jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Mittwoch, 8. September 2010

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Tonspuren Juli+August 2010 E-Mail
DJ Spooky
The Secret Song
20 Tracks
Spieldauer: 78:58
Thirsty Ear / Al!ve
****
Paul Miller alias DJ Spooky alias That Subliminal Kid öffnet mal wieder seine Wundertüte, und wie immer ist sie prall gefüllt. Dass die Rap-Legende Jungle Brothers noch »alive and kicking« ist, wer hätte es gedacht? Hier klingen sie auf »Where I’m At« munter und frisch wie lange nicht mehr. Das HipHop-Kollektiv The Coup, das einst mit seiner per Cover vorweggenommenen Sprengung des World Trade Centers für weltweites Aufsehen gesorgt hat, ist von seiner antikapitalistischen Einstellung auch keinen Deut abgerückt: »5 Million Ways To Kill a CEO« spricht da eine deutliche Sprache. Weitere Gäste sind Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore (zusammen mit Mike Ladd auf »Known Unknowns«), der chinesische Schriftsteller Jing Zhou auf dem Titeltrack, Rob Swift von den X-ecutioners, die persische Sängerin Sussan Deyhim, Vijay Iyer, ein Streichquartett und ein Thirsty-Ear-All-Star-Quartett um den Pianisten Matthew Shipp.

Es ist Miller selbst, der all diese heterogenen Bestandteile unter einen Hut bringt - diesmal sampelt er besonders gerne Flöten und hat sich ausgiebig mit Led Zeppelin beschäftigt. Der »No Quarter Dub« und vor allem der »Dazed And Confused Dub« bauen die Zutaten von Led Zeppelins berühmten Songs neu zusammen und lassen sie gegen das erwähnte Streichquartett antreten. »Unsere Musik basiert im Wesentlichen auf Lautstärke und Wiederholung«, hat Jimmy Page einmal gesagt, und DJ Spooky zeigt, was für Möglichkeiten noch in ihr stecken. Als Beilage enthält The Secret Song eine DVD mit »Kino-Glaz« (Kino-Auge), dem berühmten experimentellen Stummfilm des russischen Regisseurs Dziga Vertov aus dem Jahr 1924, natürlich mit einem remixten Soundtrack von DJ Spooky.
Rolf Thomas

Metropole Orkest / John Scofield
54
Metropole Orkest / John Scofield: g / Vince Mendoza: arr & conduct
Carlos / Jung Parade / Polo Towers / Honest I Do / Twang / Imaginary Time / Peculiar / Say We Did / Out of the City
Spieldauer: 64:42
Universal
****(*)
Wie kann man John Scofield noch besser machen, als er sowieso schon ist? Schwer möglich, zumal sich der Gitarrist in regelmäßigen Abständen neu erfindet oder aus Musikrichtungen, die man überhaupt nicht mit Scofield in Verbindung bringt, etwas Neues, Großartiges zusammensetzt. Man hört schon, ich bin erklärter Fan des Gitarristen. Scofield kann man an der allerersten Note erkennen, und das ist etwas, was man nur von wenigen Instrumentalisten sagen kann. Besser oder spannender machen, das geht aber selbst bei John Scofield - und es gelingt mit dieser Aufnahme. 54 heißt die neue CD, weil das holländische Metropole Orkest 54 Musiker umfasst. Es ist das letzte »überlebende« Rundfunkunterhaltungsorchester in Europa und weiß seit Jahren mit ausgewählten Solisten und auf deren Leib geschneidertem Programm zu begeistern. Seit ein paar Jahren ist Vince Mendoza Chef und Hauptarrangeur dieses herausragenden Klangkörpers - ein Glücksgriff. Seine Arrangements schöpfen aus dem vollen, er schafft eine ausgewogene Mischung zwischen modernen Jazz, Latin und sogar Blues- und Rockklängen, die sich mit klassisch-sattem Streicherklang, Holzbläsersatz und Exoten wie Harfe vermischen. Dass ein quasi »abgespecktes« klassisches Orchester mit so viel Drive und Elan durch Arrangements geht, ist einmalig. So beginnt die CD schon mit einem Donnerschlag, scharfe Akzente mit Streichern und Mallets setzen knackige Eckpfeiler, deren Lücken Scofield mit charmanten langen Tönen füllt. Selten hörte man den amerikanischen Gitarristen so zu Höchstleistungen gepusht, so nach Neuem suchend wie hier. Teilweise wurden Scofield Songs von Vince Mendoza, Jim McNeely und Florian Ross arrangiert, teils steuerte Mendoza auch eigene Werke bei. »Dieses Orchester ist absolut einmalig«, sagt Sco. »Meine Songs in dieser Besetzung zu hören und zu spielen ist toll, und Vinces Arrangements und Kompositionen sind Meisterstücke, die ich mit Begeisterung interpretiere.« Sollte man beckmesserisch nach Schwachstellen dieser CD suchen, könnte man die Solisten des Metropole Orkest nennen. Auch wenn jeder ein hervorragender Jazzmusiker ist und die Soli in jedem anderen Kontext über die Maßen gut wären – mit Scofield können sie nicht ganz mithalten. Aber das bedeutet im Umkehrschluss, dass John Scofield in absoluter Topform spielt. Mehr als hörenswert!
Angela Ballhorn

Sérgio Mendes
Bom Tempo
Sérgio Mendes: keyb, arr / Nathan Watts, Al Johnson: bg / Vinnie Colaiuta, Mike Shapiro: dr / Paul Jackson Jr.: eg / Bill Churchville: tp / Andrew Lippman: tb / Scott Mayo: ts, cl, fl / u.a. / Guests: Nayanna Holley, Seu Jorge, Gracinha Leporace, Milton Nascimento, Katie Hampton: voc / Carlinhos Brown: voc, ac-g, perc, rap, steel-g
Spieldauer: 46:25
Hear Music / Universal
*****
Gratulation! Nach einigen äußerst erfolgreichen, aber qualitativ sehr durchwachsenen Alben legt Sérgio Mendes nun mit Bom Tempo ein Album vor, an dem nicht nur alles stimmt, es ist gelinde gesagt eines seiner besten Alben überhaupt. Er versteht es besser als je zuvor, auf unnachahmliche Weise alle Qualitäten brasilianischer und amerikanischer Popmusik auf den Punkt zu bringen. Die Grundlage seiner Musik ist zunächst mal sein Gespür für einprägsame brasilianische Melodien, absolutes Hitmaterial – auch wenn hier manch Bewährtes aus früheren Jahrzehnten wie z.B. Jorge Benjors »País Tropical« dabei ist und perfekt aufpoliert wurde. Aber diese Rückgriffe gab es eigentlich schon immer bei ihm. Er ist eben kein Komponist, sondern ein begnadeter Arrangeur. Dann werden diese exzellenten Stücke mit knackigem Funk, schnittigen Bläsern, betörendem Harmoniegesang, wilder brasilianischer Perkussion und atemberaubend perfekten Begleitmusikern versehen. (Man höre nur Vinnie Colaiutas Drum-Line im zweiten Stück.) Und drittens setzt Mendes diesmal hoch energetische Sänger ein, vor allem Seu Jorge und - Carlinhos Brown: So gnadenlos funky haben wir ihn uns schon lange mal wieder gewünscht. Schließlich hat er seinen Nachnamen James Brown zu Ehren gewählt. Man höre nur seine Body-Percussion im Stück »Magalenha«. Da wird einem schon vom Zuhören der Atem knapp. Sérgio Mendes macht diesmal vor allem nicht den Fehler, mit ein paar kuschelweichen Balladen und ebensolchen Sängern aus musikalischen Nebenmärkten ein paar Alben mehr verkaufen zu wollen, aber dabei musikalische Tiefpunkte zu produzieren. Nein, dieses Album bleibt in der Hand brasilianischer Musiker und ist daher wie aus einem Guss. Ehefrau Gracinha Leporace mit ihrem göttlichen Gesang, der schon bei Brazil ’66 betörte, ist zum Glück oft zu hören und wenn Sérgio Mendes ruft; dann kommen ja immer auch die ganz Großen der MPB vorbei wie diesmal Milton Nascimento. Und der zeigt sich von seiner besten Seite. So funktioniert Mendes’ Mischung auch noch, wenn er zum Schluss einen Gang runterschaltet. Sérgio Mendes wischt mit diesem Album eigentlich alle Anwärter auf das brasilianische Album des Jahres handstreichartig vom Tisch und ist damit endgültig das für die Música Popular Brasileira geworden, was Pelé für den brasilianischen Fußball ist.
Hans-Jürgen Lenhart


Vier Fäuste für ein Halleluja

Nachrichten aus der Provinz: Unsere liebste, weil aktivste Krautkapelle hat gleich vierfach zugeschlagen: Eine Doppel-CD mit brandneuem Faust-Material und eine DVD mit zwei Konzertfilmen, daneben stehen in Kooperation mit Play Loud wieder diverse Re-Issues aus den frühen Siebzigern auf CD, Vinyl und via Download an.

Konzentrieren wir uns aber auf die Neuigkeiten. Dietmar Post und Lucía Palacios, die 2008 für ihr Bandportrait Monks – The Transatlantic Feedback verdienterweise den Grimme-Preis kassierten, haben 2005 ihre Ausrüstung nach Scheer geschleppt und in guter Festival-Tradition das zweite der seitdem zuverlässig alljährlich stattfindenden Klangbadfestivals dokumentiert. Konnten sie beim Monks-Coup noch mit jeder Menge Archivmaterial und prominenten Interviewpartnern beeindrucken, waren sie in Scheer auf die Mittel des »Direct Cinema« zurückgeworfen, ein Hauch von Woodstock liegt also über den ersten Bildern – abzüglich der Menschenmassen. Es hilft, dass Organisator und Oberfaust Jochen Irmler daran erinnert, dass dieses Festival ja doch eher als ausgelagertes Wohnzimmer fungiert denn als unübersichtliches, sanitär bedenkliches Massenereignis.

Kurz und undankbar: Alle die nicht dagewesen sind oder später kamen, dürfen sich zumindest bei den ersten der chronologisch eingefangenen Auftritten damit trösten, dass sie auch nicht besonders viel verpasst haben, Minit verharren konzentriert über ihren Geräten, als würden sie ihren Lieblingshamster am offenen Herzen operieren, was möglicherweise interessanter geklungen hätte. Jutta Koether liest irgendwas und spielt irgendwelche Keyboard-Presets, Steven W. Lobdell ist ein guter Gitarrist, Cpt. Howdy hab ich nie verstanden. Entschädigt wird das kritische Ohr durch schöne Beiträge von Circle, Nista nije Nista und natürlich Faust selbst. Die Band spielte nach Einbruch der Dunkelheit ein Konzert, das als separater Film dokumentiert wurde, - und es war vom ersten Moment an intensiv, grob und herrlich. Lachhaft naive Mittel verzahnen sich mit intuitiv-genialen Manövern zum gewaltigen, himmlisch dröhnenden Markenzeichen-Sog.

Für eine neue Balance im Gefüge sorgt Schlagzeuger Jan Fride, der das Dampfwalzenspiel des ausgeschiedenen (oder eher: abgespaltenen) Zappi Diermeier durch eher filigranes, auch mal an This Heat oder Jaki Liebezeit erinnerndes, ja zur Funkyness tendierendes Drumming ersetzt. Auf der Bühne klingt das manchmal etwas zu konventionell, aber vergessen wir nicht, dass Faust ja auch noch eine Doppel-CD am Start hat, die die seitdem vergangene Entwicklung dokumentiert. Ja, Entwicklung. Faust Is Last ist so schroff, laut und faustisch wie gewohnt und geschätzt, aber die Kanten sind schärfer geworden, das Dickicht transparenter, der Sound klarer und härter. Wo früher vor allem Irmlers Reibeisensounds für Mulmen und Matschigkeiten in den Mitten sorgte, zeichnet diese Doppel-CD ein kompakter, unmittelbarer Rock-Wumms aus, den man ruhig bis zu den einflussreichen Monks zurückverfolgen kann, was die frisch eingetroffenen Re-Issues auch belegen. Faust Is Last ist die zweistündige Meditation über das Thema »Überbeat«, definitiv geiler als die neuen Sachen von AC/DC, spannender als Wolf Eyes et al., so konsequent wie Irmlers Solo-Arbeit Lifelike und dabei so kollektiv und kompakt wie, nun ja, eine geschlossene Faust.
Eric Mandel

Klangbad: Avant-Garde in the Meadows / Faust: Live
DVD
Spieldauer:180:00
Play Loud

Faust
Faust Is Last
2 CDs
Klangbad