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Joe Henry - Schlafzimmer in Arles |
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Von Rolf Thomas
Bild: Lauren Dukoff
»Ich kann mir ein Projekt ohne Jay einfach nicht vorstellen«, meint Joe Henry. »Er ist schlicht und einfach mein Lieblingsschlagzeuger - obwohl er mehr Maler ist als Drummer.« Das haben in den letzten Jahren auch andere Musiker herausgefunden, und so war Bellerose auf Platten von Robert Plant, B.B. King, Till Brönner, Ray LaMontagne, Ramblin’ Jack Elliott, Allen Toussaint und T-Bone Burnett zu hören. Eine ähnlich imposante Liste hat auch David Piltch zu bieten. Er wurde als Bassist des Holly Cole Trios bekannt und hat seitdem mit Bill Frisell, Aaron Neville, K.D. Lang, Lizz Wright, Hugh Laurie, Solomon Burke, Mary Gauthier und Mary Margaret O’Hara gespielt. Dritter im Bunde ist Pianist Keefus Ciancia, hinzu kommt auf einigen Tracks Gitarrist Marc Ribot, auch ein alter Joe-Henry-Kollaborateur, sowie Patrick Warren (pump organ) und Jean McClain (voc). Auf »Piano Furnace« ist außerdem Songfrau Lisa Hannigan zu hören, deren Album Joe Henry gerade produziert hat. »Platten sind für mich wie Filme«, gerät Henry ins Philosophieren. »Daher mag ich es, wenn sich ab und an ein anderer Charakter durch den Raum bewegt. Und seit ich Lisa Hannigan kannte, wollte ich unbedingt, dass sie auf meiner Platte auftaucht.«
Lässige Autorität
Joe Henrys Karriere währt schon über 20 Jahre; mit seinem dritten Album Shuffletown, einem Meisterwerk in Country-Nähe, hatte er sich 1990 freigeschwommen. Als typischen Singer/Songwriter kann man ihn auch deshalb nicht bezeichnen, weil er keine Nabelschau betreibt, wie es viele Vertreter der Zunft tun. Es geht ihm nicht um eigene Erfahrungen, sondern um Storytelling - und es geht ihm um Musik. Und da hat Reverie 14 Songs zu bieten, die er in ein herrlich zerschlissenes Klangkleid gesteckt hat. »Dark Tears« klingt geradezu angeschossen und Henrys Stimme - die im Alter immer mehr nach Elvis Costello klingt - hat eine Aura, eine Patina gewonnen, die bei aller müden Lässigkeit Autorität ausstrahlt. »The World And All I Know« - ein ziemlich ambitionierter Titel - ist als Rausschmeißer noch besonders gut gelungen. »Es geht darum, als Passagier in einem Flugzeug zu sitzen«, erklärt Joe Henry. »Man gewinnt eine ziemlich einzigartige Perspektive, sozusagen außerhalb des eigenen Lebens. Und dann beginnt man zu reflektieren ...« Joe Henry erzählt von Verlierern, sich trennenden Liebespaaren, Küchenhilfen oder Musikern, immer mit jener Hingabe zum Detail, das nur die Größten beherrschen. Diese Details dienen ihm als Eingangspforte zu etwas Tieferem; scheinbar unbedeutende Gesten oder Erinnerungen verwandeln sich zu erleuchteten Momenten der Selbsterkenntnis oder des Mitleids.
Und dann ist da »Room at Arles«. Das Schlafzimmer in Arles, auf das Joe Henry sich hier bezieht, ist ein berühmtes Gemälde von Vincent van Gogh, das Henry als Metapher für den Tod seines Kollegen Vic Chesnutt benutzt. Chesnutt, der aufgrund eines selbst verschuldeten Unfalls im Alter von 19 Jahren im Rollstuhl landete, beging vor zwei Jahren Selbstmord. Seine Karriere wurde einst von REM-Sänger Michael Stipe - Chesnutt lebte ebenfalls in Athens/Georgia - angeschoben, seine depressiven, verschrobenen und skurrilen Songs sicherten ihm in den neunziger und nuller Jahren eine große Fangemeinde. »Room at Arles« ist ein bedrückendes, aber gleichzeitig zärtliches Denkmal für diesen Mann und kommt gänzlich ohne Sentimentalität aus.
Romantisch, aber aggressiv
Seinen Ausgangspunkt nahm Henrys neues Album bei einer Erntedankfestparty im Haus von Jay Bellerose. Bellerose und Henry entdeckten, dass sie beide für das legendäre Duke-Ellington-Album Money Jungle (1962) schwärmten, das der Duke einst im Trio mit Charles Mingus und Max Roach aufgenommen hat. Joe Henry wollte daraufhin eine Platte im Geist dieser Aufnahme machen. Das ist vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz einfach zu verstehen, denn Money Jungle scheint als klassisches Piano-Trio-Album nicht viel mit Reverie zu tun zu haben. »Money Jungle ist eine Platte, die ich mir wirklich immer wieder anhöre«, kann Joe Henry sich begeistern. »Sie ist romantisch, aber auch aggressiv. Und ihre Faszination hat für mich auch viel damit zu tun, dass sich hier drei Leute in einem Raum befinden, der dadurch fast zu platzen scheint. Man hört die Instrumente im Raum herumspringen. So tough wie die wollten wir auch spielen.«
In seiner Karriere hatte Joe Henry des Öfteren mit Jazzmusikern zu tun. Manche Bewohner des Ruhrgebiets werden sich noch mit glänzenden Augen an den Herbst 2008 erinnern, als er die Musikreihe »Century of Song« im Rahmen der Ruhrtriennale kuratierte und mit Mose Allison, Allen Toussaint, Bettye LaVette, Rosanne Cash, Billy Bragg und Meshell Ndegeocello auf der Bühne stand. Er hat aber auch schon mit Bill Frisell zusammengearbeitet und mit Brad Mehldau und Brian Blade gespielt. Andererseits ist Joe Henry der Schwager von Madonna. Seine Frau riet ihm einst, ihrer Schwester doch mal einen Song anzubieten. Henry entschied sich für »Stop« - zu finden auf seinem neunten Album Scar von 2001 -, und Madonna verwandelte das Lied unter dem Namen »Don’t Tell Me« (2000) zu einem Monsterhit. Aber auch Henrys ursprüngliche Fassung sollte noch ungeahnte Popularität erlangen. Die Macher der legendären Fernsehserie Sopranos wollten das Lied haben (zu hören in »Cold Cuts«, Episode 10 der 5. Staffel), und Henrys Verleger verkaufte das Lied ohne dessen Wissen. »Als ich auf Tournee war und eines Abends im Hotel nur noch die Füße hochlegen wollte«, erzählt Joe Henry, »schaltete ich den Fernseher ein. Und mitten in den Sopranos kommt auf einmal mein Song. Erst habe ich es gar nicht gemerkt, der Song kam mir nur so merkwürdig bekannt vor - aber dann war es natürlich wie ein Ritterschlag.«
Aktuelle CD:
Joe Henry: Reverie (Anti / Indigo)
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