|
|
Home Archiv Tomasz Stanko - A Polish Man in New York |
|
Tomasz Stanko - A Polish Man in New York |
|
Von Wolf Kampmann
Als einer der ersten osteuropäischen Jazzmusiker konnte er sich eine Karriere im Westen aufbauen, ohne sein Land verlassen zu müssen. Und als einer der ganz wenigen blieb er in Polen, als sich die halbe Jazznation in die USA aufmachte, um dort kläglich zu stranden. Seither hat er unentwegt neue Projekte aufgebaut und vor allem im neuen Jahrtausend mit seinem jungen polnischen Quartett um Marcin Wasilewski Aufsehen erregt.
Künstlerische Ferien
Und plötzlich findet sich dieser Tomasz Stanko in New York wieder. »Ich mag große Städte«, wiegelt er ab. »Ich bin ein Kunstkonsument und fühle mich als Mitglied großer Gemeinschaften wohl. Ich lebe ja nur vorübergehend in New York, seit etwas mehr als einem Jahr.« Doch ganz so flüchtig ist seine Liebe zu New York wohl doch nicht, denn auf seinem neuen Album Dark Eyes sind mit »Grand Central« und »Amsterdam Avenue« immerhin zwei Stücke, die New York gewidmet sind. Auch wenn das Album insgesamt sehr ruhig und nachdenklich ist, spürt man unter der Oberfläche einen Puls, der einiges mit New York gemein haben könnte. »Ich befinde mich hier in einer sehr speziellen Situation«, frohlockt der Trompeter. »Ich lebe zwar hier, arbeite im Gegensatz zu den meisten anderen New Yorker Musikern aber kaum in New York. Ich spiele ja nur mit meinem eigenen Projekt, bin also nicht so auf Engagements angewiesen. Dieses Jahr hatte ich allerdings einen Gig mit Craig Taborn, Thomas Morgan und Jim Black. Nächstes Jahr werde ich in den USA touren, um meine neue CD zu promoten, und im Birdland auftreten. Das ist mein wichtigster Spielort in New York. Ich kann dort spielen, so oft ich will. Aber ich lasse mich in den New Yorker Clubs gar nicht so oft sehen. Für mich ist die Stadt eher ein Ort, an dem ich leben, über mich selbst nachdenken und komponieren kann. Niemand stört mich hier. Meine Tochter kümmert sich ums Geschäft. Nur mit ihr bin ich ständig in Kontakt. Das ist wie Ferien. Künstlerische Ferien, die ich wirklich genieße. Ich liebe die vielen guten Restaurants, lebe in der Nähe vom Central Park und kann jeden Morgen meine Nordic-Walking-Runden drehen. Das ist so ein gutes und gesundes Lebensgefühl.«
Zeit zum Komponieren hat er sich tatsächlich genommen, denn das Material auf Dark Eyes ist in seiner formvollendeten Schwermut so schön wie der bunt erleuchtete Nachthimmel von New York, und voller Magie, die alte Zeiten heraufbeschwört und doch ganz im Hier und Jetzt spielt. Eine große Überraschung ist dabei seine Band. Dass er nach drei gemeinsamen Alben das selbstbewusste Marcin Wasilewski Trio seiner Wege ziehen ließ, ist eine Entscheidung, wie sie in Jazzkreisen nicht ungewöhnlich ist. Die machen ihren Weg auch ohne ihren Mentor. Aber neben Pianist Alexi Tuomarila und Drummer Olavi Louhivuori (beide aus Finnland) sowie dem dänischen Bassisten Anders Christensen hat er mit Jakob Bro auch einen Gitarristen in der Band. Das mag von außen besehen zumindest ungewöhnlich sein, allerdings nicht für Stanko selbst: »Ich denke oft an die Gitarre. Sie ist sowohl ein Harmonie- als auch ein Melodie-Instrument. Jakob Bro ist der perfekte Gitarrist für mich. Er spielt nicht zu viel, kann zuhören und legt fantastische Unisoni mit mir hin. Eigentlich sind es zwei Gitarren, der elektrische Bass ist ja auch eine Gitarre. Ich kann damit unglaublich viele Sounds erzielen. Vor allem die Unisoni von Gitarre, Piano und Trompete klingen in meinen Ohren sehr schön.«
Melodische Zentren
Es ist schwer, Stankos Musik zu kategorisieren. Vielleicht nähert er sich mit seinem neuen Album informell ein wenig dem Jazzrock an, ohne ihn tatsächlich zu spielen. Aber zumindest sein Klangverständnis ist elektrischer. Damit schlösse sich ein Kreis, denn mit seinem Quartett, das er in den Achtzigern in Polen hatte, experimentierte er schon einmal mit Jazzrock. Eine gewollte Rolle rückwärts ist das jetzt jedoch nicht: »Ich denke nicht auf diese Weise. Wenn ich mir über die Persönlichkeiten einer Band bewusst bin, beginne ich zu schreiben. Ich muss immer wissen, für wen ich schreibe, denn ich komponiere sehr langsam. New York half mir sehr, meine Ideen zu formulieren. Mein Appartement in der Amsterdam Avenue ebenso wie die Neue Galerie um die Ecke mit all diesen großartigen Künstlern wie Kokoschka, Klimt und dem Blauen Reiter.«
Und nicht zuletzt auch Miles Davis, der auf derselben Seite des Central Park residierte. Aus seiner Verehrung für Miles Davis hat Stanko nie einen Hehl gemacht; jetzt ist er seinem Spirit auch noch räumlich nahe: »Miles war immer mein Held. In vielfacher Hinsicht, nicht nur im Hinblick auf die Trompete. Ich habe ja nie versucht, wie Miles oder irgendjemand sonst zu klingen, denn ich bin überzeugt, selbst einen recht originellen Sound zu haben. Meine Heiserkeit, meine eigenen melodischen Zentren, mein leicht nostalgisches Feeling ... Trotzdem beziehe ich mich gern auf Giganten wie Miles oder Trane. Komeda nannte das ›Scale Music‹. Er liebte es, dies zu spielen, und erzählte mir viel darüber.«
Überhaupt hat Stanko viel von Kristof Komeda, dem Vater des polnischen Jazz und großartigen Filmkomponisten, gelernt. Dinge, die er heute seinerseits an junge Jazzmusiker weitergibt und somit zum europäischen Allgemeingut macht. Doch wie hat er die jungen Musiker seines neuen Quintetts gefunden? »Ich hatte einen Gig mit Bobo Stenson in Oslo. Alexi spielte zuvor mit seinem eigenen Trio, zu dem auch Olavi gehörte. Ich empfand ihn als sehr guten Pianisten, sammelte ein paar Informationen über ihn im Internet und lud ihn nach Polen ein. Dann spielten wir gemeinsam. Alle jungen Spieler wollen heute free spielen. Ich mag das, denn sie sind eben nicht nur Free-Musiker, sondern können alles spielen. Dadurch kann ich ausgiebig mit Collagen aus vielen Stilen arbeiten. Kürzlich habe ich mit John Abercrombie gespielt und fand Gefallen an der Gitarre. Deshalb sah ich mich nach Gitarristen um und stieß auf diesen Typen, der mit Paul Motian gearbeitet hatte. Ich fragte Paul - und der empfahl ihn mir. Auch Jakob kontaktierte ich über das Internet und jammte mit ihm. Er wiederum empfahl mir Anders Christensen, der ja auch in Motians Band gewesen war. Junge Musiker haben einen ganz anderen Horizont. Für sie ist es ganz selbstverständlich, Stile zu mixen. Sie haben eine andere Art von Distanz zu meiner Musik. Vor allem sind sie frisch und stark. An dieser Frische kann ich partizipieren.«
Eine Zeitlang sah es ja so aus, als würde Stanko sich wieder stärker in der polnischen Szene engagieren. Nun lebt er in New York und arbeitet mit skandinavischen Musikern. Früher hatte er selbst maßgeblich dazu beigetragen, die polnische Jazzszene zu einer der stärksten in Europa zu machen. Wenn er dem Jazz seines Heimatlandes einen solchen Aufschwung heute nicht mehr zutraut, dann nicht, weil es dort an Qualität und Talent mangeln würde. Im Gegenteil: »Je älter diese Musik wird, desto gleichmäßiger sind ihre Zentren verteilt. Heute gibt es in ganz Europa gute Jazzmusiker, nicht nur in Polen. Die Kontakte zwischen Lehrern und Schülern sind international. Es gibt viel mehr Workshops.«
Tomasz Stanko kann sich noch so lange in New York festsetzen, er bleibt doch in der Tiefe seines Herzens ein überzeugter Europäer. Seiner Musik tut das gut.
Aktuelles Album:
Tomasz Stanko: Dark Eyes (ECM / Universal)
Website:
www.tomaszstanko.com
|
|
|
|