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Jersey - Die Maus ist geduldig |
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Von Markus von Schwerin
Bild: Maxi Strauch
So ist es auch der Berliner Band Jersey bei der Fertigstellung ihres zweiten Albums ergangen. Itinerary heißt »Reiseroute«, und diese musste während der dreijährigen Entstehungszeit einige Veränderungen durchlaufen, um alle Reisenden glücklich ans Ziel zu bringen. »Auf der Albumcover-Collage sieht man drei Fußballerinnen, die hinter dem Ball herlaufen, sich aber alle in eine andere Richtung bewegen – das fand ich passend für die Platte«, erläutert die Jersey-Bassistin und –Hausgrafikerin Marion Gerth. »Obwohl wir oft einen ähnlichen Musikgeschmack haben, sind die Differenzen noch mal groß, wenn es um die Feinheiten geht.«
Rechner
Wenn das Sprichwort vom von hinten aufgezäumten Pferd nicht so negativ konnotiert wäre, ließe es sich prima auf die Bandgeschichte von Jersey anwenden. Deren gleichnamiges Debüt-Album von 2005 war nämlich mitnichten das Produkt monatelanger Proberaum-Sessions, sondern, wie Florian Zimmer – bei Jersey (wie auch bei iso68 und Saroos) für Programming und Sample-Recherche zuständig - freiheraus zugibt, »komplett am Reißbrett entstanden«. Auch der durch seine Arbeit bei Contriva und The Notwist bekannte Gitarrist Max Punktezahl bestätigt: »Wir hatten uns gegenseitig CD-Rs mit Homerecordings zugeschickt und daran dann alleine weitergearbeitet.«
Eine Art Stille-Post-Verfahren also, das vonnöten war, solange die beiden Musiker mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt lebten, Florian in München und Max in Berlin-Mitte. Kennen und schätzen gelernt hatten sie sich auf einer Tour, die Florians damalige Band Fred Is Dead zusammen mit Contriva 1999 unternahm: »Nach dem ersten gemeinsamen Stück ›Come To Me‹ für die 10-Jahre-Hausmusik-Compilation stand fest, dass wir das fortsetzen wollten.«
Als Wunschbassistin konnte Florians Ex-Fred-Is-Dead-Kollegin Marion Gerth gewonnen werden. Als Sänger wurde dann Max’ Nachbar Noël Rademacher ins Boot geholt, der im Herbst 2004 durch sein Beatles-artiges Singer/Songwriter-Debüt Wrong Places auf sich aufmerksam machte und zuvor schon einige Male bei Contriva als Tour-Schlagzeuger ausgeholfen hatte. »Es hatte sich nach Abschluss der Aufnahmen ergeben, dass Noël im Studio oft beim Mischen dabei war«, erinnert sich Max Punktezahl. »Da haben wir gemerkt, wie gut wir zusammenarbeiten können. Auch wenn Noël auf dem Debüt kein Instrument gespielt hatte, griffen wir beim Abmischen viele seiner Vorschläge auf, indem wir einzelne Spuren rausschmissen, umarrangierten oder neue Sachen hinzufügten.«
Als ebenso konstruktiv erwiesen sich nun beim zweiten Album die Vorschläge des zuletzt hinzugestoßenen Jazzschlagzeugers Andi Haberl. Das jüngste Jersey-Mitglied spielt außerdem noch bei Maxbab, The Notwist und dem Andromeda Mega Express Orchestra und teilte sich schon während seiner Studienzeit mit Bobby Hutcherson, Kenny Wheeler und Charlie Mariano die Bühne. Seine Beiträge zum Jersey-Repertoire sind aber nicht nur perkussiver Natur. So stammt etwa die Klaviermelodie des ausklingenden Itinerary-Stücks »Half an Hour« von ihm. Vom Aufbau der Songs lassen sich jedoch die meisten Gemeinsamkeiten mit Max Punktezahls Instrumentalband Contriva ausmachen, was der Gitarrist auch gar nicht erst abzustreiten versucht: »Jersey hat nicht den Anspruch, etwas völlig Neues zu sein, sondern bringt einfach unsere Weisen, wie wir bisher Musik gemacht haben, zusammen. Ich finde es gerade gut, dass hier jeder deutlich mit seinen speziellen Spielweisen an den Instrumenten herauszuhören ist. Wir haben nicht versucht, etwas unter einem ganz neuen Ansatz auf die Beine zu stellen, plötzlich Punkrock zu machen oder so etwas. Ich sehe das als bewusste Sache, weil ich auch finde, dass es von dieser Art Musik eigentlich zu wenig gibt. Mir persönlich gefällt es einfach besser, wenn sich ein Stil langfristig entwickelt - und ich könnte es auch nicht anders.«
Songs
Und doch kristallisierten sich bei den Aufnahmen zum Zweitwerk Itinerary mehr künstlerische Differenzen heraus als anno 2005, kurz nach der Veröffentlichung des Debüts, vorauszusehen war, wie Florian einräumt: »Da dachte ich ganz euphorisiert: Wir sind jetzt eine echte Band - und wollte Noël gleich von Anfang an richtig mit einbeziehen. Wir hatten dann zu zweit, als Max mit Contriva beschäftigt war, sehr viel aufgenommen und sogar schon mit dem Mixen begonnen. Aber bei den Arrangements zeigte sich dann oft, dass Noël es gerne im Singer/Songwriter-Sinne klassischer gehabt hätte. Da musste ich ihm gegenüber schon mehr erklären als Max und Marion, deren Vorlieben schon länger in der elektronischen Musik angesiedelt sind.« Was Marion umgehend bestätigt: »Selbst, wenn ich früher in einer Popband gespielt habe, plädiere ich heute immer mehr fürs Abstrakte und weniger Song-mäßige. Bei mir darf es in Stücken viele Entwicklungen und Brüche geben. Ich höre mir z.B. immer noch gerne von den Residents das Eskimo-Album an, dessen eigenartige Songs ja vor allem von der Atmosphäre leben.«
Den Schuh des reinen Traditionalisten möchte sich Sänger Noël jedoch nicht anziehen. Denn es seien weniger die unterschiedlichen Soundvorstellungen - hier der Beat-Bastler, dort der Beatles-Purist - als vielmehr das stundenlange gemeinsame Sitzen vorm Monitor gewesen, was den Geduldsfaden manchmal dünn werden ließ: »Zu dritt auf den Bildschirm zu starren, und nur einer kann die Maus hin- und herbewegen - das kann schon extrem anstrengend werden.« Doch Jersey sei in dieser Hinsicht eben eine prototypische »Rechnerband«, bei der erst einmal alle Ideen in Cubase-Files gepackt werden. »Dann beginnt erst das ganze Sortieren und Ergänzen. Da hätte ich es oft schon schöner gefunden, einfach mal bloß zu spielen. Aber da haben wir noch nicht so den Weg gefunden, wie man da das Spontane besser einfließen lassen kann«, meint Noël.
Florian hingegen findet bei der Arbeit im virtuellen Studio hingegen wichtiger, dass »da auch jemand, der nicht die ganze Zeit über dem Programm hing, noch mal draufschaut«. Letztlich sei die Arbeit mit Cubase ja vor allem eine optische Sache: »Da versteift man sich schon mal gern im hinteren Eck und bastelt an einem Detail herum, das für den nächsten Betrachter dann möglicherweise gar nicht relevant ist. Und weil Jersey nach wie vor die demokratischste Band sind, in der ich mitspiele, gab es von manchen Stücken bis zu vierzig Versionen ...« Da müssen auch die KollegInnen im Nachhinein lachen, wobei Marion ergänzt, dass »gerade die vieldiskutierten Stücke live am besten funktionieren« und sich das lange Feilen an der Dynamik somit auszahle.
Bühne
Zwar wäre es übertrieben, die Bühnenpräsenz der Band bei ihrem Berliner Record-Release-Konzert im Oktober 2008 als »locker« zu beschreiben. Doch die atmosphärische Vielschichtigkeit, die rhythmischen Raffinessen und nicht zuletzt Noëls prägnant phrasierte Texte, welche das Missbehagen über heutige Arbeits- (»Shoeshine«) und Gefühlswelten (»Icebound«) treffend zum Ausdruck bringen, kamen perfekt zur Geltung.
»Als wir wieder angefangen haben, live zu spielen, schienen alle vorangegangen Mühen von uns abzufallen«, pflichtet Noël bei. »Auf Tour verstehen wir uns immer super!« Und da erweist sich bei dem Quintett das Durchschnittsalter von 36 Jahren gerade als Vorteil: Denn mögen auch die Charaktere schon etwas festgefahren sein und die Entscheidungsprozesse dadurch länger dauern, so scheint bei Jersey die Gefahr gebannt, bei Unwegsamkeiten gleich mit jugendlichem Trotz die Flinte ins Korn zu werfen. Das machen höchstens - wie bei »Boy With a Rifle« vom ersten Jersey-Album – die Protagonisten ihrer Songs.
Aktuelles Album (CD/LP):
Jersey: Itinerary (Pony Records / Indigo)
Auswahldiskografie zur Kontextbestimmung:
Jersey: Jersey (www.lok-musik.de, 2005)
Contriva: Separate Chambers (Morr / Indigo, 2006)
Noël: Wrong Places (www.lok-musik.de, 2004)
Saroos: Saroos (Alien Transistor / Indigo, 2006)
Iso68: Space Frames (Pingipung / Kompakt, 2008)
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