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Mittwoch, 22. Februar 2012

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Jazztage Dortmund E-Mail
Text und Bild von Christoph Giese.

Ist das noch Jazz? Nein, und es ist egal! Denn was Nils Petter Molvaer bei den 19. Jazztagen Dortmund im Jazzclub domicil in 90 pausenlosen Minuten zusammen mit dem Gitarristen Stian Westerhus und dem Schlagzeuger Erland Dahlen dem Publikum anbietet, ist mehr als das Verharren in einem musikalischen Genre. Es ist ein audiovisueller Musiktrip, von dem man sich nur zu gerne gefangen nehmen lässt. Vor allem der so physisch Gitarre spielende Stian Westerhus mit seinen dunklen, improvisierten, progressiven und elektronisch geschickt verfremdeten und angereicherten Rockklängen kontrastiert Molvaers Spiel wunderbar. Auch das unermüdlich den Fluss der Musik nach vorne klopfende Schlagzeug von Erland Dahlen packt beim Zuhören.

Es sind die fließenden Stimmungswechsel von zart und zerbrechlich bis hin zu lauten eruptiven Ausbrüchen, die dieses Konzert ausmachen. Die Musik wird dabei immer kongenial unterstützt von abstrakten Visuals, die oft nur die Silhouetten und Bewegungen der Musiker auf einer weißen Leinwand überdimensional und verfremdet wiedergeben und damit eine unglaubliche bildliche Kraft und Atmosphäre entwickeln. Musik als offene gegenseitige Herausforderung, Musik als Gesamtkunstwerk für Augen und Ohren, als Experimentierfeld für weite Spannungsbögen. Nils Petter Molvaer hat mit seinem neuen Trio sein eigenes Spiel nicht grundlegend geändert, die Blutauffrischung in seiner Band aber wirkt sehr belebend.

Frisches Blut hat auch die Musik von Kate Bush injiziert bekommen – durch Theo Bleckmann. Der Sänger hat die Songs der Engländerin ausgedünnt, auf das Wesentliche reduziert, um dann zu sehen, wie er sie mit eigenen Ideen auffüllen kann. Popsongs werden hier bis auf eine Ausnahme nicht zu Jazznummern; die Originale werden eher behutsam in neue Klangwelten geführt. Stück für Stück sezieren Bleckmann und seine exzellente Band die Musik von Kate Bush und setzen sie für sich neu zusammen. Am humorvollsten geschieht das beim Antikriegslied »Army Dreamers«, am radikalsten bei »Violin«. Dieses schon im Original rockige Stück kommt hier mit wild verzerrtem Gesang als krachende Metalnummer um die Ecke.

Der Bandname ist schon mal – unmöglich. Nennen sich Gwilym Simcock (p), Mike Walker (g), Steve Rodby (b) und Adam Nussbaum (dr) doch The Impossible Gentlemen. Doch sie klingen alles andere als »impossible« – dieser britisch-amerikanische Vierer verwöhnte mit großartigen Songs und echten Teamplayern. Auch weil die vier eine herrliche Balance dabei fanden, entspannte jazzige Klänge mit feinen rockigen Gitarrenlinien zu kombinieren.

Grzegorz Karnas ist ebenfalls ein Teamplayer, arbeitet der polnische Sänger doch schon viele Jahre mit denselben Kollegen zusammen. Auch mit dem Cellisten Adam Oleś, der beim Konzert in Dortmund ein wenig in den Fokus rückte und mit seinem Spiel wunderbare Verbindungen zur Stimme des Bandleaders schuf. Karnas ist ein außergewöhnlicher Sänger, ein Klangsucher, der auf Polnisch und Englisch singt, großartig mit Silben herumspielt und improvisiert. Seinen mitunter herrlich abstrakten Gesang kontrastierte der sympathische Pole oft mit recht geradlinigen groovigen Jazzklängen seiner Band. Auch das machte den Reiz seiner Musik aus.

Den Festival-Schlussakkord besorgte Lily Dahab mit ihrer Band. Die argentinische Sängerin kann vieles singen: Tango, Bossa Nova oder argentinische Folklore. Und genau das machte sie gut durchmischt an einem einfach entspannten Abend mit bester Unterhaltung – im ganz positiven Sinne. Festivalleiter Waldo Riedl zeigte sich nach dem letzten verklungenen Ton sehr zufrieden mit den Jazztagen. Das neue Konzept mit einzelnen Konzerten über einen längeren Zeitraum anstelle - wie bisher - eines konzentrierten Wochenendes habe sich bewährt. »Wir sind eben nicht Moers oder Saalfelden, wo ein Publikum von überall her für ein paar intensive Tage zu einem Festival pilgert.«