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Mittwoch, 22. Februar 2012

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Tonspuren Januar + Februar 2012 E-Mail
Murren und Murmeln oder Rys rumpelndes Polit-Journal

Ry Cooder
Pull Up Some Dust And Sit Down
Ry Cooder: voc, g, b, mand, banjo, bajo sexto, marimba / Joachim Cooder: dr / Flaco Jimenez: acc / Juliette Commagere: bv / Arturo Gallardo: cl, as / Jim Keltner: dr / Rene Camacho: b / Terry Evans, Arnold McCuller, Willie Green: bv
Aufnahme: 2011, Wireland Studios, Chatsworth/Ocean Studios; Burbank, Drive-By Studios, L.A.
Produzent: Ry Cooder
13 Stücke
Spieldauer: 58:50
Perro Verde / Nonesuch / Warner
****

Als wollte Ry Cooder die siebzehn Jahre, in denen er keine regulären CDs (dafür zig Soundtracks und Produktionen kubanischer Künstler) herausbrachte, kompensieren, erschienen ab Mitte letzter Dekade drei Konzeptalben, die sowohl den Gitarristen als auch den Texter in Hochform zeigten. Wurden auf Chavez Ravine (2005), My Name Is Buddy (2007) und I, Flathead (2008) allerlei Unrühmlichkeiten US-amerikanischer Geschichte durchforstet, so ist sein jüngstes Werk in der Gegenwart angekommen.

Wie hier aus verschiedenen Erzählperspektiven über mexikanische Flüchtlinge, verkrüppelte Kriegsheimkehrer und abgetauchte Banker berichtet wird, wie hier Cooder einen »Jesse James im Himmel« Gott um Erlaubnis bitten lässt, da unten mal gründlich aufzuräumen, oder später in »If There’s a God« bezweifelt, ob selbst die höchste Instanz bei den Republikanern etwas ausrichten könne, und dabei immer beherzt aus seinem reichen stilistischen Fundus schöpft - das stellt Pull Up Some Dust And Sit Down selbst in der beeindruckenden Diskografie dieses Musikers noch mal auf eine neue Stufe.

Beim Covermotiv des an einer Ampel lehnenden Zeitungslesers gab ein Foto von John Lee Hooker aus den späten 1950er Jahren die Vorlage. Zum einen ist dies eine Reverenz an die Zeiten, als in den Medien nicht nur Meldungen von Missständen aneinandergereiht, sondern deren Ursachen auch recherchiert wurden. Zum anderen spielt Cooder in »John Lee Hooker For President« die Phantasie durch, wie das Rhythm&Blues-Urgestein zum Weißen Haus aufbricht und dem Sicherheitspersonal erklärt, was er als Staatsoberhaupt alles inner- und außerhalb des Parlaments verändern würde: U.a. säßen bei ihm »nine fine lookin’ women« im Supreme Court und »every man and woman« bekäme dreimal täglich »one scotch, one bourbon and one beer«. Gesundheitsvorsorge einmal anders – im täuschend echten Tonfall des Talking-Blues-Meisters klingt das durchaus überzeugend. Anrührender jedoch ist das ebenfalls solo dargebotene »Baby Joined the Army«, in dem ein afroamerikanischer Vater seinem arbeitslosen Sohn, der diese Entscheidung aus Resignation über den weiterhin existenten Rassismus trifft (»They told me if I get killed in battle I still get paid«), nichts entgegensetzen kann.

Und so gallig-humorig es auch sein mag, wenn im Auftakt »No Bankers Left Behind« jene Machenschaften (»Champagne and shrimp cocktails and that’s not all you’ll find / There’s a billion dollar bonus and no banker left behind«) in launiger »Trotzdem hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert«-Manier besungen werden, in »El Corrido de Jesse James« die Bläsersätze fast so besoffen klingen wie in Hans Reichels »Sari’s Waltz« oder in der flotten Polka »Christmas Time This Year« die geschilderten Soldaten auf Familienurlaub (»Now Johnny ain’t got no legs and Billy ain’t got no face«) für Konterkarierung sorgen - die raffinierteren lyrischen Spitzen glücken Ry Cooder eher in seinen ruhigen Stücken.

Etwa, wenn er in »Dirty Chateau« in die Rolle eines reichen Junggesellen schlüpft, der verwundert die Kündigung seiner mexikanischen Haushälterin entgegennimmt. Die zieht es nämlich vor, lieber wieder der harten Arbeit als Erntehelferin nachzugehen, statt dem verwahrlosten Bonvivant die Bude zu putzen oder ihm gar - auf seine Anregung - Lieder ihrer Heimat vorzusingen. Der inhaltliche Kontrast zum entspannt-romantischen Duettgesang von Ry Cooder und Juliette Commagere (der, wie auch in »Simple Tools« angenehm an Jeb Loy Nichols/Lorraine Morley – aka The Fellow Travellers – erinnert) und zum streicherverzierten Arrangement jener Klavierballade ist hier weit eindrücklicher, als wenn er mit nasaler Stimme auf die Tube drückt.

Denn dann ähnelt sein Organ allzu sehr dem des Ex-Little-Village-Kollegen John Hiatt und erinnert selbst den geneigten Hörer daran, dass vor zwanzig Jahren auch Ry Cooder nicht davor gefeit war, grenzwertige Middle-Age-Macho-Texte à la »She Runs Hot« zu verfassen. Vielleicht kein Zufall, dass beim schwächsten Stück des Albums (dem monotonen »Lord Tell Me Why«) Jim Keltner mitschrieb. Dessen einst gleichermaßen vertracktes wie intuitiv herantastendes Spiel hat dagegen Cooders Sohn Joachim inzwischen so sehr verinnerlicht, dass den Slide Area-Zeiten nicht nachgetrauert werden muss. Zumal Cooders treues Backing-Vocal-Trio um Willie Green auf gleich drei Liedern zu hören ist. Darunter auch das wundervoll entspannte Outro-Stück »No Hard Feelings« aus der Sicht eines weisen Native American, der die Machenschaften der Eroberer nicht beschönigt (»You pumped out the water / you sold it back to me«), aber gleichwohl darum weiß, dass auch diese vergänglich sind: »You’re just a murmur in the shifting sands of time«.
Markus von Schwerin




Steven Bernstein’s Millennial Territory Orchestra
MTO Plays Sly
MTO: S. Bernstein / C. Fowlkes / C. Burnham / D. Wieselman / P. Apfelbaum / E. Lawrence / M. Munisteri / B. Allison / B. Perovsky
Stand (feat. Sandra St. Victor, Bernie Worrell & Vernon Reid) / Family Affair (feat. Antony Hegarty) / Sly Notions / Que Sera, Sera (feat. Martha Wainwright) / M’Lady (feat. Dean Bowman) / You Can Make It If You Try / Everyday People (featuring Shilpa Ray) / Bernie Interlude (feat. Bernie Worrell) / Skin I’m In (feat. Sandra St. Victor) / Sly Notions 2/Fun (feat. Dean Bowman) / Time (feat. Dean Bowman & Vernon Reid) / Thank You For Talkin’ To Me Africa (Bill Laswell Mix Translation) / Life
Royal Potato / Import
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Der Moment des Auftritts von Sly & Family Stone am Abend des 5. September 1969 beim berüchtigten Fehmarn-Festival hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. Die Bühne drehte sich, im Scheinwerferlicht erstrahlte eine – für die Zeit überwältigende - Batterie schneeweißer Verstärker, und die Band setzte unmittelbar mit ihrem mächtig rumpelnden Flubberstomp ein: Higher, eine total neue Qualität! Alles, was sich in dieser lockeren Power zusammenballte, stimmte und klopfte wie der Herzschlag. Mit seiner magischen Wirkung überstieg die Musik das Elend rundherum, ließ es für den Moment vergessen. Eine unwiederholbare Gewahrwerdung. Mächtiger als Kälte, Sturm, Regen und Schlamm sowie organisatorisches Chaos und Unheil, die dieses Festival (es sollte das europäische Ebenbild des legendären Woodstock vom Vorjahr werden) heimsuchten. Am 6. September trat dann doch noch Jimi Hendrix auf. Der Himmel riss auf und die Sonne kam zum Vorschein. Sein letztes Konzert, bevor er 12 Tage später das Zeitliche segnete.

Geblieben sind die starken Echos des magischen Gebräus von Sylvester Stewart mit Slys unnachahmlichem Stomp, dem Graham-Bass und dem Familienblech. Das wiederholen oder auferstehen lassen zu wollen, ist ein – wie die wiederholten Versuche des Bizz’ness beweisen – hoffnungsloses, destruktives Unternehmen.

Steven Bernstein dagegen ist ein musikalischer Aktionsarchäologe der besonderen Art, bei dem Imaginieren groß geschrieben wird. Er geht hier den Weg von groß nach klein, hinein in den Urgrund, aus dem Sylvester Stewarts bei seiner Musik schöpfte. Aus dem heraus bringt er die Southern Tinges wunderschön zum Klingen. Die Scheibe ist schon wegen Bill Laswells »Mix Translation« von »Thank You (For Talkin’ To Me Africa)« mit Bernie Worrells Orgel und wegen Anthony Hegarts Interpretation von »Family Affair« absolut der Mühe wert. Auch was Sandra St. Victor (Family Stand), Dean Bowman, Vernon Reid und Worrell sowie das starke MTO liefern, ist nicht von schlechten Eltern und will gehört sein! Listen to the music!
Henning Bolte



Irmler / Wolfarth
Illumination
Hans Joachim Irmler: org, electr / Christian Wolfarth: dr
Illumination / Noir Noisette / Peschawar / Tiptoed / Hold am Goldammer
Aufnahme: 2007-2010, Faust-Studio, Scheer
Spieldauer: 39:33
Klangbad 57LP
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Als Schlagzeuger ist der Schweizer Christian Wolfarth ein Asket. Er hält sich mit Virtuosität zurück, spielt unaufdringlich und sparsam, doch vor allem versucht er seinem Instrument neue Dimensionen abzugewinnen. Wolfarth (Jahrgang 1960) ist ein musikalischer Tüftler und Sinnsucher, der sein Schlagwerk in ein Medium der Poesie verwandelt. Seine Palette an Spieltechniken wird von unorthodoxen Praktiken bestimmt. So streicht er etwa mit dem Geigenbogen ein Cymbal, um es zum Summen zu bringen, oder er kratzt mit einem Trommelstock darauf, bis es hell aufkreischt. Dazu reibt und schabt er auf den Trommelfellen, um die skurrilsten Klänge zu erzeugen. Der Zürcher begreift das Schlagzeug weniger als Rhythmusinstrument denn als Klangfarbenmaschine und entwirft eine Trommelmusik, die nie aufdringlich, sondern immer wohldosiert und originell ist.

Wolfarth spielt kein Schlagzeug von der Stange. Auf die große Fußtrommel verzichtet er völlig. Sein Instrument besteht aus verschiedenen Trommeln und Becken, die er über die Jahre zusammengetragen hat und immer wieder neu ordnet und ergänzt. Dieses Perkussionsarsenal bringt er in eine Kollaboration mit dem Faust-Elektroniker Hans Joachim Irmler ein, die zwischen den Polen sanft und brachial schwankt und nicht immer angenehm in den Ohren liegt. Gleich im langen Titelstück namens »Illumination« schlägt Irmler recht harsche Töne an, die Wolfarth mit perkussiven Effekten anreichert. Hier wie bei den anderen Stücken bildet ein charakteristischer Sound den Ausgangspunkt. Er wird so lange ausgehalten, wiederholt, variiert, ausgebaut und verfärbt, bis sich langsam eine Struktur ergibt. Wolfarth akzentuiert Irmlers elektronisch verzwirbelte Klänge mit Trommelwirbeln oder filigranen Beckenschlägen. Töne werden langgezogen und gedehnt. Dazwischen klingt immer wieder ein Metallbecken schrill auf oder es sorgt ein sich überlagerndes Trommelspiel für dramatische Verdichtung.

Dagegen wird in den Titeln »Tiptoed« und »Hold am Goldammer« ein sanfterer Ton angeschlagen. Ambientartige Soundwellen ebben auf und ab und beginnen vielfarbig zu schimmern. Die Musik gibt Rätsel auf. Elektronik und Schlagwerk klingen so perfekt zusammen, dass oft nicht auszumachen ist, welcher Klang von welchem Instrument stammt. Ein faszinierendes Verwirrspiel der Klänge entfaltet sich im Raum.
Christoph Wagner