen der Trinkwasser-Initiative Viva con Agua zugute, die in Afrika Brunnen baut.

Tobias Richtsteig: Vattensaga habt ihr euer neues Album genannt – das klingt wie ein schwedisches Märchen ...
Martin Tingvall: Nein, es ist kein Märchen. Wasser ist ein sehr wichtiges Element für mich, und dieses Album habe ich in Südschweden komponiert, direkt am Wasser. Auf dem CD-Cover sieht man den Moment, in dem man eintaucht in eine andere Welt. Das ist so ein bisschen die Idee. Deshalb fangen wir mit »Vag in« an, das heißt »Welle rein« oder eben Intro - und hören mit »Vag ut« auf. Ich glaube, es ist uns ganz gut gelungen, die Musik so organisch zu machen wie Wasser, das sich ja auch ständig ändert – mit fließenden Übergängen und so weiter.
Tobias Richtsteig: Eigentlich hatte eure Musik ja schon immer mit Wasser zu tun. Was hat sich denn jetzt verändert?
Martin Tingvall: Ich wollte mal was Neues probieren und hab meinen Kollegen Jan Lundgren nach guten Studios gefragt. Erst mal hat er über ein paar Studios in Schweden geredet. Dann sagte er so nebenbei: »Aber ich war ja gerade in Italien und habe auf einem ›Fazioli‹-Flügel aufgenommen.« Und da war ich sofort sehr neugierig, weil - als wir unser zweites Album Norr gemastert haben, stand da so ein »Fazioli«. Ich hatte ein bisschen Zeit und dachte: »›Fazioli‹, das klingt wie eine Schokoladenfirma, hochglanzpolierter italienischer Quatsch.« Aber der Flügel war fantastisch. Ich habe mich sofort verliebt. Also sagte ich: »Okay, das ist es. Dazu gibt es bestimmt gutes Essen dort.« Aber Spaß beiseite: Dieses ganze Italien-Erlebnis ist auf dem Album zu hören. Die ersten beiden CDs haben wir auch auf dem Land aufgenommen, ungestört. Aber diesmal waren wir sogar im Ausland, das Telefonieren war teuer, also blieben die Handys aus, Ablenkungen blieben außen vor. Ich finde, das hört man. Wir sind noch mehr zusammen. Aber klar - wir haben inzwischen auch schon ein paar Jahre zusammengespielt.
Tobias Richtsteig: Was ist denn so besonders an diesem »Fazioli«-Flügel?
Martin Tingvall: Der hat einen ganz eigenen Klang - das ist nicht jedermanns Sache. Es werden nur ganz wenige davon gebaut. Die verwenden das Stradivarius-Holz, also wirklich aus jenem Wald dort. Dann war der Flügel da im Studio sehr schwer zu spielen, ich hatte große Probleme. Am ersten Tag war ich verzweifelt - aber dann haben wir uns angefreundet.
Tobias Richtsteig: Noch mal zum Thema Wasser: Ihr weist im Booklet auf den Verein »Viva con Agua« hin – bei uns macht sonst der FC St. Pauli für diese Initiative Werbung.
Martin Tingvall: Das ist das erste Mal, dass wir was unterstützen. »Viva con Agua« bauen Brunnen in Afrika und machen ganz viel für Wasser. Für uns ist ja Zugang zum Wasser normal. Wenn wir durstig sind, gehen wir zum Hahn und trinken. Aber in großen Teilen der Welt ist das nicht so. Da ist Wasser eine Luxusware! Wir unterstützen mit 5% der verkauften CDs diese St.-Pauli-Organisation. Das fühlt sich auch richtig gut an, weil Hamburg St. Pauli unsere Basis ist. Es ist einfach wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Wasser eben nichts Selbstverständliches ist.

Theoretisch in Thailand

Tobias Richtsteig: Du lebst nicht das ganze Jahr in Hamburg.
Martin Tingvall: In Schweden wohne ich auf dem Dorf, zum Komponieren und Freundetreffen, direkt am Meer, sehr idyllisch. Für mich eine inspirative Umgebung. Und man kann ja auch viel über das Internet erledigen. Neulich habe ich etwas komponiert für das neue Album von Gunter Gabriel. Dann sitze ich in Schweden und schicke Files nach Berlin, da spielt jemand Schlagzeug drauf. Dann schicke ich ein paar Files nach Köln, dass jemand den Text macht. Für mich ist das noch Neuland - aber es funktioniert wunderbar. Ich könnte theoretisch auch in Thailand sitzen. Aber Hamburg finde ich Klasse. Es ist doppelt so groß wie Stockholm - und das ist die größte Stadt Schwedens! Es passiert so viel in Hamburg. Und doch ist es für mich sehr familiär. Es gibt keine Stadt in Schweden, wo ich mich so zu Hause fühle wie in Hamburg. Grade hab ich einen alten »Steinway« gekauft - der ist ja auch in Hamburg gemacht - von 1860. 340 Kilo, hoch in die Wohnung. Da kann man auch wunderbar komponieren und natürlich hab ich auch viele Freunde in der Stadt.
Tobias Richtsteig: Ist das Tingvall Trio dann eher ein schwedisches Trio oder ein deutsches?
Martin Tingvall: Es ist nicht schwedisch, nicht deutsch. Es ist ein internationales Trio, weil - auch wenn es Hamburg als Basis hat - es ja nicht Deutsch klingt. Und jetzt kommen wir auf ein ganz heikles Thema: Was ist Deutsch im Jazz? Das ist ja grobes Generalisieren. Aber ich finde, dass man bei uns ganz deutlich meine Einflüsse von der schwedischen Musik hört, und Jürgen hat viel mit afrikanischer Musik zu tun. Das ist lustig: Er wird immer als der hart schlagende Rockschlagzeuger dargestellt, aber das ist alles Quatsch. Er hat auch Rock gemacht, spielt aber viel mit afrikanischen Musikern und komponiert auch arabische, also East-meets-West-Projekte. Mit ethnischer Musik hat Jürgen sehr viel am Hut. Omar hat viele unterschiedliche Jazz-Einflüsse und natürlich kubanische Musik. Ich hab ja viel Rock gemacht. Zum Beispiel mit Udo Lindenberg, oder auch Popmusik früher mit Orange Blue oder Inga Rumpf. Soul und so. Das Tingvall Trio spielt internationale Musik. Man hört natürlich die schwedischen Themen und so, aber wenn man einen ganzen Song durchhört, gibt es ganz viele Einflüsse.

Kuchen machen

Tobias Richtsteig: Von Esbjörn Svensson über Jan Lundgren zu Jakob Karlzon und Tingvall Trio – warum sind schwedische Klaviertrios so prägnant?
Martin Tingvall: Ich glaube, man muss das ein bisschen breiter sehen: Es liegt an der schwedischen Volksmusik und am schwedischen Schulsystem. Man kann in Schweden Volksmusik studieren, und zwar fünf, sechs Jahre lang, auf Universitätsniveau. Es gibt kaum ein Land auf der Welt, wo man seine eigene Kultur tatsächlich studieren kann. Ich habe in der Musikhochschule auch ein Volksmusik-Ensemble gehabt, das war ein fantastischer Luxus. Das ist auch ein Grund, dass die Schweden so einen eigenen Sound haben - nicht nur auf dem Klavier. Ich meine: all diese Sängerinnen, die Schweden produziert!
Tobias Richtsteig: Spätestens seit Esbjörn Svensson sind Schweden aber auch dafür bekannt, zwischen Rock/Pop und Jazz keine starke Trennlinien zu ziehen …
Martin Tingvall: Vielleicht ist es ein bisschen lockerer als in Deutschland - ich bin aber eigentlich immer vorsichtig mit Vergleichen. Weil man oft das in die Waage legt, was man so sieht und was man toll findet, und das ist doch sehr subjektiv. Es gibt ja auch Jazztraditionalisten, die vielleicht denken, dass Tingvall Trio ja gar kein Jazz ist. Und ich finde es wunderbar, dass die das denken. Wir machen ja keinen Jazz wie damals, wir versuchen 2009er-Jazz zu machen, ein Mensch aus Kuba, ein Deutscher und ein Schwede! Mit unseren ganz unterschiedlichen Backgrounds und der unterschiedlichen Musik, die wir machen. Wie wir Kuchen aus diesem Teig machen, das finde ich sehr spannend.

Respekt

Tobias Richtsteig: Von Skagerrag bis Vattensaga wirken eure Alben beinahe wie eine Trilogie. Habt ihr schon Pläne, wie es weitergeht?
Martin Tingvall: Diese drei Alben gehören nicht nur optisch zusammen, sondern auch musikalisch. Das ist eine musikalische Reise, die wir zusammen gemacht haben. Man kann das vielleicht mit einem Buch vergleichen. Drei große Kapitel, und jedes Kapitel ist ein Album. Wie Kapitel vier wird, ist schwer zu sagen, aber ich habe schon viele Ideen. Ich würde gern versuchen, all das, was Vattensaga ausmacht, diese Tiefe, die Höhepunkte und die Ruhepole, die Ausbrüche und das Chaos, mit ganz anderen Mitteln zu erreichen.
Tobias Richtsteig: Werden die beiden anderen im Trio auch Ideen beisteuern?
Martin Tingvall: Klar haben die auch ihre eigene Meinung - wir sind eine Band. Kann schon mal sein, dass ich mit einer Idee komme und die sagen: »Nee, das klingt komisch, das klingt verkopft.« Wir müssen alle 100-prozentig dahinterstehen. Sonst macht es keinen Sinn.
Tobias Richtsteig: Du bist jetzt zu einem Solokonzert nach Prag eingeladen. Was wirst du da spielen?
Martin Tingvall: Das ist sehr aufregend. Das erste Mal, dass ich als Profi solo live spiele. Es gibt ja auf dem ersten Album ein Solostück und es gibt auf dem zweiten Album ein Solostück - und es gibt viele Stücke, die auch solo funktionieren. Ich muss das noch vorbereiten. Wichtig ist dabei, die eine Stunde Konzert auch dramaturgisch aufzubauen. Und das mit meinem Können - ich bin ja nicht Michel Camilo oder Keith Jarrett! Ich habe schon gewisse Stärken, aber ich bin nicht der weltbeste Techniker auf dem Klavier. Ich werde versuchen, meine Musik auf dem Soloklavier bestmöglich darzustellen. Das ist schon eine Herausforderung. Im Trio entwickelt sich die Dramaturgie ja quasi unterwegs, während wir spielen. Ich bin so stolz auf dieses Trio, weil wir so großen Respekt füreinander haben. Jeder lässt dem anderen Platz. Wenn z.B. eigentlich gerade kein Schlagzeugsolo vorgesehen war - wenn Jürgen was einfällt, das stark ist, dann lassen wir ihn das machen. Man muss sich eben kennen lernen und wissen, wann man was zu sagen hat und wann nicht. Aufmerksam sein. Das hat auch mit großem Respekt und mit Freundschaft zu tun. Genau so sind wir auf dem Weg zum eigenen Sound - als Tingvall Trio.


Aktuelles Album:
Tingvall Trio: Vattensaga (Skip / Soulfood)

Websites:
www.vivaconagua.org
www.tingvall-trio.de