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Donnerstag, 9. September 2010

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Galactic - Hart gekocht E-Mail
Von Eric MandelGalactic - Hart gekocht
Bild: Taylor Crothers

Am Eintopf als Metapher freilich ändert sich nichts: In New Orleans kam und kommt kulturelles Kapital aller Währungen zusammen. Die Überbleibsel der indianischen Bevölkerung, das französische Kolonialerbe, die Nachbarschaft zur Karibik, der amerikanische Way of Life und nicht zuletzt die Beiträge der afrikanischen Diaspora: Das sind die Zutaten, aus denen sich, Jazz, Cajun, Zydeco und Second-Line-Blechbläsermusik in New Orleans bedienen konnten. Auch R&B, Funk, Soul und Rap bekamen in der Stadt, die von ihren Bewohnern zärtlich NOLA genannt wird, eine eigene Signatur.

Superlässig

In New Orleans klingt alles ein bisschen anders. Als Robert Mercurio und Jeff Gaines, zwei College-Kids aus Washington mit Vorliebe für Funk und Rare Groove, in die Stadt kamen, tat sich ihnen eine neue Welt auf. »New Orleans Funk ist im Vergleich zu dem, was wir so aus Detroit, Philly, Washington kannten, lockerer, loser«, erzählt Robert, Bassist bei Galactic, »und hat gleichzeitig mehr Synkopen. Im Norden, z.B. bei unserer lokalen Washingtoner Spezialität D.C.-Go-Go, klingt es straighter und gleichzeitig tighter. Die Beats im Süden sind verzwickt, aber superlässig und laufen dabei wie geschmiert.«

Zehn Jahre, unzählige Konzerte und drei Alben lang haben sich Robert und Gitarrist Jeff mit Hilfe der schnell gefundenen Kollegen - Bläser-Häuptling Ben Ellman, Drummer Stanton Moore und Keyboarder Rich Vogel - den lokalen Dialekt draufgeschafft. Als Instrumentalband spezialisierten sie sich auf einen harten, tanzbaren Funk, und nach dem Vorbild der Meters oder von Booker T.’s MGs spielten sie live mit wechselnden Vokalisten, Rapper wie Sänger gleichermaßen überzeugend. Für die Band stand es immer außer Frage, dass beides zusammengehört, was - unter anderem - zum aktuellen Album Ya-Ka-May führte, das entschlossen mit segregierender Wahrnehmung aufräumt.

Von außen betrachtet scheint der aktuelle Output der Stadt längst entlang der Formatierung eines landesweit ausgerichteten Marktes geregelt: Es gibt musealen Jazz für Touristen, Second-Line-Bands für Karneval und Paraden, Soul und Funk für die Clubs, Rock für die weiße Mittelschichtjugend und Rap für das ethnisch gemischte Proletariat. Doch die Dinge liegen nicht so einfach. »Die Stadt ist nicht gerade riesig«, sagte mal Allen Toussaint, »man läuft sich schnell über den Weg, und wer sich als Musiker über Wasser halten will, nimmt die unterschiedlichsten Jobs an - und erweitert dabei zwangsläufig seinen Horizont.« Oder wie es Ned Sublette [*1955, US-Musikologe und Musiker (u.a. John Cage, Peter Gordon, Glenn Branca] in den Liner Notes des Galactic-Albums auf den Punkt bringt: »Unter Musikern sind stilistische Grenzen so porös wie der sinkende Boden der Stadt.« Erschwerend kam hinzu, dass New Orleans nie ein Label hervorgebracht hat, das den lokalen Sound bündelt und landesweit vermarktet, so wie es seinerzeit Motown für Detroit, Chess für Chicago oder Stax für Memphis taten. Was an Labelstrukturen fehlte, machte Allen Toussaint als Producer praktisch in Alleinregie wieder wett.

Während der Sechziger produzierte er sich mit allen und jedem quer durch den stilistischen Hot Pot der Stadt, allerdings immer mit diesem arschharten Funk, für den u.a. die tausendfach gesampelten Meters und die Neville Brothers standen – die aber nur die nach außen wahrnehmbare Spitze des Eisbergs waren. Die kreative Essenz der Stadt - 45er-Singles auf Independent-Labels wie Scram, Josie, Sansu oder Libra – gelangte kaum über ihre Grenzen hinaus. Erst mit der Ankunft des Rap-Moguls Master P wurde überregional so etwas wie ein NOLA-Sound behauptet – der freilich aus einer Rap-Spielart besteht, die sich onomatopoetisch »Bounce« nennt und mit dem Jazz von Louis Armstrong, dem R&B von Fats Domino, dem Funk von Allen Toussaint und den Second-Line-Beats der Marching Bands gar nichts zu tun hat. Oder doch?

Aus der Hüfte

»Es sind keine getrennten Welten«, beharrt Robert Mercurio, »das siehst du nicht nur daran, dass in jeder Brass Band, außer den ganz muffigen, jemand mal das Mikrofon greift und rappt. Wenn du mit diesen Brass-Band-Musikern abhängst, stellst du fest, dass sie alle Rap hören. Und die Rapper hören zu Hause alle Brass Music, kein Scheiß! Es gibt viele Berührungspunkte.«

Mit ihrem vierten Album From the Corner To the Block (2008) erfüllten sich Galactic den lang geträumten Traum, ihre Lieblingsrapper im Studio mit dem Second-Line-Sound von Galactic zu konfrontieren. Neben krediblen Reimern wie Ladybug Mecca (Ex-Digable Planets), Mr. Lif, Blackalicious, Dead Prez oder Boots Riley kamen aber auch NOLA-Residents wie Big Chief Monk Boundreaux. Ya-Ka-May tut gewissermaßen einen Schritt zurück und zwei Schritte vor; den Vokalpart übernahmen ausnahmslos Bürger von New Orleans, von altge- und verdienten wie Toussaint, Walter »Wolfman« Washington und Big Chief Bo Ellis bis zu jungen Bounce-Rappern wie Cheeky Blakk, Big Freedia, Katey Red und Sissy Nobby. Die drei Frauennamen stehen für ein interessantes Subgenre von Bounce: Crossdressed und betont feminin rappend, mischen sie zurzeit als sogenannte »sissy rappers« die sexuellen Gewissheiten des konservativen Südens auf – und existieren damit trotz zum Teil offener Homosexualität gleichberechtigt mit den etwas grimmigeren Vertretern des NOLA-Bounce.

»Der Style ist tatsächlich ein bisschen wie die Beats«, erläutert Mercurio seine Wahrnehmung von Bounce mit seinen stereotypen Samples und Call & Response-Chorussen, der sich mittlerweile quer durch die Südstaaten verbreitet und u.a. Superstars wie Li’l Wayne hervorgebracht hat: »Aus der Hüfte, verzwickt und superintensiv. Aber irgendwann hatte ich mich einfach darin verliebt. Er ist wie New Orleans: einzigartig.«

Galactic setzen eine handgespielte - freilich mit Samples angereicherte – Version dagegen. Das Album, gemächlich cruisend, fährt die komplette Memory Lane der Stadt ab, von Sissy Rap und Bounce über die gloriose Funk-Historie, die Ausgelassenheit der Straßenparaden, die Bläsersätze der Rebirth Brass Band bis zum ländlichen Blues, der in Irma Thomas’ »Heart of Steel« aufschimmert. Allen Toussaint hat einen Gastauftritt auf dem Piano-dominierten »Bacchus«, Schnodderschnauze Cheeky Blakk beschließt das Album rappend und bouncend, und wie Robert am Ende frohlockt: »Cyrille Neville wird uns, gemeinsam mit Big Freedia, auf der Tour begleiten!«

Ein Unternehmen, das also nicht nur mit der angeblichen Trennung von Brass-Musik und Rap in New Orleans aufräumt – die, nebenbei, Li’l Wayne in einer Dokumentation mit komatöser Gelassenheit bekräftigt. Ya-Ka-May ist eine famos brodelnde Auferstehungsfeier von New Orleans im Jahr fünf nach Katrina, einer Stadt, die »ihr Nahtoderlebnis hinter sich hat« (Ned Sublette) und gestärkt daraus hervorging. Zumindest kreativ.


Aktuelles Album:
Galactic: Ya-Ka-May (Anti / Indigo)