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Tom van der Geld - Balladen und Lakritze |
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Von Angela Ballhorn
Eine Art der Intimität, die Tom van der Geld dem Pianisten Bill Evans dankt: »Er hatte eine empfindsame und klare Art, Balladen umzusetzen, deswegen möchte ich mich in seinem Kielwasser bewegen. Es gibt nur wenige Musiker, denen man jeden Ton glaubt. Ich möchte Gesangslinien hören, dass die Musik unter die Haut geht. Miles Davis war ein Meister der Reduktion, was mit einer gewissen Reife zu tun hat. Wenn man den Flügelhornisten Ack van Rooyen hört, hört man in jeder Note die Wahrheit in reduzierter Form. Die Klarheit und Wärme in seinem Spiel bewegen mich sehr.«
Nackt im Studio
Die Auswahl der Songs bildet einen schlüssigen Bogen auf der CD, sie nehmen den Zuhörer gefangen. Diese reduzierte Form des Solospiels als einfach zu bezeichnen, wäre falsch. Eine Solo-CD aufzunehmen, gehört wohl zum Anspruchsvollsten, das ein Musiker sich abfordern kann. »Bei einer Rose denkt man an eine Rose, aber Rose ist ja nicht gleich Rose«, allegorisiert van der Geld. »Das Gleiche gilt für diese Balladen. Der musikalische Ausdruck ist immer ähnlich, aber es gibt immer andere Schattierungen. Ich wollte ohne Overdubs und technische Tricks arbeiten. In dieser intimen Situation ist man nackt, kann sich nur auf sich selbst verlassen. Hinterher war ich selbst überrascht von der Ruhe der Aufnahme. Ich habe viele positive Kommentare von Leuten bekommen, die nichts mit Musik zu tun haben. Die schätzen vor allem die meditative Stimmung der Musik.« Verglichen mit den unterschiedlichen Timbres eines Flügels sei das Vibrafon dafür nicht immer ein dankbares Instrument, meint van der Geld: »Die drei Oktaven sind relativ hoch gesetzt, einer Trompete ähnlich. Das wirkt auf nicht wenige Menschen auf Dauer ermüdend.« Sein Wunsch sei es, das Instrument wie eine weibliche Stimme klingen zu lassen, im Gegensatz zu vielen Mallet-Spielern, die immer viele Noten spielen müssen, frei nach dem alten Witz über den Musiker, der deshalb so viele Töne spielt, weil er glaubt, dass er pro Note bezahlt wird.
»Ich habe auch Free Jazz gespielt, obwohl meine Band Children At Play nie eine ›Brennende-Häuser-und-sterbende-Kinder-Katastrophen-Musik‹ spielte. Damals haben wir Fans verloren, weil es da viele Scharlatane gab - Leute, die sich ein Saxofon kauften und zwei Wochen später als Free-Jazzer auf der Bühne standen. Auch im Free Jazz existiert für mich immer der lyrische Gedanke und der Wunsch nach Wärme. Paul Bley und das Art Ensemble of Chicago haben sehr fragile Sachen gespielt.«
Warum er nur Fremdkompositionen aufgenommen habe, ist Tom van der Geld schon öfter gefragt worden. »Die alten Stücke des Great American Song Book erzählen - zusammen mit ihren Texten - unglaubliche Geschichten. Dexter Gordon hat einmal mitten in einem dieser Songs sein Solo abgebrochen und auf Nachfrage geantwortet: ›Ich habe den Text vergessen.‹ Es ist schade, dass es kaum noch Texter-Komponisten-Gespanne gibt. Die Stücke sind Juwelen«, meint van der Geld, »zeitlos - wie die Spielweise von Bill Evans. Auch fast 30 Jahre nach seinem Tod. Er ist wie ein Leuchtturm, unübersehbar.« Nicht zuletzt deshalb habe er Stücke aus Evans’ Repertoire übernommen; Ralph Towners »Tramonto« (»Die Tiefe muss erst noch erforscht werden«) und Miles Davis’ »Circle« (»Bei jedem Durchgang ändert sich die Form«) sind Kompositionen, die den Vibrafonisten, der an deutschen Hochschulen Komposition und Gehörbildung unterrichtet, wegen ihrer Form beeindruckt haben.
Laterale Bewegungen
Dass Tom van der Geld eine Solo-CD aufgenommen hat, ist eine Fügung des Schicksals, das es zuletzt nicht sehr gut mit ihm meinte. Vor acht Jahren konnte er wegen großer Schmerzen in den Handgelenken nicht mehr spielen, und es sah lange so aus, als würde er es nie wieder können. Der 61-Jährige erlebte den Alptraum eines jeden Musikers. »Das war teils genetisch bedingt«, erläutert er, »und teils durch meine Spieltechnik, in der ich viele laterale Handbewegungen mache. Auf Dauer ist das wohl nicht günstig. Also habe ich mich um meine akademische Qualifikation und meine Doktorarbeit gekümmert. Sieben Jahre, in denen ich ziemlich weit vom Instrument weg war.«
Die Auseinandersetzung mit seiner Musik in jenen Tagen drehte sich nur um sein Solo-Repertoire, und die neue Aufnahme ist Teil davon: »Ein wichtiger Bestandteil, der sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Dass ich zwei Jahre lang nicht spielen konnte, schmerzte; dass mir Kollegen heute sagen, mein Spiel sei besser denn je, freut mich sehr.«
Zurzeit schreibt van der Geld Stücke für ein Projekt mit Studenten seines Repertoire-Kurses, die er in verschiedenen Besetzungen aufnehmen möchte, und Konzerte sind geplant. Aber: »Mit diesem Projekt zwei Sets in einem Club zu spielen, ist ausgeschlossen. Dafür bräuchte ich ein konzertantes Ambiente. Aber ich könnte mir Lesungen mit Musik vorstellen, mit Tanz, Vernissagen; oder einen Abend mit zwei Solisten, die später gemeinsam musizieren. Die Verknüpfung mit anderen Künsten wäre gut.«
Vorerst müssen sich Jazzinteressierte entscheiden, ob sie Lakritze mögen oder eher nicht. Probieren geht über Studieren. Auch und gerade, wenn es um Lakritze geht. Und um Musik natürlich.
Aktuelles Album:
Tom van der Geld: Watching the Waves (Nine Ballads) (Rodenstein Records)
Website:
www.tomvandergeld.de
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