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Donnerstag, 11. März 2010

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Tonspuren April 2009 E-Mail
Various ArtistsTonspuren
Wir geh’n in das Wunderland – Doo Wop in Germany
32 Tracks
Spieldauer: 78:02
Bear Family Records
*****
Various Artists
Oh yes, das ist Musik – Jive in Germany
32 Tracks
Spieldauer: 77:12
Bear Family Records
****(*)
Doo Wop in Germany – das wäre eine so naheliegende Verbindung gewesen. Mit geringstem Aufwand, nämlich a cappella, hätte man sich im Wirtschaftswunderland an den in den USA aufkommenden Rock’n’Roll ankoppeln und gleichzeitig an die Tradition erfolgreicher deutscher Gesangsgruppen wie den Comedian Harmonists anknüpfen können. So richtig wurde dennoch nichts draus. Die potentiellen Fans hatten es schwer, die Originale kennenzulernen und eine eigene Bewegung von unten zu begründen. So blieb altväterlichen Produzenten der Versuch überlassen, erfolgreiche Doo-Wop-Titel einzudeutschen. 32 dieser Versuche aus den späten 50er und frühen 60er Jahren hat nun das verdienstvolle Label Bear Family zusammengestellt. Der Text des Anfangsstücks (von Ted Herold) ist Programm: »Wir geh’n in das Wunderland.« Ein Land, das es nicht mehr gibt. Eines, in dem Namen wie Jimmy, Jacky und Johnny der Inbegriff von Coolness waren. In dem man die Auserwählte anschmachtete: »Little Darling, in deinen Armen ist kein Tag mehr trüb und grau.« In dem die Herzen »Bam-Tschi-Bam-Tschi-Bam« schlugen. Und in dem auf Plattenetiketten Namen standen wie »Pichi u.d. Orchester Eric Hein, Sologitarre: Walty Anselmo«.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, amüsiert sich zunächst über die fast schon rührend unbeholfene Art, mit der in einigen Titeln sehnsuchtsvolle Hingabe oder Verruchtheit imitiert werden. Man ahnt in manch holpriger Synkope und manch zickigem Melisma, wie fremd diese Musik damals noch gewesen sein muss. Und doch entfaltet sie schnell einen ganz eigenen Reiz, der für die Überheblichkeit der Betrachtung aus heutiger Perspektive keinen Platz lässt. Da werden insbesondere bekannte Titel zu Glanzstücken, wie Mary Roos’ Version von »Imagination« mit dem Titel »Ich bin mu-mu-musikalisch« oder Ralf Bendix’ Fassung von »At the Hop«, die mit der Zeile beginnt: »Ich kenne keinen jungen Mann, der seinen Namen schreiben kann, in ›At the Hop‹«. Die Anmerkungen im Beiheft der CD sind liebevoll und kenntnisreich geschrieben und verschweigen nicht die Mängel mancher Aufnahmen. Über Chris Howlands »Blonder Stern« etwa heißt es dort lakonisch: »Das Original ›Little Star‹ gehört zu den zehn besten weißen Doo-Wop-Songs aller Zeiten. ›Blonder Stern‹ nicht.«

Noch einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit führt die Sammlung Jive in Germany. Schon Mitte der 50er hatte es in Deutschland eine ganze Welle von Liedern gegeben, die amerikanische Tanzmusik aufgriffen und wahllos als Rock’n’Roll etikettiert wurden, auch wenn sie deutlich in der Tradition von Swing und Boogie standen. Den Texten dieser Jive-Stücke merkt man häufig an, dass es mit der Produktion schnell gehen musste, um mit der deutschen Version auf dem Markt zu sein, bevor ein Titel schon wieder überholt war. Da wurden munter englische Worte eingestreut, um jung und authentisch zu klingen (heute würde man den gewünschten Effekt wohl »Street Credibility« nennen), wobei insbesondere das Wort Rock eine geradezu magische Wirkung gehabt zu haben scheint. In Verbindung mit schlagerhaft bravem Gesangsgestus ergibt sich auch hier eine faszinierende Mischung. Besonders wenn auch noch Humor ins Spiel kommt und Delle Haensch und die Rockies den »Warenhaus Rock« und das flotte Leben bei der »Firma Rock And Roll« besingen: »Schon morgens um acht / hört jeder den Ton / das ist der Sohn vom Chef mit seinem heißen Saxofon. / Bei der Firma Rock And Roll / fühlen wir uns alle wohl. / Jeden Tag wird dort getanzt / bis du nicht mehr tanzen kannst. / Wir erfüllen unser Soll bei Rock And Roll.« Da steckt schon beim Lesen Musik drin. Und je länger man Titeln wie »Bim-Bam«, »Tinga-Tanga-Rock« oder »Ding-Dang-Dangling« zuhört, umso vergnüglicher wird der Verdacht, dass unter denen, die damals dazu getanzt haben, auch jene sein könnten, die heute über Denglisch und die vermeintlich nichts sagenden Texte neuerer Popmusik wettern.
Guido Diesing

G.Rag y los Hermanos Patchekas
Hold Fast
13 Tracks
Spieldauer: 48:17
Gutfeeling / Indigo
***(*)
Seit seinem letzten Auftritt in JT hat G.Rag mit seinen Landlergschwistern auf der Wiesn gespielt – unter Franz-Josef Strauß wäre das mit Sicherheit nicht passiert. Während er mit diesem Ensemble voralpenländisches Gutfeeling verbreitet, sind die Hermanos die dialektische Antithese, die Folge einer Jugend im Plattenladen, mit Mambo, Boogaloo, Rockabilly und Punk. Und indem er beide Aspekte unter dem Dach seines Gutfeeling-Labels dialektisch zusammenkommen lässt, löst er ohne viel Wurbel und Schwurbel ein, was die lästigen 17 Hippies immer nur versprechen, nämlich die Haus- und Bierzeltmusik vor der eigenen Haustür trotz oder wegen der eigenen Punksozialisation mit dem - in der eigenen WG einst wie einen Geheimschatz gehüteten - Sound der Tanzhallen der Welt zu ... entschärfen? Verschärfen?

Beides trifft zu, das eine im Sinne einer Internationalen des unpolitischen Liedes, die Nationalismus automatisch exorziert, das zweite eher im Sinne von musikalischen Qualitäten wie Groove, Pfeffer, Sex ... Parameter, mit denen die deutschen Volksmusik ja so ihre Probleme hat. Sie in irgendeiner lebensbejahenden Weise zu infiltrieren (keine europäische Volksmusik ist je ohne Einflüsse von außen geformt worden), ist besser als nekromantische Rehabilitationsversuche, aber auch konstruktiver als arrogante Verdammung oder die Flucht in essentialistische Nischen ... und ein cooler Nebeneffekt dessen, was natürlich vor allem entscheidend ist: das Gutfeeling. Auf dem neuen Werk der Hermanos geht es kubanisch los, verliert sich dann in den Sümpfen des Mississippi-Deltas, bolzt mit schweren Punkriffs durch die Straßen Londons, landet in einer ortlosen Kneipe, an der Wand ein Bild von Tom Waits und eines von Fidel Castro. Das Schlagzeug scheint immer noch aus einem Lochblech und einer Getränkekiste zu bestehen, die eigens gestimmte Steeldrum bekommt ihren Auftritt, und obwohl exzellente Blechbläser anwesend sind, muss der Melodicaspieler alles geben – der Song heißt dann auch »Le massacre du melodica« - das Megafon dient der Stimmübertragung, wird aber auch mal zur Seite gelegt, um eine Zigarette zu rauchen oder eine Strophe ins Glas zu murmeln. Aber da ruft auch schon wieder eine Trompete zum Tanz. So verleihe ich, obwohl das letzte Album das stärkere Songwriting aufwies, das Prädikat: 13 schwingende Stimmungshits ohne Grenzen.
Eric Mandel

Matthias Schriefl
Shreefpunk Live in Köln
Matthias Schriefl: tr / Johannes Behr: g / Robert Landfermann: b / Jens Düppe: dr / Django Bates: p / + Streichquartett
11 Tracks
Spieldauer: 73:50
ACT / edelkultur
****
Für seinen Trompetenlehrer Andy Haderer ist der gebürtige Allgäuer und Wahl-Kölner Matthias Schriefl »verrückt genug, Ideen umzusetzen, die andere niemals wagen würden«. Und als ob Schriefl dieses Lob noch mal so richtig zementieren wollte, holt er erneut mit seiner Band Shreefpunk wieder richtig aus. Mit einem Donnerwetter aus Punk und Jazz, rotzigem Rock und Wiener Kaffeehausmusik. Aufgenommen wurde das alles live und in musikalisch greller Farbe im Kölner Stadtgarten sowie in der lokalen Philharmonie. Mit dabei hatte Schriefl seine drei Shreefpunk-Kombattanten sowie vier Profi-Streicher und als i-Tüpfelchen den englischen Keyboarder Django Bates. Und was soll man sagen: Quer durchs Album geht es mit großem Grinsen über Stock und Stein, werden ständig die Schalter von frech gebügeltem Blues über quietschfidel stampfende Rhythmen und zappaeske Verunreinigungen bis zu heftig gerittenen Noise-Attacken umgelegt. Schweißtreibend und stimmungsanheizend ist das alles. Und noch viel mehr.
Guido Fischer