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Joe Henry - Henrys Dream |
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Von Eric Mandel
Und als er zu Aufnahmen für sein neues Album Blood from the Stars in sein Haus, die einstige Villa des US-Präsidenten Garfield in Pasadena rief, ließen sich auch Marc Ribot und Marc Anthony Thompson nicht lange bitten.
Hey, Joe
Vielleicht weil sie bei Aufnahmesessions bei Joe Henry nicht an Dinge wie Rechtslage, Termindruck, ihre Anwälte oder Gagenforderungen denken, sondern eher an gutes Essen, familiäre Atmosphäre und musikalische Magie. »Sie alle bekamen die Texte bereits im Voraus geschickt, damit sie ungefähr wussten, wohin die Reise gehen würde«, erzählt Joe Henry und lüftet bereitwillig einen Teil des Klanggeheimnisses, das seine Arbeiten als Produzent und Sänger umweht. »Mit den meisten arbeite ich seit Jahren immer wieder zusammen, wir teilen ein musikalisches Vokabular, und sie sind alle völlig frei von Genre-Beschränkungen. So haben wir das Album in vier Tagen aufgenommen.« Die finale Gestalt, ihre Dichte, Leichtigkeit und Komplexität, ist Henrys Songs nicht eingeschrieben, sie entsteht durch die Vertrautheit und die Emphase der Musiker, wenn sie die Stücke im Aufnahmeprozess zum Leben erwecken. Dabei setzt Henry auf Spontaneität und unmittelbare Bauchreaktionen. »Mir kommt es nicht auf die virtuosen Einzelleistungen an«, stellt er fest, »sondern um den emotionalen Gehalt. Bei allem, was ich tue, darfst du nie vergessen, dass ich einen Song so behandele wie ein Lebewesen.« So war es beim großartigen letzten Wurf Civilians, und so ist es auch beim Nachfolger Blood from the Stars.
Das Blut der Sterne
War Civilians noch von der bitteren Hoffnung auf eine besseres Amerika geprägt, so überrascht Joe Henrys nunmehr elftes Album durch seine ambivalente Haltung, die sich gar nicht damit aufhält, Obamas Sieg als Universallösung für alles zu feiern. Die Farben bleiben gedeckt, die Stimmung ist introspektiv, die Themen sind intimer - und selbst die persönlichsten, privatesten Verhältnisse sind durchzogen von martialischer Terminologie: Es gibt Kämpfe, einen Waffenstillstand, Wunden, und immer wieder: Blut. Mit dem Blut des Titels ist dabei allerdings nicht ein verräterisches Rinnsal unter der Nase von Kate Moss gemeint, wie es britische Hip-Punks auf T-Shirts tragen. Der Titel ist inspiriert vom Covermotiv, wie gewohnt ein schwarz-weißes Dokument aus dem goldenen Herbst der amerikanischen Fotografie: eine Stahl- oder Kohlengrube im Schein der Baulampen. »Ein sehr assoziatives Bild«, wie Henry bestätigt, »bei dem der Erdboden geöffnet wird, ein Planet sein Innerstes zeigt. Es hat eine dunkle Energie, elektrisierend. Diesen Zustand verbinde ich mit Leuten, die ihren eigenen Träumen ins Angesicht schauen. Mit Leuten, die versuchen, ihre eigene Zukunft zu gestalten.« Leute, die seine Songs bevölkern, Leute, die hadern, zweifeln, glauben und nicht aufgeben. Ihnen gilt seine Sympathie, und ihnen verleiht er mit seinen Texten eine Stimme.
Das Herzblut der Stars
Aber biegen wir uns noch einmal die Sternen-Metapher zurecht und schauen, welche Stars für die musikalische Ausgestaltung ihr Herzblut gegeben haben: Da wären zunächst Drummer Jay Bellerose, Bassmann David Piltch und Keyboarder Patrick Warren – Rückgrat seiner Liveband und gewissermaßen Teil der Familie. Auch die Dauer-Liaison mit Marc Ribot wird fortgesetzt, wobei ihn Henry freilich nur auf »This Is My Favourite Cage« als Gitarristen besetzt hat und ihn ansonsten lieber ins Horn (bzw. Kornett) stoßen lässt. Und dann wäre da Jason Moran, der das Album mit »Prelude: Don’t Light No Lamp When the Sun Comes Down« solo eröffnet. Moran war dabei der Einzige, der nicht an den Sessions im Garfield-Haus in Pasadena teilnahm. »Ließ sich nicht einrichten, leider. Ich wollte ihn aber unbedingt dabeihaben, und so ließ ich ihn seinen Part in New York einspielen. Ich schickte ihm das Demo des Songs und bat ihn, eine Art Meditation darüber zu spielen.« Eine Bandversion des Songs wird am Ende die CD wie ein Buchdeckel schließen. Jason Morans Beteiligung geht übrigens auf die Empfehlung von Henrys Sohn Levon zurück, den wir ja schon aus einigen seiner Texte kennen. Nun treffen wir ihn hier als Sopransaxofonisten wieder. Beide hatten das Gefühl, dass die Zeit dafür reif war. Levon Henrys Spiel ist das ungestüme Spiel eines siebzehnjährigen Coltrane-Adepten, und es wäre ein Leichtes, es als unreif abzuwerten. Aber hört man auf das Timing und die emotionale Direktheit seiner Beiträge, erweist er sich dank eben dieser Eigenschaften als die ideale Besetzung.
Musikalische Meteorologie
Und schließlich gibt es da eine ganz neue Färbung in Henrys Palette: Samples. Allerdings keine groovy Hooklines oder prägnanten Zitate, sondern eher Texturen, Hintergründe, Schattierungen, gefertigt und eingespielt von Keefus Ciancia, über den sich Henry nicht genug begeistern kann. »Er ist ein Genie im orchestralen Sinne. Er hat alle Samples in Echtzeit abgespielt, sehr sensibel und musikalisch. Ich fand es unglaublich, wie er damit die Farbe eines Songs ändern konnte. Als würde er das Wetter beeinflussen.« Die Wolken hängen schwer über Henrys Musik, wie ein aufziehender Sturm über den Great Plains. Zur lyrischen Ausgestaltung hat er sich aber diesmal nicht von Steinbeck leiten lassen, sondern von den prägnanteren, knapper bemessenen Schemen, die er als Referenzen nennt: Haiku, Sonett … und immer wieder Blues. »Ich werd dir keinen Quatsch erzählen: Dies hier ist kein Blues-Album. Aber ich verdanke diesen Dichtern eine Menge, was die Kraft der wenigen Worte betrifft. Und der Repetition. Ich musste lernen, mich selbst zu beherrschen: eine Zeile zu finden, sie zu singen. Und dann noch mal. Und noch mal. Darin fand ich eine unglaubliche Kraft.«
Aktuelle CD:
Joe Henry: Blood from the Stars (Anti / SPV)
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