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Samstag, 4. Februar 2012

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Ryuichi Sakamoto - Authentisch E-Mail
Von Rolf JägerRyuichi Sakamoto - Authentisch
Bild: Kazunali Tajima

Rocker Yukihiro Takahashi (dr, voc), der ehemalige Fusion-Bassist Haruomi Hosono (der schon eine Art Proto-Ambient-Music machte, bevor Eno Federn trug) und der klassisch geschulte Pianist und Keyboarder Sakamoto entwickelten eine japanische Elektro-Pop-Variante, deren Einfluss und Strahlkraft auf jegliche elektronische Musik bis heute nur von Kraftwerk übertroffen wird. Giganten.

Konzeptionell in erster Linie die Kopfgeburt Hosonos, strotzte das divergente Trio vor Kreativität und ließ raus, was kam, auch mal zwei Studioalben im Jahr. Die stilistische Spannkraft lässt sich am ersten resp. vierten Studioalbum ablesen. Yellow Magic Orchestra (1978) ist originärer Plastikpop mit griffiger, stabiler Melodik und einem guten Schuss Ironie, in dem sich die Alte und Neue Welt und der Ferne Osten in kühl modernistischen Song-Modulen neu manifestierten. Technodelic (1981) dagegen, realisiert mit der Sorgfalt und Ernsthaftigkeit von klassischer Musik, ist erwachsen. Gamelan, Boogie-Woogie, Rap, Glam, Kraut, Ambient der zweiten Generation u.a. fügen sich in Designer-Rumpel-Sound zum Pop-Kunstwerk. Ein Exempel in Zeitlosigkeit, das - damals genauso wenig modern wie heute altbacken - folgerichtig nicht als einflussreiches Album gesehen werden kann. Es IST.

Schon vor der (ersten) Trennung des Trios 1984 war Ryuichi Sakamoto als Solokünstler der präsenteste und sollte es bleiben. In kurzer Folge erschienen mit B-2 Unit (1980, mit u.a. Andy Partridge) und Left Handed Dream (1981, mit Adrian Belew und Robin Scott von M [»Pop Muzik«]) zwei richtungsweisende abstrakte Alben, die handgespielte Instrumente mit einer Selbstverständlichkeit in die Elektronik inkorporierten, wie man es so noch nicht gehört hatte. Innovative Popmusik.

1983, nach dem Soundtrack des Films Merry Christmas Mr. Lawrence - mit seinem bis heute bekanntesten Stück »Forbidden Colours« - wurde Sakamoto mit Arbeiten für u.a. Bertolucci, Almodovar und DePalma zum gefragten Filmmusiker. Vermutlich hatte Sakamoto niemals mehr Zuhörer als im Kino bei Bertoluccis Der letzte Kaiser.

Eine ganz zickige, im Resultat aber verblüffende Idee war The End of Asia (1987), auf dem Sakamoto seine Stücke auf mittelalterlichen Instrumenten spielen ließ. Von Mitte der 80er bis in die 90er erschienen anspruchsvolle, elegante Pop-Alben wie Beauty, Neo Geo und Sweet Revenge, die Europa, Asien und die USA praktisch nahtlos mit der Dritten Welt zusammenführten, wie es »realglobal« nur schwer gelingt. Gastauftritte von unterschiedlichen Personen wie Iggy Pop und Youssou N’Dour waren kein Widerspruch.

Aus dem Geräusch

In den letzten Jahren hat Ryuichi Sakamoto sich im noch neuen Feld der klassisch inspirierten/konzipierten, semi-elektronischen Musik betätigt. Zusammen mit Musiker/Visual Artist Carsten Nicolai (a.k.a. Alva Noto) und dem Ensemble Modern ist mit utp_ eine audiovisuell konzipierte Komposition entstanden, die sich als Grundsatzwerk zur Definition der Spielart erweisen könnte. Musik spielen zu sollen, deren Partitur sich erst durch den Prozess des Spielens herausbilden würde – das ist auch für ein zeitgenössisch erfahrenes, aber an Noten gewohntes Ensemble kein Leichtes. Das Ergebnis ist mehr als der Mühe Wert.

Auch in seiner Art von Crossover-Pop ist Sakamoto noch zugange und hat dort 2004 eines seiner besten, beeindruckendsten Alben überhaupt veröffentlicht. Chasm (dt.: Kluft), eine differenzierte Reaktion auf 9/11, ist ein dynamisches Gemisch aus kühlem Pop, Songs, etwas Rap, Minimal-Flügel und Elektronik zwischen Krach und Sphäre; so kohärent, dass selbst der Gedanke an einen ausführenden Musiker in der Musik verschwindet. Out of Noise, das zweite Album im Playing the Piano-Set, ist ähnlich. Eingespielt mit u.a. dem Streicherensemble fretwork und den Gitarristen Hirotaka Shimizu, Christian Fennesz und Skuli Sverrisson, ist es weniger urban, aber von derselben unbestimmten Traurigkeit durchzogen. »Ice« schmilzt tropfend, dann folgt »Glacier« (dt.: Gletscher): Wenn das kein Zufall ist - ist es Absicht. Sakamoto hüllt sich ein, mag auch nichts über die Bedeutung des Albumtitels preisgeben - aus dem Geräusch geborene Musik? Musik, der die Stille ausgegangen ist? - und bittet, die eigene Vorstellungskraft aufsteigen zu lassen.

Klavier

Dass ein Album wie Playing the Piano einen so diversen, vollständigen Musiker vollständig erfassen und porträtieren könnte, scheint unwahrscheinlich, ist hier aber dennoch der Fall. Denn was sein Gesamtwerk in jeder Phase ausmacht - eine klare musikalische Architektur, rhythmische wie lyrische Effektivität, Komplexität und mehr oder weniger hohe Eingängigkeit -, findet sich auf selbstverständliche Weise auf der Platte wieder. Ein Schulbeispiel für Authentizität. Selbst die unwahrscheinlichsten Stücke wie »Riot In Lagos« und »1000 Knives«, im Original beide eher bizarr und existenziell elektronisch, funktionieren als Klavierversionen so gut, dass man vermuten könnte, sie wären auch darauf geschrieben worden. Aber nein:

Ryuichi Sakamoto: Beide Stücke wurden ursprünglich als elektronische Musik geschrieben und sind jetzt für zwei Klaviere arrangiert, und so werden sie – und ein paar andere – auch live gespielt. Interessant an den neuen Arrangements finde ich, dass sie, obwohl sie sich sehr von den Originalversionen unterscheiden, doch ihre Nuancierungen behalten haben, also das Afrikanische bzw. das Asiatische.
Rolf Jäger: Sie haben früher schon Piano-lastige Sachen gemacht. Das Album 1996 z.B. war – abgesehen von wenigen anderen Instrumenten – eigentlich ein Klavier-Album, und es gibt immer einzelne Klavierstücke auf Ihren Alben. Was macht das neue speziell?
Ryuichi Sakamoto: Möglicherweise stellt es mich und das, was ich bin, neu vor. Das Klavier ist mein erstes Instrument und das, was mir in meinem Leben am nächsten ist. Und viele der Songs sind ursprünglich auf dem Klavier geschrieben worden.
Rolf Jäger: Abgesehen von der offensichtlich unterschiedlichen Instrumentierung – wodurch unterscheiden sich Playing the Piano und Out of Noise für Sie?
Ryuichi Sakamoto: In jeder Hinsicht. Das eine besteht aus alten Stücken von mir, der Hauptaspekt sind die neuen Arrangements. Auf Out of Noise gibt es nur neue Stücke. Ich wollte Musik zwischen Geräusch und Klang und zwischen Klang und Stille.
Rolf Jäger: Was ist der Unterschied zwischen Klang und Geräusch?
Ryuichi Sakamoto: Für mich gibt es keinen. Geräusche SIND Musik, selbstverständlich. Das mag einem zwar irgendwie bekannt vorkommen, und ja, darüber wird schon seit John Cage gesprochen. Aber trotzdem ist es eine interessante Herausforderung. Ein paar Wochen, nachdem ich mit Out of Noise begonnen hatte, ging ich auf eine Expedition ins Polarmeer, zu der ich schon vor langem eingeladen worden war. Die Natur dort zu sehen und zu fühlen, beeindruckte mich sehr – und hatte natürlich Einfluss auf Out of Noise.

Neue Musik

Rolf Jäger: In letzter Zeit wird elektronisch-akustische Musik von Leuten wie Zeitkratzer oder Ari Benjamin Meyers oft als neue klassische Musik diskutiert.
Ryuichi Sakamoto: Bang on a Can und Alarm Will Sound gehören auch dazu. Ich glaube, dass Kronos Quartet hat mit all dem angefangen, schon vor langer Zeit.
Rolf Jäger: Sie arbeiten selbst auf diesem Gebiet. Glauben Sie, dass dies der Weg zu einer neuen Art zeitgenössischer Musik ist, die wirklich modern und vielleicht relevanter ist als traditionelle Zeitgenossen wie Webern, Stockhausen, Cage, Reich et al.? Oder hat alles dieselbe Tradition?
Ryuichi Sakamoto: Ich glaube, es ist ein möglicher Weg – Musik, die von Musikern mit sowohl klassischer als auch zeitgenössischer Ausbildung gespielt wird, die immer noch nach Neuem suchen. Wir sind ja alle mit klassischer Musik UND Popmusik aufgewachsen, wie den Beatles etc.
Rolf Jäger: Auf der utp_-DVD sprechen Sie über die anfänglichen Probleme, dem Ensemble Modern ohne Noten zu vermitteln, was Sie und Alva Noto mit der Musik wollten. Irgendwann sprang aber der Funke über. Worum ging es genau?
Ryuichi Sakamoto: Naja, sowohl ich als auch das Ensemble haben klassische Musik studiert und zeitgenössische Musik studiert, und wir haben beide was gegen stereotype Muster im Denken. Wir wollten gern etwas Neues, Frisches und haben bewusst nach einer Möglichkeit gesucht, ohne die traditionellen Wurzeln auszukommen. Sehr schwierig.

Alte Magie

Rolf Jäger: Sie sind ja sehr beschäftigt zurzeit, arbeiten mit Alva Noto, sind auf Welt-Tournee mit dem Solo-Piano-Programm, selbst das Yellow Magic Orchestra ist wieder aktiv.
Ryuichi Sakamoto: Ich mache das, was auf natürliche Weise kommt. Wie Freundschaften schließen. Absichtlich kann man das nicht, es geschieht nur, wenn man nicht die konkrete Absicht dazu hat. So ist es mit der Musik. Wie das Leben.
Rolf Jäger: Das YMO hat seit Jahren nicht mehr gearbeitet, spielt seit einiger Zeit aber wieder Konzerte. Warum eigentlich?
Ryuichi Sakamoto: Wir haben uns vor langer Zeit getrennt, wegen der üblichen Ego-Probleme. Inzwischen sind wir erwachsener geworden - und immer noch traumatisiert (grinst). Wir wollen natürlich nicht noch mal dasselbe erleben. Wir waren sehr vorsichtig. Es fing damit an, dass ich vorschlug, irgendwann mal zusammen essen zu gehen. Dann fingen wir an, uns gegenseitig Songs zu schicken. Dann zusammenzuspielen. In den letzten 5 Jahren waren wir immer mal im Studio, aber es sind bis jetzt noch nicht genug Stücke zusammen für ein Album. Wir werden wieder ins Studio gehen, wir wollen alle gern ein Album veröffentlichen. Es macht Spaß, wieder mit den anderen beiden zu spielen, weil sie immer noch die Besten in Japan sind. Auch wenn einer davon schon über 60 ist ...


Aktuelle Alben:
Ryuichi Sakamoto: Playing the Piano (Decca / Universal)
Ryuichi Sakamoto: Playing the Piano + Out of Noise (Deluxe Edition; Decca / Universal)
Alva Noto & Ryuichi Sakamoto with Ensemble Modern: utp_ (CD + DVD; Raster Noton / A-Musik)