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Samstag, 4. Februar 2012

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Tyondai Braxton - Aggregate E-Mail
Von Rolf JägerTyondai Braxton - Aggregate
Bild: Grace Villamil

Braxton hat mit u.a. Prefuse 73 und Glenn Branca kollaboriert, ist aber zuallererst Komponist. Er studierte an der Hartt School of Music in Hartford/Connecticut bei Robert Carl (geb. 1954, Xenakis-Schüler unweit Charles Ives) und Ingram Marshall (geb. 1942, Subotnick-Schüler und Pionier in elektroakustischer Komposition) und schrieb bereits für u.a. das Kronos Quartet. Zuordnungsbegriff: New Music. Central Market heißt seine neue Platte, und Vorsicht: Sie macht Spaß! Von der »wichtigen« Seriositätsattitüde, die der Neuen (wie auch anderer) Musik oft anhängt, ist nichts zu spüren. Gar nichts.

Compositions

Erster Eindruck: Nach vorn! Schnelles Wasser, turbulent und klar wie Luft bei Van Gogh und strahlend wie Strawinskis Petruschka. Ein elektronisch-akustisches Mischwerk, vielstimmig, homogen verwoben und dynamisch, beeindruckend selbstsicher. Bis gegen Ende des Albums, mit einer merkwürdig ungnädigen Blues-Mutation, ein ernüchterndes Moment dazukommt, ist die Musik in ihren Bestandteilen kaum mehr zu ent-ziffern. Jemandem wie Frank Zappa, der die suggestiv gestellte Frage Does Humor Belong In Music? (Live-CD von 1986) sich selbst mit »Ja!« beantwortete, hätte sie vermutlich gefallen.

Dass Braxton Jr. die viele Beachtung, die er zurzeit erhält, vor allem dem großen Namen seines Seniors – Anthony Braxton, Sie ahnten es schon - zu verdanken hätte, ist ein Gemeinplatz, der definitiv zu klein ist für Central Market. Mit dem Ego aus den Nähten platzt Tyondai Braxton deswegen aber nicht. Dass seine Musik Anfang August dieses Jahres neben Zeitgenossen wie Zappa, Charles Mingus, Conlon Nancarrow, Goran Bregovic oder auch Björk im New Yorker Lincoln Center vom New-Music-Ensemble Bang on a Can aufgeführt wurde, macht ihn durchaus stolz.

Tyondai Braxton: Es war wirklich eine Ehre, meine Musik im gleichen Programm mit diesen Leuten zu haben. Ich bin froh, dass ich mit Bang on a Can und der Asphalt Marching Band arbeiten konnte. Sie sind schon eine unglaubliche Gruppe - und zu hören, wie Musiker von solchem Kaliber meine Musik spielen, ist einfach großartig.
Rolf Jäger: Wie kam es dazu? Haben Bang on a Can dich gebeten, was zu schreiben?
Tyondai Braxton: Kenny Savelson von Bang on a Can kontaktierte mich und fragte, ob ich Interesse hätte, ein Stück für sie zu machen, für den Abend im Lincoln Center. Das war im Herbst 2008, und ich habe die Gelegenheit sofort ergriffen, weil ich Bang on a Can schon immer bewundert habe.

Creative Orchestra Music 2009

Rolf Jäger: Man kann wohl davon ausgehen, dass dein Vater Einfluss auf dich hatte, als Musiker. Wie?
Tyondai Braxton: Natürlich hat mein Vater mich beeinflusst. Sein Mut, seine Haltung und Neugier sind ansteckend, und das wusste ich schon als Kind zu schätzen, auch wenn ich seine musikalische Welt damals noch nicht ganz begreifen konnte. Eine der wichtigsten Sachen, die ich von ihm mitgenommen habe, war, seinen eigenen Weg zu gehen. Es hat mich nie interessiert, ihn zu kopieren oder »seine Vision weiterzutragen« auf meinem Pfad. Ich wollte vom Kurs abweichen.
Rolf Jäger: Und Jazz? Central Market klingt eigentlich nicht danach - aber man weiß ja nie ...
Tyondai Braxton: Vielleicht auf eine irgendwie philosophische Weise. Dass es irgendwo auf der Platte regelrecht jazzig wäre, würde ich nicht sagen.
Rolf Jäger: Andere Einflüsse, neben deinem Vater?
Tyondai Braxton: Da gibt es viele! Momentan schwimme ich in Edgar Varèses Musik; sie hat einen starken Einfluss auf meine Wahrnehmung und Auffassung von Sound. Mit Brian Eno habe ich mich in letzter Zeit viel beschäftigt. Ich liebe Radiohead, Caetano Veloso, Autechre. Und ich liebe Strawinski. Ich wollte mich auf meine ganz persönliche Weise an Strawinski und einige andere Komponisten annähern, ohne sie bloß zu kopieren, und Strawinski war definitiv mein Vorbild für dieses Projekt. Als ich sein »Gesang der Nachtigall« [Teil der Oper Die Nachtigall, 1917] hörte, habe ich gesagt: Okay, ich muss orchestrale Songs machen.
Rolf Jäger: Du hast hier überhaupt zum ersten Mal für Orchester komponiert und mit dem Wordless Music Orchestra aus New York aufgenommen. Warum so ein doch recht junges Ensemble?
Tyondai Braxton: Weil sie diese Furchtlosigkeit haben, die man bei traditionell ausgerichteten Gruppen kaum noch findet. Natürlich können sie auch jederzeit klassisch spielen, aber für mich stellten sie ihre Energie, ihre Hartnäckigkeit und Durchgeknalltheit in den Vordergrund. Das sind alles Top-Leute. Noch während der Aufnahmen habe ich Sachen umgeschrieben und permanent neue Vorschläge gemacht. Das ist eine irgendwie schicksalhafte Art, Musik zu machen, weil man nie genau weiß, wie das Ganze am Ende klingen wird – vor allem nicht im Zusammenhang mit dem Orchester -, und man hofft einfach, dass es den eigenen Vorstellungen entspricht. Das hat auch mit Glück zu tun.

Together Alone

Rolf Jäger: Mit welchen Mitteln und auf welche Weise arbeitest du als Komponist?
Tyondai Braxton: Ich benutze eine Reihe von Gitarrenpedalen, die über ein Rack mit Loopgeräten laufen. Die Ausgangsinstrumente sind hauptsächlich Gitarre, Keyboards und Stimme. Wenn man von Anfang an mit den teuersten Geräten arbeitet und damit alles vorproduziert, klingt es viel zu perfekt. Da fehlt das Herz. Da fehlt die kreative Reise. Ich setzte zunächst einen Grundpuls und suche dann nach interessanten Klangkombinationen und Phrasen, indem ich so kleine modulare Loops mache, die alle ihren eigenen harmonischen und rhythmischen Charakter haben. Sind diese Audio-Skizzen dann stabil genug, denke ich darüber nach, wie sie zusammenpassen könnten und welche Art von Orchestrierung das erfüllen kann, was die Skizzen vorgeben, ohne mich dabei allzu weit von der Wirkung der Skizzen selbst zu entfernen. Da gibt es keine Noten oder dergleichen. Erst, wenn sich die Stücke entwickeln, verbinde ich die Teile baukastenartig und schreibe sie auf.
Rolf Jäger: Ein Beispiel, bitte.
Tyondai Braxton: Zum Beispiel der melancholische, schwerfällige Beat auf dem letzten Stück »Dead Strings«, das ist eine echte Stimme, die ich durch die P.A. geschickt habe, damit nicht ein einzelner glasklarer Sound inmitten des wuchtigen Orchesters steht wie ein Fremdkörper zwischen all den Akustik-Instrumenten. Das mochte ich z.B. auch an den Swans [bahnbrechende US-No-Wave/Noise/Industrial-Combo, 1982-1997, Kopf: Michael Gira] und den frühen 80er-Jahre-Aufnahmen der ganzen New-Wave-Bands. Das hat immer gepasst, klang nie gekünstelt.
Rolf Jäger: Battles andererseits sind ja eine Rockband, im weitesten Sinne. Wie kommen da die Stücke zustande? Sampling? Collagen? Jam Sessions? Wird vom Blatt gespielt?
Tyondai Braxton: Ganz verschieden. Manchmal jammen wir; ein anderes Mal kommt jemand mit einer Idee, und wir versuchen, sie auszuarbeiten; manchmal bauen wir im Studio was zusammen. Wir benutzen allerdings nie Samples. Alles, was man hört, ist live hergestellt, ohne Sequencing. Alle Loops sind Echtzeit-Loops.
Rolf Jäger: Wodurch unterscheidet sich Central Market für dich am meisten von den Vorgängern?
Tyondai Braxton: Bisher haben meine Platten im Wesentlichen immer eine Klangmasse simuliert, wie man sie mit vielen Leuten kreieren kann. Wobei der Prozess der gleiche war, wie ich ihn vorher beschrieben habe, um modulare Loops mit ihren eigenen Eigenschaften zu bekommen. Ich nenne sie »orchestrierte Loops«. Aber wie sehr man auch versucht, eine Band zu simulieren – es reicht nie an ein echtes Bandgefüge heran. Es ist vor allem die soziale Komponente, dazu gezwungen zu sein, mit anderen Leuten zu interagieren. Vor Battles war ich vollkommen in meiner eigenen Welt unterwegs und habe mich regelrecht dagegen gesträubt, mit anderen zu arbeiten. Aber die Erfahrungen mit der Band haben mir die Kollaboration mit dem Orchester ungemein erleichtert. Und die neuen Sachen sind farbiger und viel peppiger geraten als die alten, die sind spürbar dunkler. Muss wohl an den Antidepressiva liegen, die meine Freundin mir immer in die Sandwiches tut ...


Aktuelles Album:
Tyondai Braxton: Central Market (Warp / Rough Trade)