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Tonspuren Februar 2009 |
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Clifton Anderson
Decade
Clifton Anderson: tromb / Al Foster: dr / Kenny Garrett: sax / Christian McBride: d-b / Stephen Scott: p
10 Tracks
Spieldauer: 65:43
Emarcy / Universal
****
Neffe von Sonny Rollins zu sein, ist noch keine Garantie dafür, dass man es im Jazz schaffen wird. Neben den B-Vitaminen sollte man da durchaus noch über etwas Talent verfügen, um gegebenenfalls auch auf eigenen Beinen stehen zu können. Im Fall vom Posaunisten Clifton Anderson ist dieses Urgefühl für alle Spielarten des Modern Jazz aber derart allgegenwärtig und unüberhörbar, dass er eigentlich seinen Job in der Band seines Onkels an den Nagel hängen könnte. Sein satter wie sonor durchgezogener Sound macht sich schließlich auch auf dem zweiten Solo-Album mehr als exzellent. Mal zupackend, mal etwas gedankenverloren, mal hoch emotional und dann wieder latino-frech – in diesem Ausdrucksspannungsbogen bewegt sich Anderson in den zehn Kompositionen. Und in jedem einzelnen Stück hat er Händchen bewiesen. Bei dem Aufmarsch von hochkarätigen Mitstreitern, die entweder aus dem direkten Rollins-Umfeld kommen (Bob Cranshaw) oder die – wie Kenny Garrett – sich ihrer Hörner bei Miles Davis abgestoßen haben. So ist ein Album entstanden, auf dem man die Tradition und speziell das Erbe von Sonny Rollins hochleben lässt – ohne dabei aber in Ehrfrucht zu erstarren.
Guido Fischer
Bodurov Trio
Stamps from Bulgaria
Dimitar Bodurov: p / Mihail Ivanov: b / Jens Dueppe: dr
Mamo / Doncho / Butch / Ot Men Ti Izin, Younache / Graovsko / Lapyrinth / Kircho / Lale / Dobro
Aufnahme: 2008
Produzent: Dimitar Bodurov
Spieldauer: 55:53
Challenge / Sunny Moon
***(*)
Manchmal dauert es einen schon, dass es »deutsche Volksmusik« in dem Sinne nicht gibt und von deutschen Musikern keine folkloristischen Bearbeitungen kommen (mal von einigen durchaus gelungenen Bearbeitungen von »Der Mond ist aufgegangen« diverser Interpreten abgesehen). Der bulgarische Pianist Dimitar Bodurov hat sich die Musik seiner Heimat vorgenommen und noch weitere Stücke im gleichen Idiom geschrieben. Erst stellt sich im Ohr noch etwas quer, denn die verwendeten Skalen, für die man früher gerne den Begriff »Zigeunermoll« verwendete, sind nicht so recht das, was man aus der klassischen westlichen Musik kennt. Doch spätestens nach dem zweiten Stück hat man sich an die östlichen Soundhemisphären akklimatisiert und genießt die besondere CD und die archaischen Frauenstimmen, die die Basis für »Butch« liefern. Bodurovs Trio geht nicht nur bravourös durch die sehr powervollen Stücke mit brachialen Beats, ungewohnten Takt- und Tonarten, sondern versteht auch die leiseren Töne aus dem Herzen zu spielen. Offensichtlich eignen sich osteuropäische Melodien speziell für Klaviertrios gut – für alle, die sich für Musik von der Schwarzmeerküste und dem Balkan interessieren, ist Bodurovs Trio ein heißer Tipp!
Angela Ballhorn
Erik Fridlander
Block Ice & Propane
Erik Friedlander: cello
King Rig / Dream Song / Airstream Envy / Road Weary / Night White / Block Ice & Propane / A Thousand Unipieced Suns / Rushmore / Rusting In Honeysuccle / Cold Chicken / Yakima / Pressure Cooking / Valley of Fire
Spieldauer: 45:00
Skipstone / Amazon
****(*)
Bill Frisell, Jenny Scheinman und das Tin Hat Trio haben es vorgemacht, und immer mehr Musiker kommen auf denselben Trichter: Der Jazz braucht Auswege, die ihm weder in seiner eigenen Tradition noch an den unsteten Ufern der Avantgarde geboten werden. Doch Amerika hat ja noch mehr Traditionen zu bieten als nur die des Jazz. Dass sich allerdings ausgerechnet das Solocello-Album eines ausgewiesenen Jazzvirtuosen stilvoll zwischen Country Music und Folk platzieren kann, scheint abenteuerlich. Kein Geringerer als Erik Friedlander macht nun das Unmögliche möglich. Allein auf seinen vier Saiten erzählt er uns einen wunderbaren Hörfilm, in dessen optischer Weite man sich leicht verlieren kann.
Die Songs funktionieren wie alte Folksongs von 1910. Sie stecken voller Erinnerungen, Assoziationen und Sehnsüchte. Ein immerwährender Roadmovie, ohne rechten Anfang und Ende. Manchmal beginnt Friedlanders Cello zu tanzen, manchmal streckt es sich auch nur im Schatten seines eigenen Fernwehs aus. Die Frage, ob diese Musik Jazz ist oder nicht, greift hier nicht. Vielmehr muss man grundsätzlich die Möglichkeiten und Perspektiven von Jazz hinterfragen. Friedlander improvisiert, doch diese Improvisationen stecken nicht im verschulten Jazzkanon fest. Dieser Cellist wagt etwas Neues, ohne den Hörer dabei zu überfordern. Sein Angebot für die Zukunft ist eine Musik voller Intimität und Offenheit, Tradition und Ausblick, Vertrautheit und Wagemut. Genau das richtige Album für eine Zeit, in der alle politischen und wirtschaftlichen Karten global neu gemischt werden.
Wolf Kampmann
Buraka Som Systema
Black Diamond
Mit: Buraka Som System, DJ Znobia, M.I.A, Saborosa, Puto Prata, Deize Tigrona, Pongolove, Bruno M, Petty, Kano
Luanda – Liboa / Sound of Kuduro, Aqui Para Vocês, Kalemba (Wegue-Wegue), Kurum, IC19, Tiroza, general, YAH!, Skank & Move, D...D...D...D...JAY, New Africas pt. 1 & 2
Spieldauer: 52:06
Fabric / PIAS
****(*)
»I put people on the map that never see the map«, versprach M.I.A. auf ihrem zweiten und vermeintlich letzten Album Kala. Im vergangenen Jahr wurde deutlich, wie ernst es ihr damit ist: Der britische Rapper African Boy gewann mit seinem »One Day I Went To Lidl« die Herzen der YouTube-Benutzer, von da aus war es nur noch ein Mauseklick zum Buraka Som Systema, dem nächsten auf Kala gefeaturten Projekt aus dem Sound-System-Hinterland. Dafür ist die pfiffige Londoner Tamilin nicht allein verantwortlich, sondern die üblichen Verdächtigen - konvergierende Produktionsstandards, postkoloniale Migration, das Internet, kurz: Die Globalisierung ist auch in der Dance-Szene angekommen. Wo das Mekka und Medina bisher in den subkulturellen Zonen der Industrieländer (Detroit, Berlin, Süd-London etc.) verortet wurde, wächst nicht mehr nur länger auf der Exportebene das Interesse an den Schwellenländern. Und Schwellenland ist in diesem Zusammenhang erfrischenderweise nicht, wer die IWF-Auflagen übererfüllt und seine Rohstoffe billig aus der Subsahara bezieht, sondern kann genau dort liegen: wo Armut und die Härte des täglichen Kampfes sich zu einem selbst bestimmten Kulturprogramm verdichten, das – nah am jamaikanischem Vorbild – auf drei Säulen steht. Billige, elektronische Produktion, die Betonung der Lokalität und der Erfindungsreichtum bei der Verbreitung – vom extremdimensionierten Sound-System bis zum Taxifahrer als DJ und Einzelhändler in Personalunion.
Nach einem kleinen Hype um Funk aus den Favelas Rio de Janeiros ist der aufsteigende Stern am Himmel des »Ghetto Funk« (unschöner, aber mittlerweile üblicher Term) der Rote Stern der ehemaligen portugiesischen Kolonie, ehemals sozialistischen, heute konsequenterweise verarmten Republik Angola mit seinem »Sound of Kuduro«. Die hektische, mit scharf akzentuierten Snares vorantreibende Musik lebt von ihrer Interaktion zwischen DJ, MCs, Tänzern und aktivem Publikum und war bis vor kurzem ein Fall für importierte Tapes und Mix-CDs - zum kommerziellen Durchbruch schaffte es die Musik selbst in Portugal nicht. Es bedurfte des Buraka Som Systema und seiner Kontakte nach England und Lissabon, damit mit Black Diamond das Manifest dieser extrem tanzbaren Musik in europäischen Läden kommt. Und es hat sich gelohnt. Der Titel, eine Anspielung auf das todbringende Millionengeschäft mit härtesten Materialien, weist darauf hin, dass die verantwortlichen Texter mehr im Kopf und auf dem Herzen haben als reinen Eskapismus und Selbstanpreisung.
Und zweitens macht diese Musik einfach Spaß, ist dabei Techno und House so ähnlich, dass es keine Irritationen beim Kontakt mit Musiken wie Baltimore, Baile Funk oder Grime gibt – und diesen Kontakt stellt Black Diamond aktiv her. Nach einem Pflichtbesuch von M.I.A. (ein Remake von Sound of Kuduro von Kala) sind auch brasilianische Funk-MCs mit den üblichen Schweinerein zu Gast, später gibt es noch einen Auftritt von Grime-Jungstar Kano, dazwischen beweisen sich lokale MCs wie Pongolove und Petty höchstes Mikrofon-Kombattanten-Niveau. Black Diamond befriedigt damit nicht die legitim essentialistische Neugier auf einen wie auch immer gearteten Ist-Zustand einer virilen Provinzszene (das leisten die erwähnten Tapes und CDs), sondern bereits den sound- und marketingtechnischen Brückenschlag ins Exportdurchgangslager England – dafür sprechen auch die Fettheit und Definiertheit der Bässe, die stellenweise deutlich die Handschrift der Koproduzenten Switch und Diplo, jedenfalls aber eines britischen Mastering-Studios tragen. Und das spricht nicht gegen den hohen Unterhaltungsfaktor, den der Clash von tribaler Rhythmusästhetik und Großraumrave-Effekten aufbringt und bis zum letzten Kapitel hält. Kein »Dance«-Album des letzten Jahres war so randvoll mit experimentellen oder schlicht begeisternden Highlights.
Eric Mandel
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