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Tonspuren Mai 2009 |
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Nathan Davis
If
Nathan Davis: ss, ts, fl / Abraham Laboriel: b / George Caldwell: p / Dave Palmar: dr / Willie Amoaku: perc
Aufnahme: 1976
Spieldauer: 41:35
Universal Sounds / Indigo
****
Viele Musiker, die heute von Kritikern und Obskuritätensuchern verehrt werden, sind heute frustriert über ihre mangelnde Würdigung durch Publikum, Veranstalter und Labels. Der Saxofonist Nathan Davis gehört nicht dazu. Seit er während seines Aufenthalts in Paris an der Sorbonne studierte, führt er ein Doppelleben als Akademiker und Ethnologe, bereiste unter anderem Brasilien, Türkei, Marokko, die Karibik - in der Regel jedoch zum Forschen. In den sieben Jahren in Europa spielte er mit Eric Dolphy und Donald Byrd, nahm unter anderem für SABA auf und schlug dafür sogar einen Vertrag mit Blue Note UND eine Stelle bei Art Blakeys Jazz Messengers aus. Auch nach seiner Rückkehr in die USA veröffentlichte er nur bei kleinen Firmen oder eben seinem eigenen Label Tomorrow International, das er 1976 mit diesem Album startete.
If ist aber nicht allein aus diesem Grund Kult, sondern ein längst ein fälliges Re-Issue. Es ist eine gewichtige Stimme inmitten einer Zeit der Rekonfiguration des kompletten Jazzbegriffs. Der elektrisierte Rockjazz von Weather Report und Mahavishnu, die verzweifelten Stromlinien-Verformungen zu Disco und Funk oder die Flucht in Theorie und Abstraktion - If ist davon seltsam unbehelligt. Es gilt als sein zugänglichstes - man könnte auch sagen: tanzbarstes - Werk. Es groovt, es kocht, und das in klassischer Combo-Besetzung (nur der Bass ist elektrisch). Im Gegenteil zum in Paris entstandenen Rules of Freedom (Polydor 1968), ist dieser Sound nicht radikal »free«, aber auf modale Weise frei und intensiv - man höre nur das dialogische Bass-Solo auf »African Boogie« - in der Art französischer Jazz-Soundtracks (von denen auch Davis selbst einige einspielte), es klingt dennoch nicht »dated« und es hat mit Sicherheit nicht seine Blue Notes verloren.
Bemerkenswert ist auch die Albendramaturgie. Auf jeder Seite drosselt eine Ballade das Tempo, darunter das entrückte Titelstück, mit perlendem Rhodes, Tupfern von Bass und langen inneren Monologen an Tenor und Sopran. Es ist urbane Noir-Melancholia, eine kleine Grübelei, die nicht nach dem Warum fragt, sondern nach dem Wenn. Was zunächst wie eine Fortsetzung desselben Gedankens klingt, erweist sich als Hommage an Cannonball Adderley und verbindet in einer Abschlusskadenz beide Temperamente mit dem Sentiment von Verlust. Unmittelbar beschwört ein Midtempo-Funk mit doppelten Flöten den Spirit von New Orleans. If ist eine interessant Ergänzung zum funky Stuff des Art Ensembles oder Herbie Hancocks, und dank interessanter Liner Notes und Interview auch ein guter Einstieg in eine selten gewürdigte Karriere. Es dürfte interessant sein, herauszufinden, wie sich Nathan Davis’ ethnologischen Untersuchungen seitdem in seine Musik eingeschrieben haben.
Eric Mandel
Ravi Coltrane
Blending Times
Ravi Coltrane: ts / Luis Perdomo: p / Drew Gress: a-b / EJ Strickland: dr / Charlied Haden: a-b / Brandee Young: harp
10 Tracks
Spieldauer: 56:23
Freeworld
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Den Rahmen von Ravi Coltranes neuestem Album bilden zwei Phantasien. Die Komposition »Shine« von Pianist Luis Perdomo ist ein wundersames Eintauchen in die Welt des Abwägens und Auslotens, in die Coltranes melismatisches wie nachdenkliches Spiel perfekt hineinpasst. Zum guten Schluss wechselt Coltrane dann das komplette Team aus – gegen Harfenistin Brandee Younger und seinen alten Ziehvater und Freund Charlie Haden, dessen Hommage an Alice Coltrane »For Turiya« mit riesigen Saitenwellen eröffnet wird. Um sich fortan in eine dieser faszinierenden, komplett in sich ruhenden Instrumentalballaden zu verwandeln, für die Haden schon immer ein Händchen hat. Zwei Stücke – zwei Ausrufezeichen! Doch auch dieses Niveau unterschreitet Coltrane mit seinem Quartett natürlich kaum bis gar nicht in den übrigen acht Stücken, die Improvisationen, Coltrane-Kompositionen sowie Thelonious Monks »Epistrophy« umfassen. Und die Mischung aus spiritueller Einkehr und offensiv quergetriebener Schlagkraft im Rhythmischen verblüfft nicht nur angesichts ihrer ausgelebten und ausgespielten Souveränität. Coltrane setzt zwischendurch die nötigen Fragezeichen, die genau den Raum lassen, um jedes Stück beim nächsten Mal wieder etwas anders wahrzunehmen.
Guido Fischer
Susi Hyldgaard
It’s Love We Need
Susi Hyldgaard: voc / NDR Bigband / Roy Nathanson, Bill Ware: arr
Nothing But an Angel / Legz On Up / It’s Love We Need / Awake She Is / Borderline Happiness / It’s Love We Need 2 / Simple Living / You Have What It Takes / Your Favourite Fool / Please Forgive Me / Little IS Better / Nothing But an Angel 2
Aufnahme: Februar 2008
Produktion: Susi Hyldgaard, Werner Aldinger
Spieldauer: 60:34
Yellowbird / Enja
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Natürlich wurde die Sängerin Susi Hyldgaard gefragt, warum sie sich für ihre neue Produktion dem Klangkosmos einer Bigband zuwendet, und sie antwortete schlicht: Manchmal ist es notwendig, Sachen bis an ihre Grenzen durchzuziehen. So ist eine ziemlich coole CD entstanden, die trotzdem alles andere als nach einer typischen Bigband-Scheibe mit Sängerin klingt. Was zum einen an den sehr originellen Kompositionen der dänischen Sängerin und Multiinstrumentalistin Susi Hyldgaard liegt, zum anderen aber auch an den mehr als ungewöhnlichen witzigen Arrangements aus der Feder von Roy Nathanson und Bill Ware, die auch Vocals, Toy-Pianos, Vibraphon und Saxofon beisteuern. Susi Hyldgaards Kompositionen und Texte haben dieses gewisse Extra, das genau nach diesen humorvollen Bearbeitungen schreit. Von daher war der Schritt - nach jahrelangen Produktionen im Kleinformat - zur Großformation ein nur logischer Schritt. Die Produktion pendelt zwischen intim-häuslichen Songabschnitten bis hin zum Tutti-Shout der NDR Bigband. Letztere war wahrscheinlich gut aufgelegt, weil mal wieder ganz andere Arrangements auf dem Notenpult lagen, und spielt absolut inspiriert. Bill Ware und Roy Nathanson haben Blech, Holz und Rhythmusgruppe komplett gegen den Strich gebürstet, selten klang eine (Rundfunk-)Bigband so psychedelisch wie die des NDR in »Awake She Is« mit seinem ungewöhnlich gesetzten Holzbläsersatz. Fazit: ein Experiment, das sich anfangs eher gewagt las – denn wer die Stücke von Susi Hyldgaard kennt, hatte vielleicht (wie ich auch) einige Zweifel –, das aber zu einem poppig-witzigen Projekt wurde, das Lust auf einen Nachschlag macht.
Angela Ballhorn
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