jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Donnerstag, 9. September 2010

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Tonspuren Juli 2009 E-Mail
DVD:HiromiTonspuren
Live In Concert
Hiromi Uehara: p, keyb / Tony Grey: b / Martin Valihora: dr
Spiral / Old Castle, By the River, In the Middle of a Forest / Music For Three Piece Orchestra / Open Dorr-Tuning Prologue / Déjà Vu / Reverse / Edge / Love And Laughter / Dancando No Paraiso
Aufnahme: Dezember 2005
Spieldauer: 95:00
Yamaha / In-Akustik
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DVD:Hiromi’s Sonicbloom
Live In Concert
Hiromi Uehara: p, keyb / David Fiuczynski: g, fretless g / Tony Grey: b / Martin Valihora: dr
Deep Into The Night / Time And Space / Time Control, Or Controlled By Time / Time Travel / Note from the Past / Double Personality / Time Out / Return of Kung-Fu World Champion
Aufnahme: Dezember 2007, Tokyo
Spieldauer: 105:00
Yamaha / In-Akustik
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Es gibt Konzerte, von denen reichen ganz klassische Mitschnitte auf CD, weil die optische Komponente das akustische Erleben nicht unbedingt bereichert. Bei der japanischen Pianistin Hiromi Uehara ist das ganz anders. Die Frau begeistert nicht nur durch das, was zu hören ist, sondern vor allem durch ihre unbändige Spielfreude, die extrem ansteckend wirkt. Zwei Aufnahmen kommen nun von ihr auf den Markt, die eine aus dem Jahr 2005 im Trio mit ihrem Schlagzeuger Martin Valihora und ihrem E-Bassisten Tony Grey. Die andere aus dem Jahre 2007 wurde mit der gleichen Band gemacht, aber es kommt noch der Gitarrist David Fiuczynski dazu – wobei man die Band Sonicbloom auf keinen Fall als ein um einen Gast erweitertes Trio betrachten darf.

Dass Hiromi eine brillante Pianistin ist, für die offensichtlich sämtliche Gesetze der Schwerkraft nicht gelten, steht außer Frage; dass die 30-jährige Pianistin und Keyboarderin auf der Bühne allerdings zum Flummi wird, verwunderte dann doch etwas. Schon die in alle Richtungen abstehenden Haare sehen so aus, als habe sich die Pianistin selbst unter Strom gesetzt. Am Klavier sitzen bleiben geht deswegen auch nicht. Für lyrische Passagen schon, die sind allerdings eher knapp bemessen. Sobald Energielevel und Tempo steigen, ist kein Halten mehr, dann steht die Pianistin, kniet halb auf dem Hocker und tanzt zu ihren Noten. Ihr Spaß am Spiel und ihre kindliche Freude sind entsprechend mitreißend, auch wenn die Kompositionen durch ausgeklügelte Breaks und Tempowechsel alles andere als leichte Kost sind. Zusammen mit Bass und Schlagzeug bildet Hiromi eine Einheit, die wie ein einziger Musiker atmet – doch auch ihre solistischen Fähigkeiten dürfen Tony Grey und Martin Valihora unter Beweis stellen. Kommt der Ausnahmegitarrist David »The Fuze« Fiuczynski noch dazu, erweitert sich das Ganze noch: Er passt sich perfekt in die waghalsigen Unisono-Strecken ein und liefert passende Soundkaskaden auf seiner Doppelhals-Gitarre. Dass es im Zusammenspiel neben allem Powerplay auch sehr lyrische, ruhige Momente gibt und zwischen verhalten und Vollgas unfassbare Dynamikspannen liegen, sollte auch erwähnt werden. So viel Spielerenergie wird von den Zuschauern belohnt: In Tokio erlebt man ein geradezu frenetisches Publikum, da hört man Zuschauer auch schon mal während eines Stückes kreischen und pfeifen, was bei japanischem Publikum äußerst selten vorkommt.
Angela Ballhorn

Trio 3 + Geri Allen
At the Time
Andrew Cyrille: dr / Reggie Workman: b / Oliver Lake: as, fl / Geri Allen: p
Swamimi (for Alice Coltrane) / Gazzeloni / For Patrik L / All Net / Current / Lake’s Jump / Long Melody / Tey / Barbara’s Rainbow / To the Realm ... of the Child ... of True Humanity Within (Gospel of Mary)
Spieldauer: 60:57
Aufnahme: 29./30.08.2008, Peter Karl Studio, Brooklyn, NYC
Intakt Records
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Es ist nicht leicht, dem Ausstoß von Intakt-Platten die gebührende Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, manche Alben gehen im Strom der Veröffentlichungen unter, zudem ist nicht jede Tageszeit die Zeit für einen Schlippenbach. Für gewisse Alpenschrate und ihre Musik müssen noch eigene Wochen und Monate erfunden werden. Aber neulich fand ich eine Einspielung des Trio 3, die war noch in Cellophan geschlagen. Halb beschämt, halb misstrauisch machte ich mich mit der Nagelfeile an die wie immer etwas mühselige Arbeit. Und stieß so auf die lebendigste, freigiebigste Trio-Musik seit Monaten. Zwei Jahre zu spät. Das sollte nicht wieder vorkommen. Deswegen - und weil Geri Allen auf dem Cover stand - durfte diese neue Trio-3-CD, mit dem passenden Namen At the Time sofort nach der Auslieferung durch eine der besten Postbotinnen der Welt an der Warteschlange (Fat Freddy’s Drop, Terry Callier, Branford Marsalis, Strut- und Honest-Jons-Compilations, Eminem) vorbeimarschieren, an der Kasse sagen: »Einmal Gästeliste +3!« - und ab ging’s unter Applaus und Begrüßungsgetränk in den CD-Player. Und dann ging mit einer klaren Alice-Coltrane-Würdigung die Sonne auf, und nach dem Verklingen des letzten Stückes mit diesem mantraartigen Titel formte sich mir selbst so etwas wie ein kleines Mantra oder so: Jazz ist die Musik, in der man einen guten Menschen daran erkennt, dass er gut spielt. Wieso das? Ein guter Spieler behandelt seine Mitspieler gut. Tut er es nicht, spielt er bloß schnell oder schlau, aber nicht gut; oder er spielt eben keinen Jazz, sondern Rock oder Blues oder Klassik, oder er holt sich einen runter. Das passiert natürlich auch mal guten Menschen, aber sie gehen dafür nicht ins Studio. Dieses Trio +1 spielt also die ganze Zeit wirklich gut, und die Freude daran ist das Wichtige am Jazz, sozusagen die Essenz, und der Rest sind Verkaufsgespräche und Moden.

Zurück zum Trio. Es lebt in einem fröhlichen Paradox. Auf das Piano haben Reggie Workman, Andrew Cyrille und Oliver Lake immer verzichtet. Wer sie erleben durfte, weiß warum – kein Piano, mehr Freiheit. Aber genau deswegen ist - wenigstens nach zwanzig Jahren – die Konfrontation mit dem schwarz-weißen Alleskönner um so reizvoller. So spielte das Trio immer mal wieder mit einer +1, einmal mal mit Irène Schweizer, einmal auch - und leider nicht dokumentiert - mit Andrew Hill. Geri Allens Berufung ist nun so sinnvoll, da hätten wir alle darauf kommen können, und obwohl alles an diesem Album ungeheuer egalitär, selbstlos und ausgewogen ist, haben die drei Gentlemen ihr einen Sonderplatz eingeräumt – je eine ihrer Kompositionen rahmt das Album ein, spirituelle, schreitende Ruhepole. Sie hat in den letzten Monaten für Ravi häufig die Ersatzmutter gegeben. Doch dazwischen gibt es zahlreiche Gelegenheiten für sie, die Tasten in her own sweet way grollen und tosen zu lassen: je ein oder zwei Stücke der Triomitglieder, zwei kollektive Improvisationen und zwei Versionen von Eric Dolphy und Curtis Clark. Eine perfekte Albumstruktur für eine ziemlich perfekte Musik, für die es immer eine Zeit geben wird.
Eric Mandel

Terry Callier
Hidden Conversations
Mr Bongo / Indigo
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Im Spätmärz seines von der Acid Jazz-Community eingeleiteten zweiten Karrierefrühlings – der erste war ohnehin eher ein verlängerter Winter gewesen – nahm Terry Callier mit Massive Attack »Live With Me« auf. Die Impressionisten aus Bristol revanchierten sich mit einer Einladung zum Meltdown-Festival, dem letztjährigen Gradmesser des Cool. »Live With Me« beschließt auch Calliers aktuelles Album, den Auftakt bildet eine von zwei weiteren Kooperation mit Robert 3D Del Naja: »Wings« ist gerade mal etwas weniger düsteres Actionkino als die letzten drei von ihm dominierten Massive-Attack-Dinger, und es gibt den Ton für das Album vor. Drumloops, leichte Dubeffekte, minimale Keyboardtupfer, dunkle Wolken vor dunkelblauem Himmel. Alles liegt eher statisch da, bereit für Calliers Gitarre und vor allem seine stets halb improvisiert klingenden Streams of Consciousness.

Und er seufzt, scattet, singt in seiner seidigen Mittellage und im Falsett (hier klingt er wie Robert Wyatt), oder rappt und preacht auch mal im Stil von Gil Scott Heron. Diese beständige Wandlung zwischen Stimmungen und Styles sind der Anker, an denen er auch schwächere Nummern wie »Fool Me Fool You«, die mit ihren gefilterten Hi-Hats im Couchkartoffel-Funk der späten Neunziger hängen geblieben sind, noch mit durchzieht. Profanität und Erhabenheit liegen hier dicht beieinander: Hier zitiert er »A Love Supreme«, im Titeltrack aber doch ganz zweifellos die Melodie des Kindergesangs »nänänä-nänääh-näh«. Und so kann er auch auf »Jessie And Alice« eine intime, fragile Stimmung herbeizaubern, um sich dann mit »John Lee Hooker«, der anderen 3D-Koop, von schleppenden Live-Drums direkt in die Pathos-Hölle treiben zu lassen. Insgesamt scheinen vor allem die programmierten Strecken wie eine mürrisch-verträumte Antwort auf das Retro-Outfit, das Ahmit Thompson im letzten Jahr Al Green verpasst hat. Das macht Hidden Conversations zu einem interessanten Fall. In Zeiten, wo dank Mark Ronson (und Ahmit & den Soulquarians) alles, was alt klingt, als gut gilt, behauptet es eine Modernität, die es gar nicht mehr gibt - seine Electro-Sounds sind jetzt schon retro –, und klingt damit jedenfalls schon mal anders als alles andere zurzeit.
Eric Mandel

Sexmob Meets Medeski
Live In Willisau 2006
Kenny Wollesen: dr / Tony Scherr: b / Steven Bernstein: slide-tp / Briggan Krauss: as / John Medeski: org
Willisau Suite 1-3
Aufnahme: September 2006, Willisau
Produzent: Nikolaus Troxler
Spieldauer: 63:29
Thirsty Ear / Al!ve
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Wenn man von all den europäischen Sensibelchen genug hat, dann kann man sich vom amerikanischen Quartett Sexmob, das am 1. September 2006 in Willisau auf den Organisten John Medeski traf, mal gehörig die Ohren durchpusten lassen. Herzzerreißend dreckige Blues-Growls treffen auf triefende Orgel-Grooves, Tony Scherr und Kenny Wollesen lassen die Schweiz in ihren Grundfesten beben, und darüber lassen Steven Bernstein und Briggan Krauss auch noch ihrer schwarzen Seele freien Lauf. In drei munteren Suiten lässt die Fünferbande unter anderem Duke Ellingtons »Black And Tan Fantasy«, den New-Orleans-Heuler »Little Liza Jane«, den Prince-Hit »Sign o’ the Times«, Count Basies »Blue and Sentimental« und den James-Bond-Kracher »You Only Live Twice« Revue passieren.

Steven Bernstein ist ein echter Tausendsassa, dessen spektakuläre Bands - etwa sein Millennial Territory Orchestra – hierzulande (trotz eines Moers-Auftritts hier und da) viel zu wenig bekannt sind. Sexmob ist sozusagen die kleine mobile Einheit, die er betreibt; und obwohl die Downtown-Szene, aus der sie entstammt, heutzutage gern schon ins historische Archiv abgelegt wird, ist sie, wie nicht zuletzt der Willisau-Auftritt beweist, »still alive and kicking«. Wie traditionsgetränkt - etwa in »Down on the Farm« - das Quintett agiert und dabei gleichzeitig saftig, vital und innovativ klingt, das ist schon ein ganz großer Spaß. Seien Sie dabei - a helluva time is guaranteed!
Rolf Thomas