jazzthetik - das magazin für jazz und anderes

Donnerstag, 17. Mai 2012

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Tonspuren November + Dezember 2011 E-Mail
Chick Corea / Stefano Bollanispuren.gif
Orvieto
Chick Corea, Stefano Bollani: p
12 Tracks
Spieldauer: 74:58
ECM / Universal
****(*)
Solche Konzerte bekommt man nicht mehr aus dem Langzeitgedächtnis heraus. Links: der Amerikaner Chick Corea im wallenden Batik-Leibchen. Und ihm gegenüber hatte der Österreicher Friedrich Gulda natürlich mit seinem obligatorischen Strickkäppchen auf dem halbkahlen Schädel Platz genommen. Und was für ein bipolares Dreamteam sich da Anfang der 1980er Jahre im Amsterdamer Concertgebouw auf zwei Flügeln verteilt hatte, war ab den ersten Takten klar. Denn wie sie sich die Blue Notes mit scheinbar unberechenbarem Spin zuspielten und immer wieder im Modern-Jazz-Gefüge überraschende Stopps einstreuten, war allein schon eine Improvisationsshow erster Güte.

Seitdem hat Chick Corea sich immer wieder neue Doppelpartner ausgesucht, um diese Glanzstunden des vierhändigen Jazz-Klavierspiels zu wiederholen. Doch weder kamen die Sessions mit etwa Gonzalo Rubalcaba an das Amsterdamer Konzert heran - noch jetzt an den Abend, den Corea mit seinem italienischen Kollegen und Bewunderer Stefano Bollani beim Umbria Jazz Winter in Orvieto gab. Und am Tag vor Silvester, am 30. Dezember 2010, sorgten Corea & Bollani schon mal für ein großes Feuerwerk. Nicht aber etwa mit großem Virtuosen-Geknalle und Highspeed-Raketen. Der Abend stand ganz im Zeichen des hellhörigen und feinfühligen Gesprächs über das Gestern und den Moment. In zwei Improvisationen markierte man zunächst in den beiden Programmteilen das gemeinsame Terrain. Und hier wie da machten Corea & Bollani unüberhörbar, dass das wild Zuckende und die manische Materialzersetzung nicht zu ihrem Grundvokabular gehören. Stattdessen wehte immer auch der Atem der großen Jazzgeschichte durch das prismatische Funkeln und perkussiv angelegte Geflecht. Optimale Vorzeichen und Einstimmung waren das demnach für alles, was folgte. Eigenkompositionen wie Coreas »Armando’s Rhumba« und Bollanis »A Valse da Paula« vermischten sich da mit Alltime-Hits aus der Feder Fats Wallers (»Jitterburg Waltz«) und Oden wie »Este Seu Olhar« von Antonio Carlos Jobim. Und weil zu keiner Sekunde der eine dem anderen irgendetwas beweisen wollte, pochte in den beiden Klavierstimmen nur ein gemeinsames Herz. Mal freudig erregt und dann wieder mit leicht melancholischer Schlagseite. Viel besser konnte das Jazz-Jahr 2010 nicht ausklingen.
Guido Fischer




Franca Masu

10 Anys
Franca Masu: voc / Marcello Peghin: g / Fausto Beccalossi: acc / Salvatore Maltana: b, bg / Marco Malatesta: perc / Mark Harris: p / Eros Cristiani: acc / Andreu Ubach & Roger Soler: perc
Cor meu / L’adéu / Passa Jesucrist / Aquamare / Tria la vida / Núvol blau / Astrolicamus / Ave Maria / Amargantango / Quedar-me sola/ Mirant estrelles / Lo nassaiolo / No res
Aufnahme: 2001-10, live @ various locations
Produktion: Alberto Erre, Rockhaus Blustudio/Sàsser
Aramúsica
*****
Wenn das westliche Mittelmeer eine Stimme hat, dann ist es die von Franca Masu; auch wenn die vornehmlich in Katalan alguères, der nordwestsardischen Version der katalanischen Sprache singt. In den 90ern begann die Frau aus Alghero mit Jazz, tingelte durch die damals zahlreichen kleinen Jazzclubs der Insel, machte sich auf die Reise, die Klänge des Mare nostrum zu erforschen. 2000 erschien ihr erstes Album, El Meu Viatge, die Nachfolger zeigten Stück um Stück neue musikalische Elemente: Zu Volksmusik und Jazz kamen nach und nach Fado, Flamenco und Arabisches. Die Begegnung mit dem Akkordeonisten Fausto Becalossi führt 2003 zum Einstieg in die Welt des Tango.

Auf Masus Studioalben kommt diese einzigartige Mischung oft recht poppig rüber. Live aber ziehen Sängerin und Band alle Register: Bass und Perkussion legen einen ausgefuchsten, aber effektiv-einfachen Teppich, den Marcello Peghins Gitarre verziert; und über, zwischen und unter dessen Wicklungen legt mit rhythmischer und melodischer Finesse Becalossi blitzende Glanzlichter. Über allem aber schwebt jene intensive Stimme, die in jeder Lage und Diktion voll da ist, die Schwester von Amália Rodriguez, Maria del Mar Bonet, Billie Holiday und Maria Tanase: Franca Masu, eine mediterrane Frauenfigur zwischen Mutter und Verführung, zwischen Anstand und Aufstand, zärtlich und rau, sentimental und frech. Die Aufnahmen ihres Dezennien-Albums reichen von Barcelona 2001 über u.a. Utrecht 2006, Istanbul 2007 bis hin zu Montréal 2010. Im deutschsprachigen Raum kam die Sängerin schon mal bis vor die Tore Wiens - auf einen Siegeszug hierzulande muss man wohl noch warten. Kann man sechs Sterne geben?
hAltma




Muhal Richard Abrams

SoundDance
Muhal Richard Abrams: p /Fred Anderson: ts / George Lewis: laptop, tb
CD 1: Focus, ThruTime … Time Part 1 / 2 / 3 / 4
CD 2: SoundDance Part 1 / 2 / 3 / 4
Aufnahme: 16. Oktober 2009, 24. September 2010, AACM Concert, New York
Produzenten: Muhal Richard Abrams, Yuhum Wang
Spieldauer: 38:10 (CD 1), 45:16 (CD 2)
PI Recordings / Al!ve
**** (CD 1)
**(*) (CD 2)
Wenn eine der Galionsfiguren der Chicagoer Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) ihren 80. Geburtstag begeht, dann kann dies eigentlich kaum im stillen Kämmerlein vonstatten gehen. Für den Pianisten Muhal Richard Abrams (»Die Ära des Individuums ist vorbei!«) steckten Freunde und dessen Plattenfirma PI Recordings deshalb in New York zwei grundverschiedene improvisatorische Korridore ab, die dennoch viele Gemeinsamkeiten aufweisen.

Am 16. Oktober 2009 traf Abrams auf den langjährigen Weggefährten und Tenorsaxofonisten Fred Anderson. Kaum zu glauben: Obwohl beide die AACM aus der Taufe hoben, war es nach über 50 Jahren ihre erste gemeinsame Kollaboration. Beide zelebrierten eine hohe, fast ausgestorbene Kultur des aufeinander Hörens, des Erahnens der Stärken des anderen, des Zulassens und Suchens. Dass »Focus, ThruTime … Time« nie den Grauschleier anderer zeitgenössischer Avantgardeprojekte aufträgt, sondern in jeder Phase warm und nahbar klingt, fast wie ein vertrautes, herzliches Gespräch zweier älterer Herrn bei Sonnenuntergang, verleiht der ersten CD einen Hauch von Zeitlosigkeit. Für Fred Anderson war es gleichzeitig der Schwanengesang. Er starb nur neun Monate später.

Der »SoundDance«, Teil zwei der Jubiläumsfeier, bei der sich Abrams mit George Lewis im September 2010 traf, wirkt dagegen eher kühl und schroff. Lewis setzt neben seiner Posaune ein Laptop ein und scheint das Geburtstagskind nach einer eher ruhigen Eröffnung förmlich zu Reaktionen provozieren zu wollen. Dabei entstehen verstörende Wellen zwischen Anspannung und Befreiung, eine Atmosphäre voller Angst und düsterer Vorahnung. Mutige Gefühle, um die der Jazz normalerweise einen großen Bogen macht. Dennoch dominiert hier in erster Linie Distanz.
Reinhard Köchl




The Microscopic Septet

Friday the 13th
Phillip Johnston: ss / Don Davis: as / Mike Hashim: ts / Dave Sewelson: bs / Joel Forrester: p / David Hofstra: b / Richard Dworkin: dr
Brilliant Corners / Friday the 13th / Gallop’s Gallop / Teo / Pannonica / Evidence / We See / Off Minor / Bye-Ya / Worry Later / Misterioso / Epistrophy
Aufnahme: 2010, New York
Produzent: Phillip Johnston
Spieldauer: 59:23
Cuneiform / Broken Silence
*****
... Plays Monk-Alben sind so gewöhnlich geworden, schreibt Peter Keepnews in den Liner Notes zu diesem Album, dass es nötig ist, auf die außergewöhnliche Klasse dieses Unternehmens hier hinzuweisen. In der Tat gehören die Kompositionen des eigenbrötlerischen Pianisten, der vor dreißig Jahren gestorben ist, zu denen, die in Jazzkreisen am häufigsten gespielt werden. Und es dürfte nur wenige Jazzfans geben, die nicht jede der Nummern auf diesem Album in- und auswendig kennen.

Nicht zuletzt hat seine Musik auch zur Gründung des Microscopic Septet entscheidend beigetragen. Sopransaxofonist Phillip Johnston spielte in seinem Appartement bei offenem Fenster eine Monk-Nummer, als Pianist Joel Forrester auf einmal im Zimmer stand: »Ich hatte den Typ nie zuvor gesehen, aber wir freundeten uns sofort an«, erinnert sich Johnston. Seitdem ist Monks Musik eine stetige Inspiration für die beiden Musiker geblieben. Bei Live-Auftritten spielt auch das Microscopic Septet immer die ein oder andere Monk-Bearbeitung, auf die fünf Studio-Alben der Band hat es bislang aber nur »Crepuscule With Nellie« geschafft. Das ändert sich mit dieser CD erheblich: The Micros play Monk - und zwar ausschließlich.

Jemand hat Thelonious Monk mal gefragt, wohin der Jazz geht, und erhielt folgende Antwort: »I don’t know where jazz is going. Maybe it’s going to hell. You can’t make anything go anywhere. It just happens.« In diesem Sinne funktionieren auch die Arrangements der Monk-Klassiker auf diesem Album. Sei es die Punk-Energie, die »Teo« speist, die Dekonstruktion von »Brilliant Corners«, in der die Bestandteile des Songs hin- und hergeschoben werden, das unweigerlich auf einen Höhepunkt zusteuernde »Evidence« oder das wie Krimi-Musik klingende »Misterioso«. Mit jeder Menge Humor holt The Microscopic Septet das Monksche Oeuvre ins 21. Jahrhundert und legt mit Friday the 13th eine der Jazzplatten des Jahres hin. Und gegen Humor hatte Monk nie etwas einzuwenden. »Die Leute lachen über deine Musik«, hat ein Bekannter in den Anfangstagen seiner Karriere zu ihm gesagt. »Lass sie doch«, hat Monk geantwortet. »People need to laugh a little more.«
Rolf Thomas