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Donnerstag, 2. September 2010

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Tonspuren März & April 2010 E-Mail
Bill FrisellTonspuren
Live At the Knitting Factory 9/26/96
Bill Frisell: g / Ron Miles: tp / Curtis Fowlkes: tb / Don Byron: cl, bcl / Eyvind Kang: viol
Improvisation #1 / Tales from the Far Side / The Rain In Spain / Starnge Meeting / Improvisation #2 / We’re Not from Around Here / The Gallows / Dead Ranch / Bob’s Monsters
Gesamtspielzeit: 71:17
Download von www.billfrisell.com
*****
Es gibt nicht viele Live-Alben von Bill Frisell, doch dank immer besserer interaktiver Möglichkeiten kann man sich jetzt eine Reihe herausragender Konzerte von der eigenen Website des Gitarristen runterladen. Ein absolutes Highlight ist ein Konzert aus den glorreichen Zeiten der Knitting Factory. 1996 erweiterte Frisell sein Quartett, mit dem er im selben Jahr das Album Quartet eingespielt hatte, um Don Byron. Das Programm entspricht auch in großen Zügen der CD, nur dass die Gruppe sich viel mehr Zeit lässt, um sich in den Stücken auszubreiten. Die Aufstockung um eine Person gibt der Gruppe darüber hinaus Tiefe und Erdung. Byron spielt nicht nur Klarinette, sondern verleiht der Musik vor allem auf der Bassklarinette neue Dimensionen. Frisell und Co können wesentlich weiter aus sich herauskommen, als das auf der konzeptionell und strukturell eher strengen CD der Fall sein konnte. Zusätzliche Höhepunkte sind nicht nur eine Adaption des Musical-Klassikers »The Rain In Spain«, sondern auch das Stück »Strange Meeting«, das Frisell zuvor mit seinem Rocktrio Powertools und auf den Alben Rambler und This Land vorgestellt hatte. Vieles hat den kraftvollen Charme einer Oldtime-Band. Klangtechnisch versetzt der Mitschnitt den Hörer direkt an den Rand der Bühne. Man hat den Eindruck, einem Moment einzigartiger musikalischer Inspiration unmittelbar beizuwohnen. Dieses Konzert ist nicht nur für Frisell-Fans unverzichtbar, es öffnet vielleicht auch dort Scheunentore, wo die Country-Jazz-Eskapaden des Gitarristen in den letzten Jahren nicht ganz so gut angekommen sein mögen.
Wolf Kampmann

Elina Duni Quartet
Lume, Lume
Elina Duni: voc / Colin Vallon: p / Bänz Oester: b / Norbert Pfammatter: dr
12 Tracks
Produzentin: Elina Duni
Spieldauer: 64:03
meta records / Sunny Moon
Zum Glück ist das zweite Album der aus Albanien stammenden Sängerin bei weitem nicht so harmlos nett, wie es das Cover erwarten lassen würde. Musikalische Grundlage sind Volkslieder, nicht nur albanische, sondern auch aus Bulgarien und Rumänien, Griechenland und der Türkei. Und in denen geht es keineswegs nur um Liebe, sondern um Trennung und Tod, tief Trauriges wie die verzweifelte Liebesklage, die Elina Duni gleich zu Beginn unbegleitet singt: sehr intim, völlig unprätentiös.

Auch im folgenden Song einer lebenslang ins Gefängnis verbannten Frau (oder ist es doch ein Mann?) begleitet zunächst nur der Schlagzeuger Elinas Gesang. Umso größer ist die Wirkung, wenn das Klavier mit wuchtigen Jazzakkorden einsetzt, wenn der Rhythmus sich steigert und die Band auf eine Weise Flagge zeigt, die klarstellt: Hier sind einige der besten Schweizer Musiker am Werk.

Schweizerisch ohne jeden Akzent sagt auf der Bühne auch die Sängerin ihre Songs an, die sie dann in einem halben Dutzend verschiedenen Sprachen singt. Ihr Scatgesang passt sich einem Roma-Song an, ihre Phrasierung eines albanischen Volksliedes dem vom Trio stark betonten Jarrett-Gospelfunk-Groove. Überhaupt ist es frappierend, wie selbstverständlich hier zwei Welten zueinander finden, weitab von klischeehaftem Balkanjazz. Polyrhythmik irgendwo zwischen etwas Afrika und viel Kosovo, ballaphonnahe Klavier(?)sounds treffen auf Griechenland. Wobei »Dhen Mboro Manoula« zugleich ein gutes Beispiel ist für die Kunst der Schweizer, die Spannung in langen Intros zu steigern. Hier sind es gute zwei Minuten, bis der Song förmlich explodiert. Und gleich anschließend lebt ein ganzer Song von geheimnisvoll gehaltener Atmosphäre.

Wer solche Dramaturgien hinbekommt, dem reichen zwei Akkorde für eine zunehmend modal gefärbte Hymne, spirituell im Sinne eines John Coltrane oder McCoy Tyner. Leidenschaftlich, traumverloren oder ganz schlicht und verhalten – Lume, Lume ist wohl noch ausgereifter als das 2008 erschienene Debütalbum Baresha, mit dem das Elina Duni Quartet bereits einen ganz eigenen Weg zwischen Balkan und Jazz gefunden hat. Und als abschließendes »Wir können auch anders« wagen sich Elina & Co. an Nick Drakes wunderbaren »Riverman«, den von Roger Cicero (mit Julia Hülsmann) über Brad Mehldau bis zu Steve Evans (Till Brönners arg brave Version ist hier bewusst nicht mit eingeschlossen) schon diverse Jazzmusiker sehr eigen adaptiert haben. Gewagt und einmal mehr gewonnen.
Klaus von Seckendorff

Oddjob
Clint
Goran Kajfes: tp / Per »Ruskträsk« Johannson: sax, cl, fl / Daniel Karlsson: keyb / Peter Forss: b, g / Janne Robertson: dr, perc / Johan Lindström: pedal steel g
The Good, the Bad & the Ugly / Palancio / Theme from the Pale Rider / Magnum Force Theme / Where Eagles Dare / Hang ’Em High / Musical Pocket Watch / Robbery Suspect / The Mayor / Ecstasy of Gold / Scorpio’s Theme / Let’s Do It
Spieldauer: 59:22
ACT / edelkultur
***(*)
Soundtrack-Adaptionen stehen derzeit unter Jazzmusikern hoch im Kurs. John Zorn hat dabei mit seinem Morricone-Tribute klar die Richtung vorgegeben. Die schwedische Band Oddjob wagt es nun, neue Wege einzuschlagen, und das ausgerechnet mit Musik zu Filmen von Clint Eastwood, also genau jenem Revier, in dem auch Herr Zorn allzu gern wildert. Den Originalen, die hauptsächlich aus den Federn von Ennio Morriccone und Lalo Schifrin stammen, tut diese Neubewertung gut, denn Trompeter Goran Kajfes und Co wollen nicht den Spaghettiwestern neu erfinden. Nein, sie transferieren diese Klassiker aus den Sechzigern und Siebzigern ohne jede Sentimentalität in die Gegenwart. Der Opener »The Good, the Bad & the Ugly« gibt die Richtung vor. Das Stück ist eher an Kraftwerk angelehnt als an übliche Verjazzungstechniken klassischer Soundtracks. Ungewöhnlich ist allein schon das Konzept der Platte. Da orientiert man sich nicht an einem Komponisten oder Stil, sondern an einem Schauspieler. Oddjob gelingt es gut, die schroffen Konturen der Eastwood-Charaktere rauszuarbeiten. Das ist kein Zeitgeistgeplänkel, sondern das mit sicherer Hand und knappen Strichen gezeichnete Porträt einer Ikone. Wer Eastwood in seiner lakonischen Art mag, wird ihn in diesen Skizzen unschwer wiederfinden.
Wolf Kampmann

Soledad
In Concert
Manu Comté: acc / Jean-Frédéric Molard: viol / Alexander Gurning: p / Patrick De Schuyter: g / Géry Cambier: b
Moon Mist / Escualo / Memoria E Fado / Tio! / Milonga Loca / Oblivion / Tango / Geai / Marche Royale & Danse du Diable / Adios Nonino / Escales / Concierto Para Quinteto / Karaté
Spieldauer: 60:00
Enja / edelkultur
****
Soledad kam 1995 in Brüssel zur Welt. Der Geburtshelfer hieß Astor Piazzolla, den die fünf Musikstudenten Manu Comté, Jean-Frédéric Molard, Alexander Gurning, Patrick De Schuyter und Géry Chamber gemeinsam entdeckten und sehr verehrten. Piazzolla, der Vater des Tango Nuevo, war drei Jahre davor gestorben und hinterließ ein kaum zählbare Menge an Tangomusik. Davon interpretiert das Quintett auf dieser Live-CD fünf Titel, wovon »Milonga Loca« den avantgardistischen Anspruch Piazzollas besonders eindrucksvoll verdeutlicht. Aber es sind eben nur fünf Stücke, die der Neumeister des Tango geschrieben hat. Die anderen stammen von Egberto Gismonti, von Manu Comté und Alexander Gurning, von Sebastian Surel und Frederic Devreese.

Und was hat Igor Stravinsky dort noch zu suchen? Dessen »Marche Royale & Danse Du Diable« (mit kleinen Ausschnitten aus »Geschichte des Soldaten«) fügt sich erstaunlich unkompliziert in den Duktus des Tango ein. Insbesondere das von Astor Piazzolla neu gemalte Klangbild des Tango veränderte diesen leidenschaftlichen Tanz grundlegend und führte ihn in die Nähe kammermusikalischer Arrangements. In »Concierto Para Quinteto« bediente sich Piazzolla dagegen auch bei der Musiksprache der Neuen Musik. Hier spiegelt sich die dunkle Seite des Tango im warmen Licht erquickender Nächte, die wahrscheinlich sogar in Brüssel möglich sind. Soledad jedenfalls gelingt es, die Stimmung und die Empfindungen dieser hoch emotionalen Musik nicht wie von Europäern interpretiert erscheinen zu lassen. Das ist schon die halbe Miete, und die andere Hälfte entwickelt sich aus so wunderbaren Kompositionen wie »Tango« von Frederic Devreese und dem nahezu ekstatischen »Tio!« von Alexander Gurning.
Klaus Hübner