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Samstag, 4. Februar 2012

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Tonspuren Dezember 2009 E-Mail
Henry Threadgill ZooidTONspuren
This Brings Us To, Volume 1
Henry Threadgill: fl, as / Liberty Ellman: g / Jose Davila: tb, tu / Stomu Takeishi: bg / Eliot Humberto Kavee: dr
White Wednesday Off the Wall / To Undertake My Corners Open / Clairmaster / After Some Time / Sap / Mirror Mirror The Verb
Spieldauer: 39:01
Pi Recordings / Al!ve
****
Henry Threadgill hat sich in den letzten Jahren rargemacht und selbst vor seiner großen Schaffenspause gab er sich eher sphärisch als tiefgründig. Auf seiner neuen CD verbindet er nun beide Aspekte. Er beginnt mit kaum hörbaren, molekular anmutenden Strukturen. Seine Flöte wispert, Liberty Ellmans Gitarre singt leise und völlig losgelöst vor sich hin, Jose Davilas Tuba grundiert im tiefsten Schwarz der Unendlichkeit. Im zweiten Track dann der Groove, schwer, behäbig, unerbittlich. Doch selbst wenn Threadgill dynamischer - um nicht zu sagen rockiger - wird, behält er doch seine Eleganz und Sophistication bei. Threadgill ist ein Meister des kultivierten Kammerspiels. In seiner Musik laufen Eric Dolphy und Ornette Coleman zusammen, doch niemals wirkt es epigonenhaft. Im Gegenteil, in der spontanen Erfindung von Haupt- und Nebenwegen verbindet er Wärme mit Abstraktion, tänzelnde Leichtigkeit mit sinnlicher Wucht zu einem ganz persönlichen Idiom. Einzigartig ist sein linear schwebendes Flötenspiel, das dem ganzen Gebilde etwas Märchenhaftes verleiht. Mit seinen 65 Jahren kommt Henry Threadgill immer noch als leichtfüßiger Prinz daher, der nur wenige Töne braucht, um seine Hörer zu verzaubern. Was erst so zögerlich anfängt, verdichtet sich von Stück zu Stück. Mit den Tempi steigt auch die Betriebstemperatur der Solisten. Erst im letzten Stück zerfällt alles wieder in seine Bestandteile. Eine Metapher vom Werden und Vergehen, vom ewigen Kreislauf des Lebens.
Wolf Kampmann

Mahall Nabatov Lillinger Landfermann
Nicht ohne Robert Vol. 1
Rudi Mahall: b-cl / Simon Nabatov: p / Robert Landfermann: b / Christian Lillinger: dr
4 Tracks
Aufnahme: Köln, Januar 2008
Spieldauer: 53:37
www.jazzhausmusik.de
***(*)
Der Mann mit dem markanten Bart ist aus der deutschen Jazz-Szene längst nicht mehr wegzudenken. Das hat jetzt auch der WDR gemerkt, der dem Bassisten Robert Landfermann - gemeinsam mit dem Schlagzeuger Jonas Burgwinkel als beste Rhythm Section - in diesem Jahr den WDR Jazzpreis verliehen hat. Das Kölner Loft hat ihm schon im letzten Jahr die bemerkenswerte Konzertreihe Nicht ohne Robert gewidmet, dessen erstes Konzert jetzt als Live-Mitschnitt vorliegt.

Freie Improvisation ist das Stichwort - ohne Proben, ohne Absprachen begegnen sich hier die Musiker im Augenblick. Dazu hat Landfermann die passenden Schwergewichte versammelt. Aus Berlin kamen der Bassklarinettist Rudi Mahall und der hyperaktive Schlagzeuger Christian Lillinger, aus Köln der Pianist Simon Nabatov. Der erzeugt einen rasenden Mahlstrom auf seinen 88 Tasten - ich bin mir sicher, sie sind alle dabei - und ist ein Wunder an Prägnanz und Ausdruckskraft. Echos der Jazzgeschichte sind bei Rudi Mahall zu hören, der die Bassklarinette in Höhen führt, in denen sie selten zu erleben ist, aber auch erhabene stille Momente (zum Beispiel im zweiten Track bei circa 9:30) zulässt. Das ist der Moment, in dem Robert Landfermann uns aus dem tiefen Tal wieder herausholt und neue Perspektiven eröffnet. Das kurzfristige Rede-und-Antwort-Spiel, auch mal mit kleinen Momenten der Sprachlosigkeit, bereitet Vergnügen, wenn man sich darauf einlässt und so sorgfältig die Ohren spitzt, wie es die Musiker an diesem Januartag getan haben. Und manche der kreiselnden Arco-Figuren, die Robert Landfermann inmitten des hektischen Geschehens entwirft, bleiben lange im Gedächtnis.
Rolf Thomas

Lucien Dubuis Trio & Marc Ribot
Ultime Cosmos
L. Dubuis: as, bcl / Roman Nowka: b, g, voc / Lionel Friedli: dr / Marc Ribot: g
12 Stücke
Aufnahme: Brooklyn Recording, NY
Spieldauer: 56:53
Enja / edelkultur
****(*)
Kaum schmettern die ersten Töne aus den Boxen (laut aufdrehen!) stellt sich ein freudiges Grinsen ein, was alsbald von rhythmischem Kopfnicken begleitet wird. Diese Musik macht von Anfang an einfach Spaß! Den hatten die Beteiligten ganz sicher auch beim Spielen: das Trio des Schweizer Bläsers Lucien Dubuis und ihr Gast, der weltweit agierende Gitarren-Abenteurer Marc Ribot. Sie addieren Momente aus Jazz, Funk, Rock und sogar Country, um diese Mixtur dann aufregend explodieren zu lassen. Da kommen Erinnerungen an Rip, Ric & Panic oder The Contortions auf, scheint die Kiki Band des japanischen Saxofonisten Kazutoki Umezu Pate gestanden zu haben - was nicht verwundert, spielte Ribot doch vor vielen Jahren längere Zeit mit Umezu zusammen.

Dubuis improvisiert offensiv auf Altsax und Bassklarinette, dies sind auch die Instrumente des Japaners, dabei ähnlich entspannt souverän, setzt bei Bedarf selbst manch kleine Melodieschnörkel dazwischen. Der gern benutzte Begriff »Spiellust« ist hier absolut angebracht, vermittelt sie sich doch bei jedem Stück, egal ob mit hohem Tempo und harten Drumbeats ein punkjazziges Brett zersägt, oder einer düsteren Ballade durch spannende Disharmonie dynamische Lebensfreude eingehaucht wird. Ribot rockt staubtrocken und mit gewohnt abwechslungsreicher Routine, gibt dem ohnehin schon kraftgeladenen Sound des Bieler Trios noch mehr unbändigen Schwung. Den Jazz-Puristen wird dies sicher gar nicht gefallen, werden bei Ultime Cosmos Genremauern doch radikal eingerissen. Freunde dieser virtuosen Wildheit dürften sich über die Bonus-DVD freuen, sie zeigt das »Making of« von Ultime Cosmos.
Olaf Maikopf

Rickie Lee Jones
Balm in Gilead
Rickie Lee Jones: voc, g, p, key, bj, b, perc, dr / David Kalish: b, g, p, org / Chris Joyner: p / John Reynolds, Bill Frisell, John Doan, Patrick Maguire: g / Jon Brion: g, b / Sebastian Steinberg, Reggie McBride, Tony Scherr, Ed Maxwell: b / Pete Thomas, Charlie Paxson, Kenny Wollesen: dr / Brian Swartz: tp / Tom Evans, Paulie Cerra: sax, fl / Joel Guzman: org, acc / Craig Eastman: viol, mand / Danny Frankel: body slapping, perc / Grey DeLisle: autoharp / Arno McCuller: bg-voc / Gäste: Ben Harper: slide-g, voc / Vic Chesnutt, Victoria Williams: voc / Alison Krauss: viol
Produktion: Rickie Lee Jones, David Kalish, Sheldon Gomberg
10 Tracks
Spieldauer: 43:17
Concord / Universal Jazz
****(*)
Zu den Vielveröffentlichern der Branche zählt Rickie Lee Jones mit gerade mal 11 regulären Studioalben in 30 Jahren sicher nicht. Was andererseits das Substanzielle angeht, kann ihr – anerkanntermaßen - kaum jemand aus der Singer/Songwriter-Kunst das Wasser reichen.

Abgesehen davon, dass Balm In Gilead jedem Jones-Afficionado vertraut vorkommen dürfte, ist es die Song-Kollektion einer Künstlerin, die einzigartig bleibt in ihrem unverrückbaren Bestehen auf der Hegemonie des Emotionalen, mit dem sie sozialpolitische und private Realitäten reflektiert und poetisch übergreifend betrachtet. Gefühl und Ausdruck des Albums tragen eindeutig Jones’ Handschrift: das irritierend mädchenhafte Timbre, so präzise intoniert, wie ein reales, gesundes Kind es niemals würde; die unmerklich mit obsessiver Akribie gestalteten Arrangements; die handverlesenen Musiker, die Zugang finden müssen zur Befindlichkeit dieser Autokratin, die ihren Ausdruck wohl am liebsten ganz ohne Hilfe realisierte, wenn sie dies immer zu ihrer Zufriedenheit könnte. Ohnehin spielt sie viele Instrumente selbst, sofern sie Tasten, Saiten oder Felle haben.

Einzigartig erscheint ihr diese Platte, sagt Rickie Lee Jones, weil die Songs aus Entwürfen der letzten 20 Jahre entstanden, und nicht, wie sonst, unmittelbar auf die Platte hin. 20 Jahre - ein Zeitraum, in dem sich die Bedeutung von Worten wandeln, in Vergessenheit geraten und neue Bedeutungen nach sich ziehen kann; deshalb, sagt Jones, ähnele Balm In Gilead einem Debütalbum, das ja aus sich selbst heraus die Möglichkeit biete, jahrelang am einzelnen Song zu arbeiten. So betrachtet, ist Balm In Gilead ein Porträt, ein »Greatest Hits« ohne Hits, als »Best of«-Sammlung mit ausschließlich neuen Songs.

Tatsächlich denkt man schon nach eineinhalb Minuten an Jones’ selbstbetiteltes Debütalbum (1979). Weniger glatt im Sound als damals mit der üblichen L.A.-Studioelite – Steve Gadd, Michael Boddicker, Tom Scott et al -, kommt es mit diesem typischen Jones-Swing aus der Hüfte, anspruchsvoll gestaltet und mit einem Fingerschnipsen präsentiert, mit dem die damals 25-Jährige Ex von Tom Waits einen hinriss. Weniger Rückblick als Streifzug, bewegt sich Balm In Gilead leicht durch die Stilistiken von Jones’ bisher 30-jährigem Gesamtwerk, von den Westcoast-Anfängen über Bluegrass, sakrale Atmosphären von irgendwo da draußen, Soul und Jazz. Mit Gastsänger Ben Harper gelingt ihr ein berührender, in seiner Zartheit zerschmetternder Out-of-love-Song, und »The Moon Is Made of Gold« wäre in den 50er Jahren ein Klassiker geworden, hätten Hart/Rogers/Hammerstein es geschrieben - und nicht Rickies Vater, ein unbekannter Jazzsänger und Gelegenheitsjobber.

Möglich, dass Balm In Gilead eines der besten Jones-Alben ist. Es fühlt sich so an, bleibt aber abzuwarten. Die Alben der Super-Individualistin, die ein stark individuelles Wahrnehmen bei ihren Hörern erzeugt, tendieren zu Wachstum und Veränderung. Ohnehin befinden sich überdurchschnittlich viele beste Platten unter den relativ wenigen, die Rickie Lee Jones bis heute veröffentlicht hat.
Rolf Jäger